Die Sache mit der Hundeerfahrung

  • Aber ich will auch mal die ketzerische Frage in den Raum stellen, ob das immer mit dem Tierschutzgedanken vereinbar ist.

    Als Beispiel ein typischer, mittel-ausgeprägter Angsthund aus dem TS, so die Liga, in der Hopfen und Malz nicht verloren sind, wo dem Hund mit richtigem Umgang und der richtigen Unterstützung gut geholfen werden kann.

    Dieser Hund könnte bei jemandem mit Erfahrung und Kompetenz in diesem Bereich in weit kürzerer Zeit aus einem hohen Angst-Level rausgeholt werden, als bei jemandem, der erst noch seine Erfahrungen damit sammeln muss, der - verständlicherweise - Fehler einbaut, die die Entwicklung verzögern. Wäre es tierschutzgerecht oder moralisch vertretbar, einem Hund zuzumuten, weit längere Zeit als nötig, in einem Angstzustand verharren zu lassen?

    Ich persönlich finde bei einem mittleren Angsthund andere Dinge wichtiger als die Kompetenz.


    Zuallererst das Wohnumfeld (Garten vorhanden, ländliche Umgebung etc.), ganz viel Empathie und Einfühlungsvermögen und das Vorhandensein eines souveränen Ersthundes (oder mehrerer Hunde). Was nützt einem all das Wissen um Lerntheorien, wenn man mitten in der City wohnt und der Hund einfach dadurch schon komplett überfordert ist.


    Wenn alle Rahmenbedingungen stimmen und jemand hat Erfahrung und das Wissen, klar ist das dann das Optimum. Aber rechtfertigt weniger Wissen bei guten Bedingungen einen Verbleib des Hundes im Tierheim oder Shelter? Oder ist es nicht in jedem Fall eine Verbesserung ein Zuhause bei einer Familie zu haben, umsorgt zu werden, gefüttert und medizinisch betreut? Auch wenn man es nicht perfekt macht?

  • ...


    Wobei man dann auch dazusagen muss - früher lief das alles noch gechillter ab, auch in meiner Kindheit noch, und die ist noch nicht soooo lange her. Da durfte man noch Fehler machen.


    Heut kriegt man wegen kleinster Dinge schon die Giftköder zugeworfen. :no:


    Früher wurden leider auch Tiere durch böswillige Menschen vergiftet, es gab nur keine social media Kanäle die diese Sauerei in die breite Öffentlichkeit trugen.


    Ich habe bis dato noch nie einen Giftköter zugeworfen bekommen!


    Aber stimmt schon, der Hund an sich muss heutzutage irre viel leisten, um nicht als Hund aufzufallen, das ist schon eine Aufgabe für uns Hundebesitzer und mit der unpassenden Nachbarschaft kann das schnell ungemütlich werden.

  • Spannend fände ich jetzt: Hat hier irgendjemand mit einem "Nicht-Anfänger-Hund" (laut DF-Standards :lol: ) angefangen? Wie waren die Erfahrungen?


    Wieso wurde es genau diese Rasse/dieser Mix? Wurden die Erwartungen erfüllt/widerlegt?

    Ja, hier.


    Ok, zum 10. Geburtstag hab ich nen Foxterrier geschenkt bekommen :see_no_evil_monkey: und mit dem lief die Erziehung prima.


    Mein damaliger Freund hatte Angst vor ihm... Als wir dann studieren waren, sind wir einmal die Woche im Tierheim spazieren gegangen, da war die Angst vor Hunden schnell weg. Irgendwann saß da der Bär... Ein Steh- und ein Schlappohr, 70cm groß und nur ca 30kg schwer. Er war so nett, gehorsam, freundlich, verträglich. Ein Traum. Ok, er hatte Durchfall - an Stress haben wir damals nicht gedacht. Schäferhund-Rottweiler-Mix - ach, mit Schutztrieb kommen wir schon klar :grinning_squinting_face: wir, 23 Jahre, getrennte Wohnungen, Großstadt, kein Auto, ziemlich naiv. Diego zog ein.


    Nach ein paar Wochen - als er uns so richtig ans Herz gewachsen war :beaming_face_with_smiling_eyes: - kamen seine Macken zum Vorschein. Sehr misstrauisch Fremden gegenüber, Radfahrer und Menschen stellend, Hunde anpöbeln, im Freilauf kontrollieren und bei Bedarf vermöbeln, Besuch kontrollieren, Ressourcen klauen und verteidigen, nicht alleine bleiben können bzw Türen öffnen können, draußen jeden Mist fressen... Ich glaube das wars.


    Erfahrungen? Joa, viel Arbeit. Auch jetzt nach 10 Jahren ist er kein Mitläufer und braucht viel Aufmerksamkeit und Kontrolle. Wir sind einige Male haarscharf an ner Anzeige vorbei geschrappt... Zum Glück gab es außer uns nie irgendwelche Verletzten.

  • Wenn ich hier im DF angefragt hätte, hätte ich niemals einen Hund haben dürfen, noch nichteinmal einen kleinen Wuschel. Ich bekam in 2007 auch keinen Hund aus dem TH. Stadtwohnung und Gehbehinderung war wohl in der Kombi tierschutzrelevant.

    Dummerweise lernte ich einen ps Schnauzer kennen, der hatte mich so fasziniert, dass ich unbedingt einen haben wollte. Beim Züchter angerufen, Termin vereinbart zum Welpen gucken, hingefahren, MS Welpen bewundert, mit ZS ps wieder nach Hause gefahren. Spontankauf.

    Es war die beste spontane Idee meines Lebens gewesen. Alle Leute hielten mich für völlig verrückt, hatten sie auch irgendwie recht, aber man sollte sich nicht alles zerreden lassen. Berta und ich mutierten zu siamesischen Zwillingen. Trotz Gehbehinderung BH bestanden und turniermäßig Agi gemacht. Sie kam mit in die Stadt, in den Einkaufspark, ins Restaurant, lag unangeleint beim Turnier auf ihrem Stuhl und half mir sehr bei der Erziehung von Tilde.

    Hundeerfahrung hatte ich schon irgendwie. Zuhause hatten wir erst einen Collie, dann kam der Boxer (Das war mein absoluter Favorit), dann ein Airedale Terrier anschließend ein Aussie. Wegen der vielen verschiedenen Rassen bin ich da auch relativ entspannt an die Sache rangegangen. Bauchgefühl gepaart mit gesundem Menschenverstand, Empathie und Konsequenz waren mein Weg und das war nicht der schlechteste. Manchmal muss man sich auch einfach mal was trauen, wenn man dazu bereit ist sich auf ein neues Abenteuer einzulassen.

  • Spannend fände ich jetzt: Hat hier irgendjemand mit einem "Nicht-Anfänger-Hund" (laut DF-Standards :lol: ) angefangen? Wie waren die Erfahrungen?


    Wieso wurde es genau diese Rasse/dieser Mix? Wurden die Erwartungen erfüllt/widerlegt?

    Hier :winken:


    Deutsche Schäferhündin von einem, aus heutiger Sicht, Vermehrer.


    Mutter war gelb-schwarz/HZ, Vater ein Grauer/LZ und ehemaliger Grenzschutzhund.


    „Aufzucht“ in einem Schuppen hinten auf dem Grundstück. Welpen standen im eigenen Kot. Das war 1996.


    Wir hatten keine nennenswerten Probleme. Ich war aber auch schon mit 17Jahren regelmäßig mit ihr auf dem Hundeplatz eines DSH Vereins. Erzogen wurde sie damals die ersten Jahre mit „harter Hand“ von mir. Sehr konsequent mit niedriger Fehlertoleranz und viel Unterstützung durch erfahrene DSH Führer, allerdings der alten Schule. Einige Jahre später habe ich umgeschwenkt auf Partnerschaft


    Aber nein, sie war knackig aber ich wusste tatsächlich gut damit umzugehen und sie eng zu führen.

  • Oder ist es nicht in jedem Fall eine Verbesserung

    Ich zitier mal nur diesen Teil.


    Du gehst von guten Umfeldbedingungen aus.

    Da wäre es für mich eine individuelle Abwägungssache, die tatsächlich für mich häufig in die Richtung gehen würde "ja mei, lieber kurzfristige (!) Startschwierigkeiten, als für immer im Shelter" laufen würde, aber auch nicht pauschal.


    Aber es gibt nun mal leider auch die Konstellation "Umfeld passt für diesen Hund überhaupt nicht" UND "unerfahrenen Halter" und da sehen dann auch die von Dir genannten Aspekte wie "medizinische Versorgung" auf einmal gar nicht mehr so rosarot aus, wenn auch dabei die Erfahrung fehlt.

  • Aber ist da wirklich die Hundeerfahrung ausschlaggebend?


    Mein Onkel hatte als Ersthund genau so einen wahnsinnig ängstlichen Collie-Mix aus dem Tierheim.

    Hat gepasst, der Hund ist richtig aufgeblüht in seiner Hand. Warum?


    Weil der Hund in einen kinderlosen ruhigen Haushalt kam. Haus mit Garten auf dem Land. Ruhiger Lebensstil. Und vor allem ist mein Onkel ein sehr ausgeglichener in sich ruhender Mensch mit viel Geduld.


    Und ich denke diese Fähigkeiten sind wichtiger als nur reine Hundeerfahrung.

    Hundeerfahrung ist nur dann hilfreich, wenn man ein Händchen für diese Art Hund hat.

  • Aber ist da wirklich die Hundeerfahrung ausschlaggebend?

    Nein, nicht immer, das hab ich doch aber auch nirgends geschrieben.


    Ich hab die Formulierung "mit Erfahrung und Kompetenz in diesem Bereich" genutzt. Die z. B. auch bedeuten kann, dass man ein unglaublich empathischer Mensch ist, der genug Einfühlungsvermögen besitzt, um sich mit einem als Beispiel genannten Angsthund weiter zu entwickeln.

    Das kann auch einfach bedeuten, dass man das Talent hat, sich sehr rasch auf sein Gegenüber einstellen zu können, ein gutes Bauchgefühl hat oder was auch immer einen geborenen Tiermenschen ausmacht.


    Natürlich gibts auch solche Glücksfälle, wo einfach alles für diesen einen Hund passt. Und es gibt auch Glücksfälle, wo das zu Anfang nicht so war, sich aber rasch drauf eingestellt werden konnte und die Bedingungen verbessert worden sind.

    Aber es gibt leider genauso auch die anderen - wo zuviel nicht oder gar nix passt. Und wo dem Hund ungewollt mehr Leid zugefügt wird, als man vertreten kann, wenn man das Ganze noch Tierschutz nennen möchte. Letzteres wird oft vergessen und ich wollte es nur in Erinnerung rufen.

  • Ich finde nicht, dass es Anfängerrassen gibt. Dazu spielen zu viele Dinge rein. Es gibt aber Rassen die für Anfänger, die ich nenne es mal die Standardanforderungen und zum ausprobieren sehr gut geeignet sind und entsprechend auch regelmäßig empfohlen werden.

    Wss es mMn aber sehr wohl gibt, sind Rassen die nur unter ganz bestimmten Bedingungen in Anfängerhände gehören (zB Malinois zu DHF die noch keine Hundeerfahrung haben).


    Grundsätzlich bin ich aber kein Fan davon Rassen diesbezüglich zu unterteilen. Rassewahl ist etwas sehr persönliches wenn man es richtig macht und muss entsprechend auf jeden einzelnen maßgeschneidert werden.

  • Mein erster Hund war auch kein „Anfängerhund“: Shiba-Mix aus dem Tierheim, Abgabehund, wobei der Grund nicht bekannt war. Rückblickend vermute ich, dass es im vorherigen Haushalt zu brenzligen Situationen/Beißvorfällen kam. Im TH hab ich mir drei Hunde genauer angeschaut und kam mit ihm am besten zurecht, auch weil mir seine Art/Wesen am meisten zugesagt hat. Mein Beuteschema war’s optisch nämlich nicht.

    Rückblickend war dieser Hund schon auch viel Arbeit, wobei das vermutlich mehr daran lag, dass er im Vorfeld recht wenig gelernt bzw. schlechte Erfahrungen gemacht hatte und weniger allein an dem Rassemix als solchem. Ich war allerdings nie „verzweifelt“ und die Arbeit mit ihm hat sich weniger nach harter Arbeit angefühlt. Mir hat dieser Hunde-Typ einfach sehr gelegen, denn ich kann mir schon auch vorstellen, dass andere ihn furchtbar schrecklich gefunden hätten und so gar nicht glücklich gewesen wären. Hach, ich vermisse meinen kleinen sturen, eigenständigen, ernsten aber sensiblen Kerl.

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