"Welche Rolle spielt die Beziehung in der Erziehung?"

  • Ich glaube jeder von uns setzt, soweit es geht, auf Kooperation.

    Aber je nach Charakter vom Hund stößt die Kooperation an seine Grenzen.

    Wenn mein Hund Besuch nicht freundlich gegenüber steht, dann läuft das hier bei mir über Gehorsam ... Punkt! Und nein, meine Hunde kooperieren da nicht freiwillig. Die haben gelernt, was es gibt, wenn sie tun, was ich sage, aber sie haben auch gelernt, was passiert, wenn sie nicht tun, was ich sage.

    Gleiches gilt für jagen, pöbeln, aggressives Verhalten jeglicher Art ... da kooperieren meine Hunde nicht, weil wir ja auf Augenhöhe miteinander leben. Da kooperieren die, weil sie durch Motivation wissen, dass es sich lohnt und durch Zwang wissen sie, dass sie müssen. Diese beiden Komponenten greifen immer ineinander.


    Das bedeutet natürlich nicht, dass ich keinen liebevollen und respektvollen Umgang mit den Hunden pflege.

    Aber hören müssen sie halt trotzdem, egal wie sehr ich sie lieb habe ^^

  • Die Frage ist denke ich, welche Assoziationen man beim Begriff "Dominanz" bekommt. Wenn man das gleich mit Unterdrückung, Unterwerfung oder gar Gewalt verbindet, dann verstehe ich, dass man das für sich selbst und die eigenen Hunde nicht annimmt. Das würde ich für mich auch nicht. Ich finde aber, dass der Begriff Dominanz viel zu sehr von verschiedenen Trainingsformen missbraucht wurde (und dabei falsch dargestellt, missverstanden). So wie ich die wissenschaftliche Sicht jedoch verstehe ist der Begriff deutlich unproblematischer:

    Bei den allermeisten Tierarten haben ältere, erfahrene Gruppenmitglieder den höheren Rang. Denn neben den „Vorteilen“ einer hohen Stellung in der Gruppe, wie zum Beispiel den Vorrang in Konkurrenzsituationen um Futter oder Geschlechtspartner, haben dominante Tiere auch „Pflichten“, beispielsweise den Schutz gegen Angriffe von außen und Schlichtung von Streit unter subdominanten Individuen. Dafür braucht es Erfahrung und soziale Kompetenz. Das dominante Individuum einer Gruppe wird also nicht immer und ständig auf seine Position beharren und die anderen unterdrücken. Im Gegenteil: ein souveräner „Anführer“ zeichnet sich dadurch aus, dass er nur in wirklich wichtigen Situationen seinen Willen durchsetzt. Zum Beispiel zeigen Studien mit Javaneraffen und Saatkrähen, dass die dominanten Individuen öfter prosoziales Verhalten zeigen und mehr Futter teilen als die rangniedrigeren Gruppenmitglieder

    Darin kann ich mich durchaus wiederfinden. Ich muss nicht prinzipiell und ständig darauf pochen, dass ich jeden Furz entscheide, aber in relevanten Situationen treffe ich die Entscheidungen. Außerhalb von diesen Situationen bin ich gerne sozial, lasse meine Hunde Dinge entscheiden, will ihnen ihre Ressourcen nicht unnötig streitig machen etc.

  • Das ganze ist halt vor allem auch hoch individuell. Unser letzter Hund wäre für uns durchs Feuer gegangen, war jederzeit trostspendend da, wenn es einem Familienmitglied auch nur ein wenig schlecht ging und hat ein sehr feines Gefühl für nonverbale Kommunikation in der Familie gehabt.

    Aber er hat auch seinen Dickkopf gehabt und oft nicht eingesehen, etwas zu tun, nur weil einer von uns es ihm sagt. Insgesamt hat er dann doch noch ganz brauchbar gehorcht, aber wohl vor allem, weil ihm die dicke Luft, die bei Gehorsamsverweigerung aufkam dann doch unangenehm war oder weil er auch wusste, dass er letztlich nicht drumrum kam.
    Aber er hat ganz klar andere Prioritäten gesetzt und wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre er lieber alleine spazierengegangen und hätte großes und schnelles Wild gejagt. Danach wäre er zuverlässig heimgekommen und wieder der nette Familienhund. Teils mag das an ca 5 Jahren auf der Straße und einem ordentlichen Schuß Terrierblut gelegne haben. Aber Beziehung und Erziehung(serfolg) liefen hier ziemlich gegeneinander. Und nun denkt nicht, wir hätten es nicht auch mit Trainern probiert.
    Sein Nachfolger war früher auch Straßenhund, hört aber sehr gut und ist sichtbar bemüht alles richtig zu machen (mit noch vorhandenen Abzügen in der Impulskontrolle bei ihm unsympathischen Hunden oder - gewissen!- Wildsorten).

    Sehr leichtführig mit deutlichem will to please. Aber an der Beziehung hapert es auch nach 2 Jahren noch. Er ist kein regelrechter Angsthund, aber sobald ihm etwas unheimlich ist, verzeiht er sich. Es gibt Tage, an denen sehen wir ihn im Haus praktisch nicht. Fühlt sich jemand nicht gut, ist ihm auch das unheimlich und er verzieht sich. Beziehungsdynamiken in der Familie durchschaut er nicht im Mindesten und obwohl wir ihn jetzt zwei Jahre haben und vieles positiv bestärken ist sein Leben im Haus von vielen Ängsten begleitet. Der Arme, wir wissen nicht, was er erlebt hat, aber unsere Beziehung und gegenseitiges Vertrauen ist noch ausbaufähig.

    Lange Rede kurzer Sinn: Will sagen, Erziehung und Beziehung gehen oft Hand in Hand...aber nicht zwangsläufig.

  • Der Gehorsam könnte aber auch damit zusammenhängen, dass er euch noch nicht durchschaut. Also nach dem Motto: lieber gehorchen, ehe diese potentiell gefährlichen Menschen mir was tun.

    Hört sich jetzt zwar widersprüchlich an, aber ich denke, Kaya " diskutiert" mit mir auch manchmal deshalb, weil sie mich gut lesen kann und die Eskalationsleiter genau kennt. Sie weiß einfach, wann es " rummsen" würde und reizt das auch manchmal aus. Und gelegentlich kommt sie ja auch damit mal durch bei nicht so wichtigen Dingen.

  • Hundundmehr Was für Hunde hast du denn?

    Ich hab ja wirklich nette kooperative Hunde, aber auch die haben Ressourcenthemen, sind mal territorial, sexuell motiviert und haben einen gewissen Jagdtrieb. Und da pfeifen die auch manchmal schlicht auf mein Angebot zu kooperieren. Da sind meine persönlichen und die individuellen Grenzen jedes einzelnen Hundes und die sind auftrainiert und werden dann auch eingefordert. Je nach Hund und konkurrierendem Reiz eben sehr nett über ein verbales Verbot oder auch sehr deutlich inkl körperlicher Einwirkung.

    Aber du willst mir doch nicht ernsthaft sagen, dass du über reine Kooperation und Lernerfahrung deinen Hunden nie Verbote gibst. Die Lernerfahrung heute wäre, dass alle Hunde auf mein Kommando pfeifen können und den Rehen hinterher rennen, die 40m vor uns den Weg gequert haben.

  • Ich glaube nicht, dass diese Diskussion zu irgendetwas führt, weil es ja genau die gleiche Diskussion ist, die man auch seit Ewigkeiten bei Kindern hat. Kann ich meinen Kindern Freund sein, muss/kann ich (nur) Autoritätsperson sein, kann ich ein bisschen Autoritätsperson sein, kann ich vielleicht auch gar nicht Autoritätsperson sein, sondern ich regel alles gemeinschaftlich...

    Man sollte nur nicht davon ausgehen dass man aufgrund der Konstellation NUR das und das sein KANN, bei Menschen die das anders machen wahlweise die Kinder/Hunde auf den Tischen tanzen oder ein vollkommen unterdrücktes Leben fristen oder irgendwas davon jetzt der goldene Weg wäre.

    Ansonsten muss sich da jeder irgendwie einordnen wie er es für sich richtig hält.

  • Ich glaube nicht, dass diese Diskussion zu irgendetwas führt, weil es ja genau die gleiche Diskussion ist, die man auch seit Ewigkeiten bei Kindern hat. Kann ich meinen Kindern Freund sein, muss/kann ich (nur) Autoritätsperson sein, kann ich ein bisschen Autoritätsperson sein, kann ich vielleicht auch gar nicht Autoritätsperson sein, sondern ich regel alles gemeinschaftlich...

    Man sollte nur nicht davon ausgehen dass man aufgrund der Konstellation NUR das und das sein KANN, bei Menschen die das anders machen wahlweise die Kinder/Hunde auf den Tischen tanzen oder ein vollkommen unterdrücktes Leben fristen oder irgendwas davon jetzt der goldene Weg wäre.

    Ansonsten muss sich da jeder irgendwie einordnen wie er es für sich richtig hält.

    Weise Worte und ich stimme insoweit zu, dass eine Beziehung und die Gestaltung dieser Beziehung genauso individuell ist, wie die beteiligten Hunde und Menschen. Und es gibt viele Arten von funktionierenden Beziehungen.

    Es wäre ja schön, wenn das mal wertfrei akzeptiert würde.

    Und jetzt muss sich dann nur noch jeder fragen: wie stelle ich fest, dass ich mit dem Hund in einer guten, tragfähigen Beziehung lebe? Zeigt der Hund mir das an? Wenn ja, wie?

    Oder ist es wurscht, in welcher Art Beziehung ich mit dem Hund lebe, hauptsache der Hund funktioniert?

    Oder der Hund funktioniert nicht, aber das ist mir wurscht, weil wir lieben uns?

    Oder nur der Mensch liebt und der Hund fragt sich, in was er da hineingeraten ist?

    Mich treibt halt das Thema Beziehung ein bisschen um, weil ich - obwohl oder gerade weil ich "Dominanzler" bin - es für essentiell halte, zu versuchen, die Hundeperspektive einzunehmen. Was suchen, wollen und brauchen die Hunde in einer Beziehung?

  • Natürlich erziehe ich - aber Erziehung ist doch nicht gleich Dominanz?

    Doch, man ist dominant in dem Moment, wo man eine Entscheidung für den anderen trifft, in Situationen auch für den anderen entscheidet und egal wie man es sich schönreden will, Tierhaltung ist niemals eine ehrliche aufrichtige Partnerschaft, weil es schon mit der Zucht von Hunden beginnt, daß Tiere unserem Gutdünken ausgesetzt sind.

    Hunde können im Grunde gar nichts wirklich entscheiden, egal wie sehr wir auf "Kooperation" setzen, letztendlich wird eben doch das gefordert, was wir Menschen möchten.

    Ich weiß nicht, wann der Begriff Dominanz so zum Unwort wurde, Dominanz ist nicht automatisch negativ.

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