Für die Leseratten - Der Bücherthread - Band 3

  • Habt ihr konkrete Tipps für die erfolgreiche Suche nach passenden Buch-Nachfolgern?

    Ich habe seit zwei Jahrzehnten nur noch Fachbücher gelesen. Aus irgendeinem Grund bin ich spontan in die winterliche Leserunde eingestiegen und "Der gefrorene Fluss " gefällt mir richtig gut. Ich würde gerne wieder mehr zum Vergnügen lesen, aber ich bin mir auch sicher, dass ich es wieder lasse, wenn mir die nächsten Titel nicht zusagen.

    Ich habe natürlich schon selbst geschaut und z.B. https://whatchareadin.de/ gefunden, aber die Suchergebnisse sprechen mich kaum an. |)

    Nutzt ihr aktiv irgendwelche Portale, wenn ja, mit welchen seid ihr zufrieden?

    Man kann ja überall, wo man online Bücher kaufen kann, auch Titel finden, die andere gekauft haben, die auch das bestimmt Buch gekauft haben. Nur können sie die Bücher ja auch gekauft haben und doof finden.|)

    Schau mal bei Literature-map.com

    Dort gibt's du den Namen der Autorin/des Autors ein. Jetzt näher die anderen Schriftsteller/innen sind, desto ähnlicher der Stil/das Thema/das Genre

  • Ich ziehe meine Anregungen aus einigen guten FB-Literatur-Gruppen, Empfehlungen aus dem Umfeld oder auch hier aus dem Thread, bzw war das mal so, aktuell ist hier wenig für mich interessantes vertreten.

    Das gleiche ich dann oft noch mit den gesammelten Stimmen des Feuilletons (bei perlentaucher.de) ab, bevor ich kaufe

  • Habt ihr konkrete Tipps für die erfolgreiche Suche nach passenden Buch-Nachfolgern?

    Ich habe seit zwei Jahrzehnten nur noch Fachbücher gelesen. Aus irgendeinem Grund bin ich spontan in die winterliche Leserunde eingestiegen und "Der gefrorene Fluss " gefällt mir richtig gut. Ich würde gerne wieder mehr zum Vergnügen lesen, aber ich bin mir auch sicher, dass ich es wieder lasse, wenn mir die nächsten Titel nicht zusagen.

    Ich habe natürlich schon selbst geschaut und z.B. https://whatchareadin.de/ gefunden, aber die Suchergebnisse sprechen mich kaum an. |)

    Nutzt ihr aktiv irgendwelche Portale, wenn ja, mit welchen seid ihr zufrieden?

    Man kann ja überall, wo man online Bücher kaufen kann, auch Titel finden, die andere gekauft haben, die auch das bestimmt Buch gekauft haben. Nur können sie die Bücher ja auch gekauft haben und doof finden.|)

    Wie geschrieben nutze ich eigentlich gar keine Empfehlungsportale direkt. Ich lese Buchbeschreibungen, da muss was mein Interesse ansprechen. Und wenn ich ein Interesse habe, dann gucke ich ganz banal bei Google nach Kritiken für dieses Buch (da kommen dann natürlich auch die Portale und Kritikerstimmen).

    Ich empfehle Dir passend zur Jahreszeit mal „Der Wintersoldat.“

  • Ich lese auch gerne Bücher ein zweites, drittes oder viertes Mal. Herr der Ringe habe ich zwischen meinen achten und 16. Lebensjahr jedes Jahr mit in den Urlaub genommen, weil da durften aus Platzgründen nur drei Bücher mit und so war man zumindest mit dem einen schon mal ein bisschen ausgelastet xD

    Gerade habe ich die Scholomance Reihe ein zweites Mal beendet. Hat mir wieder genauso gut gefallen und hatte wieder genauso eine schöne Saugwirkung auf mich. Ich weiß gar nicht warum, objektiv gesehen sind die inneren Monologe wirklich viiiiel zu lang, aber da stört mich das gar nicht.

    Jetzt versuche ich wieder in "Englischer Harem" reinzukommen, das ich für El und Orion unterbrochen habe.

  • Shalea ich habe hier letztens gefragt und nun 9Tabs mit Buchtiteln offen, die ich lesen möchte :upside_down_face:

    Außerdem werde ich im coolen Buchladen hier ein Abo abschließen und bekomme dann ein Buch im Monat. Darauf freue ich mich auch schon!

  • So, durch mit meinem vierten Roman von Barbara Kingsolver - "Unsheltered"

    Hach, ich lese sie einfach so irrsinnig gerne. Dabei muss ich gestehen, dass dieser Roman mir bisher am wenigsten von den vieren gefallen hat - wobei das mal wieder Jammern auf hohem Niveau ist und einfach widerspiegelt, dass mich persönlich die erforschten Themen und Familiendynamiken nicht ganz so catchen konnten wie die in "Flight Behavior", "Demon Copperhead" und "The Poisonwood Bible". Dennoch ist und bleibt Kingsolver eine Autorin, die ihr Handwerk versteht und deren Romanen es weder an Herz noch an Hirn fehlt.

    Diesmal geht es um zwei Zeitlinien, womit ich generell oft etwas hadere in Romanen - ich mag es einfach nicht so gerne, aus einer Zeitlinie wieder und wieder hinausgerissen zu werden. Andere empfinden dies vielleicht komplett gegenteilig.

    Im "Hier und Heute" begleiten wir die US-amerikanische Familie Tavoularis - Willa, die mit Mitte 50 ihre Stelle als Journalistin verloren hat, ihren Mann Iano, Kind griechischer Einwanderer und Dozent an der Uni, leider noch immer ohne unbefristeten Vertrag, Ianos übellaunigen und rechte Parolen nachplappernden pflegebedürdtigen Vater Nick sowie Ianos und Willas erwachsene Kinder - die erstaunlich findige und praktisch veranlagte Studienabbrecherin Tig, die eine ganze Weile in Kuba lebte und plötzlich wieder vor der Tür des Elternhauses stand, sowie dem erfolgsorientierten Sohn Zeke, dessen bisheriges Lebensglück ein jähes Ende findet, als seine Partnerin Helene sich das Leben nimmt und Zeke als alleinigen Vater des gemeinsamen Babys zurücklässt.

    Willa und Iano sind kürzlich erst nach Jersey in das Städtchen Vineland gezogen, in ein geerbtes Haus, welches zu ihrem Schrecken jedoch von einem Fachmann als abrissreif erklärt wird. Während ihnen buchstäblich die Decke auf den Kopf fällt, recherchiert Wills zur Vergangenheit des womöglich geschichtsträchtigen Hauses - in der Hoffnung, das Gebäude so womöglich durch eine Art Förderung bewahren und stabilisieren zu können.

    So sind die beiden Geschichten miteinander verbunden, denn die zweite Zeitlinie erzählt von der im späten 19. Jahrhundert in Vineland ansässigen Naturforscherin und Botanikerin Mary Treat, einer unkonventionellen tatsächlich existierenden historischen Frau, die sogar mit Pionieren wie Charles Darwin und Asa Gray korrespondierte, deren eigener bedeutender Beitrag zur wissenschaftlichen Forschung aber leider häufig vergessen wird. Nicht aus Marys Perspektive selbst wird diese Zeitlinie geschildert, sondern aus der des fiktiven Schullehrers Thatcher Greenwood, einem Nachbar Marys, der sowohl unter seiner sehr traditionellen angeheiratetn Familie leidet als auch unter den kondervativen Kräften im Ort und an seiner Schule, sodass es ihm verboten ist, Ideen wie die damals höchst umstrittene Evolutionstheorie zu lehren. In Mary findet er eine ebenbürtige intellektuelle Austauschpartnerin, doch die politische Situation in Vineland unter ihrem charismatischen aber autoritären Gründer Landis sowie seine berufliche und familiäre Situation spitzen sich mehr und mehr zu...

    Kingsolver ist immer lesenswert und auch dieses Buch unterhielt mich insgesamt bestens und lehrte mich sogar Neues, denn zu meiner Schande war auch mir Mary Treat bislang völlig unbekannt. Die schräge historische Geschichte um die Stadt Vineland (die so tatsächlich stimmt - ich möchte allerdings nicht zu viel verraten) war mir halt etwas zu speziell und nicht so von Interesse für mich, aber wie gesagt - das ist Geschmackssache. Etwas schade fand ich die männliche Perspektive, die Kingsolver wählte, um dem Leser Mary Treats Tätigkeit und die damaligen gesellschaftlichen Lebensumstände näherzubringen.

  • Abgeschlossen: Nick Land „Okkultes Denken“, T. Kingfisher „Wie man einen Prinzen tötet“ und auch T. Kingfisher „A Wizards Guide to Defensive Baking.“

    Kingfisher kann ich uneingeschränkt empfehlen, wenn man ein Faible für Märchen hat, bei denen das Grauen nicht ausgespart wird und die etwas gegen den Strich gebürstet daherkommen. Sprachlich schön, liebevoll gezeichnete Figuren und zeitlos aktuelle Themen. Schräger Humor und originelle Ideen. Das Spielfeld ähnlich wie bei Christina Henry. Aber kürzer, stilistisch deutlich mehr dem Märchen verhaftet und für mein Empfinden Längen besser. Was auf Deutsch erhältlich ist, werde ich mir zulegen, blind. Hat in den letzten 5 Jahren im Bereich Belletristik nur noch Natasha Pulley geschafft.

    Hier übrigens auch eine Empfehlung: Wer etwas mit schon ausschweifender erzählter versponnener Fantasy anfangen kann, kein Problem mit einer schönen queeren Liebesgeschichte hat und nicht unbedingt massiv Sction braucht, hat jetzt die Möglichkeit, zwei Bände zum Preis weniger als einer zu erwerben. Hobbitpresse macht das gerne mal. In der Gold Edition gibts also gerade „Der Uhrmacher aus der Filigree Street“ und „Die verlorene Zukunft von Pepperharrow“ im Bundle.

    Und - endlich - durch mit Nick Kand, kommentiert von Dietmar Dath und Philipp Theison. EinnQuerschnutt durch das Werk von Nick Land von seinen Anfängen bis hin zum Essay „Desintegration“ von 2019.

    In Adorno und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ arbeiten diese am Werk von Kant kritisch heraus, wie sich Vernunft, die sich von Mystik und Aberglaube löst, damit auch vom Ethos löst. Kant selbst hat über 3 verschiedene Arten der Vernunft theoretisiert und meiner Erinnerung nach (ich finde es leider nicht mehr) selbst festgehalten, dass er nicht recht zu sagen wüsste, wie sich aus der Anwendung von “Praktischer Vernunft“ die „Reine Vernunft“ ergibt.

    Und es beschreibt ein zentrales Dilemma unserer Gesellschaft ganz gut, dass sich aus praktischer Vernunft im Kleid der Zweckrationalität nicht rational ethisch nachhaltiges Handeln ergibt. In der unter Freiheit auch verstanden wird, zweckrational handeln zu dürfen. Und man in Folge dort, wo man ethisch nachhaltiges Handeln aus praktischer Vernunft heraus erklären möchte, in den Ruch des Zwangsmoralisten gerät. Oder geistige/verbale Umwege und Klimmzüge nehmen muss, die das Gesagte schlicht unglaubwürdig macht.

    Dazu kommt das schon zu Beginn falsche Versprechen des politisch mündigen Menschen unter dem Banner von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (danke auch, Jungs, dass Ihr es nur für eine Hälfte der Menschheit formuliert habt). Der freie bürgerliche Staatsbürger hat als Ideal seine Glaubhaftigkeit verloren. Gott als höchste Moralinstanz ist laut Nietzsche tot, verwest aber nach Lacan als väterliches Gesetz in unserer Sprache nach und sorgt für den Wunsch nach Anerkennung und Legitimierung des eigenen Seins und Handelns durch das Eingeschriebensein in einen „Großen Anderen“ - einen transzendenten Sinnzusammenhang außerhalb des Ichs. Dem aber die verbindliche Grundlage fehlt.

    Diese Lücke macht anfällig für Denker wie Nick Land. Und schon fast folgerichtig startet der Band der übersetzten Texte mit seiner Auseinandersetzung mit Kant, dann Schopenhauer, Hegel, Nietzsche, schließlich Bataille. Und in seinen frühen Texten nich stark beeinflusst von Deleuze/Guattaris „Anti-Ödipus“ (zumindest den sollte man auch gelesen haben, sonst versteht man kaum etwas von seinen Bezügen). Mit dem Anti-Ödipus im Hinterkopf arbeitet er sich in folgenden Texten durch Lovecraft, Gibson, Gnosis und Kabbala. Auf hochinteressante, ästhetisch faszinierende und sehr anspruchsvolle Weise und hochintelligent auch da, wo er im rein mythisch Spekulativem ist.

    Er zeigt und nutzt dabei brillant die Schwächen gängiger ethischer Denksysteme für seine Programme der „Deindividuierung“. Wie eine Art Menschmaschine der Zukunft, die in die Gegenwart hineinwirkt und dafür sorgt, dass sie sich manifestieren kann. Die Auslöschung des Äußeren durch das von Moral unbelastete Grauen der „Großen Alten“ im Inneren.

    Oder schlussendlich der von allen moralischen Hemmungen befreite Kapitalismus. Der das Schwache und das, was „Pech gehabt hat“ nicht mehr bezuschusst (und dadurch ausmerzt), bei der die Mächtigen die „Regierung AG“ lenken in einer Form, dass den Menschen die von ihnen gewünschte Freiheit, gut zu essen (heute würde man wohl „gut zu konsumieren“ sagen, und das meint er wohl auch) unbehelligt nachkommen können. Wodurch politische Freiheit für die eh obsolet wäre (was die dafür zu leisten haben und wie sich das mit Freiheit verträgt, das spart er aus). Rassisch getrennt übrigens, weil es nunmal eben nicht so sei, dass alle Menschen gleich seien.

    Die frühen Texte mit ihrer munteren Verquickung von Philosophie auf hohem Niveau, Phantastik und Ästhetik sind zumindest wirklich interessant und schlicht außerordentlich gut gemacht sind, trotz Syllogismen, esoterischer Schaumschlägerei und ihrer ethischen Widerwärtigkeit.

    Die späteren Werke, in denen unverhohlen rechtsextreme bzw. faschistische Machtübernahme, von ethischen Fesseln befreiter technologischer Fortschritt und reiner Kapitalismus (bis hin zur Zerstörung der Erde) und rassische Ausgrenzung fordern, sind in großen Teilen nicht nur ekelhaft, sondern schlicht schlampig und schlecht gemacht. Er weiß immer noch geschickt Schwachstellen von Ethik aufzuzeigen und auszunutzen, aber genau die Schwächen in der Legitimation der kritisierten Denkweisen, die er aufzeigt, legt er selbst dann auch an den Tag. Die oft zitierte „Dunkle Aufklärung“ mit ihrer schon ziemlich abgegriffenen Herleitung von Nietzsche kommt für mein Empfinden schlicht banal daher, da hätte ich mir vom Klappentext her deutlich mehr an Ärgernis versprochen.

    Keine Ahnung, ob sein Denken am Rechtreaktionärem gelitten hat, ob er schlicht geschlampt hat, weil mehr nicht nötig ist zum Überzeugen, oder es nicht zu anspruchsvoll für seine Gesinnungsnossen sein darf, oder ob er da einfach sein Arsenal noch nicht voll genutzt hat, warum auch immer: Dieser Text ist nicht böse, sondern schlecht. Was ihn nicht daran gehindert hat, unheilvollen Einfluss auszuüben.

    Der anschließende Briefwechsel von Dath und Theison hingegen, der gleichzeitig auch als Kommentar zur Einordnung dient, ist kenntnisreich und interessant, auch wenn ich nicht mit allem übereinstimme.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!