Erziehungsstile - positiv, aversiv, wie erzieht ihr und wieso?

  • Bei der ganzen Diskussion um „Erziehungs Stile“ finde ich es sehr wichtig zu verstehen, dass wirklich jeder, absolut jeder, mit allen vier Quadranten der Lerntheorie arbeitet.

    Jeder. Ausnahmslos.

    Es ist gar nicht möglich, die Quadranten voneinander zu isolieren, da in einem sehr kurzen Moment für den HUND- also den Empfänger - alles anders sein kann. Obwohl es vom Sender - dem Mensch - ganz anders gewollt war. Es ist Wunschdenken, dass man sich gezielt nur in einem Quadranten bewegt. Und auch völliger Quatsch, denn das Gehirn bedient sich der vollen Bandbreite, „Neuroplastizität“ - also „lernen“ - kann nicht so isoliert gesteuert werden

    Es geht eben NICHT um den Menschen, WIE dieser arbeitet. Es geht um den Empfänger, wie es dort ankommt. Oder wie es sich dort, manchmal innert Sekunden, entwickelt.

    Und das kann sich extrem schnell verändern, ohne dass es dem Mensch überhaupt bewusst ist.

    Das ist faszinierend und macht lernen so anspruchsvoll.

    Es relativiert dadurch aber auch jegliche Diskussionen im Netz, wo sich die Leute die Köpfe einschlagen. Das ist völlig sinnbefreit.

    Wenn man sich das mal bewusst wird, wird auch klar, dass „Strafe“ oder „Bestätigung“ nichts mit menschlichen Emotionen zu tun haben dürfen im Kontext der Ausbildung.

    (was wiederum falsch verstanden werden kann , wetten ich werde falsch zitiert? Emotionen am richtigen Ort zur richtigen Zeit sind Booster fürs lernen, genauso können sie aber auch starke negative Auswirkungen haben. Auch ein Lob kann zur Strafe werden - der Empfänger entscheidet, was es für ihn ist)

    Wir Menschen haben es aber halt leider einfach nicht im Griff, Emotionen rauszuhalten. Schönes Beispiel „Abbruch“. Oder „Gehorsam“. Nichts von beidem ist an und für sich mit negativen Emotionen verknüpft - bis es der Mensch tut.

  • Auch ein Lob kann zur Strafe werden - der Empfänger entscheidet, was es für ihn ist

    Bestes Beispiel: das kraulen in der Grundstellung. Viele Besitzer tun es, viele Hunde hassen es. Wir stellen das im Training immer wieder ab weil es beim Hund ganz anders ankommt als der Hundeführer beabsichtig.

  • So allgemein - ich nutze in der Erziehung schon alle Quadranten der Lerntheorie. Aber nicht bei Kommandos. Da arbeite ich rein positiv. Mein Hauptziel ist natürlich der nettestmögliche Umgang mit meinem Hund. Aber vom Typ braucht sie Regeln und Grenzen. Und ja, ein Abbruch wird auch mit Strafankündigung abgestraft.

    Ich hab halt auch einen Typ Hund den kann man nicht alltagstauglich shapen. Ohne menschliche Leitung würde sie sich grundsätzlich genetisch bedingt für eine nicht gesellschaftsfähige Lösungsstrategie entscheiden. Ganz schlicht und einfach. Natürlich wird sie für korrektes Verhalten immer positiv bestätigt. Wenn sie aber gerade der Meinung ist, dem Hund auf der Straße seine Existenz abzusprechen gibt es einen Abbruch. Das hat nun ja nix mit Misshandlung zu tun. Strafe ist vielseitig. Und absolut Hundeabhängig.
    Beispiel: Training Hundeplatz. Die Maus ist der Meinung sie muss nicht zu hören und will den einen Tag lieber Party machen. Joar Hund eingesammelt und ins Auto gepackt. Höchststrafe für mein Tier. Sie liebt arbeiten. Sie will mit dem Menschen grundsätzlich arbeiten. Ergo - anleinen und Pause ist absolut böse für sie. Hat nix mit Misshandlung oder whatever zutun. Und da sie das Verhalten nicht mehr zeigt wohl eindeutige eine Strafe.
    Der Hund einer anderen Teilnehmerin. Gleiches Szenario. Mit dem Unterschied der Hund hat Null Bock gehabt auf Arbeit. Das wäre die absolut hochwertigste Belohnung gewesen. Und mit dem Verlassen des Platzes in der Situation hat der Hund das Verhalten direkt öfter gezeigt.

    Ich finde es heuchlerisch zu behaupten man arbeitet nur Positiv. Ich bin überzeugt das tut niemand. Egal wie oft es jemand betont. Ich finde es persönlich einfach wichtiger ehrlich zu sich selbst zu sein. Und jemand der gezielt auch mal sagt „ja ich arbeite auch mit Strafe“ ist für mich meist reflektierter.


    ach und zu der selbstbeweihräucherung des Nordischen - Ich kenne diverse Nordische die so gut wie immer frei laufen können und mit allen Quadranten trainiert wurden. Da jagt niemand. Nur mal so als Gedankenimpuls und zum Thema selbstreflexion…

  • Sehr gut geschrieben wildsurf !

    Irgendwer hatte hier (oder war es ein anderer Beitrag) geschrieben, dass er z.B. bei seinem Hund im Training auf dem Platz, Frust durchaus als positiven Lernverstärker nutzt. Irgendwie so.

    Ich denke die meisten arbeiten vorwiegend aus dem Bauch raus. Wenn ich allerdings mit einem Arbeitshund bewusst etwas trainiere, dann kann ich mir die verschiedenen Quadranten ganz bewusst zu Nutze machen. Das gilt dann aber nur für bestimmte Trainingsansätze (durchaus auch im Welpentraining), also immer, wenn ich etwas ganz bestimmtes genau trainiere. Aber ich denke das lässt sich sicherlich nicht immer auf den normalen Alltag umsetzen, da dann einfach jede neue Situation ein schnelles Umdenken und handeln erfordert, was halt dann... meist aus dem Bauch heraus kommt.

    Wenn z.B. der Hund im Freilauf oder auch an der Schlepp ist und Wild entdeckt. Dann gibt es so unendlich viele Variante, was in dem Moment passieren kann. Wie schnell reagiere ich selber, wie gut steht der Hund im Training, steht er neben mir oder 10 m entfernt, ist der Hase direkt vor seinen Pfoten her gezischt oder steht das Reh 50 m entfernt ruhig auf der Wiese etc. pp.

    Ich denke die wenigsten sind dann in diesen Sekundenbruchteilen, die eine Reaktion ggf. erfordert in der Lage zu denken: oh das muss aber nun auf jeden Fall mit Umorientierung funktionieren oder aber da gibt es eine zackige Ansage oder whatever. (Im Idealfall ist der Hund so perfekt erzogen, dass ihm der Hase über die Pfoten läuft und der Hund blickt brav zum Fraule und fragt was zu tun ist. Aber mal ganz ehrlich, das ist schon echt hohe Kunst.)

    Will nur sagen, die ständig wechselnden Momente mit dem Hund im Alltag erfordern ein schnelles Handeln. Und kein analytisches Hinterfragen.


    Was ich noch interessant fände... wie ist das bei Mehrhundehaltern, deren Hunde mit unterschiedlichen Methoden am besten klar kommen? Ich bin ja schon manchmal mit meinem einen Hund überfordert. Wenn ich nun für mehrere Hunde unterschiedlich denken müsste... ich schätze ist wie mit Kindern, oder? Man wächst an seinen Aufgaben.

  • So allgemein - ich nutze in der Erziehung schon alle Quadranten der Lerntheorie. Aber nicht bei Kommandos. Da arbeite ich rein positiv. Mein Hauptziel ist natürlich der nettestmögliche Umgang mit meinem Hund. Aber vom Typ braucht sie Regeln und Grenzen. Und ja, ein Abbruch wird auch mit Strafankündigung abgestraft.

    (Hervorhebung von mir)

    Also mit positiver Verstärkung UND positiver Strafe? Oder was bedeutet das?

    Das find ich einen der Kernpunkte dieses Threads. Was heißt „ich arbeite rein positiv“?

  • Unterscheidest du da zwischen Erziehung und Ausbildung?


    Wozu?


    Die Erziehung des Hundes ist die Grundlage für die Ausbildung in einem bestimmten Job. (Sport, Dienst, Jagd, Assistenz...) Oder für einen entspannten Alltag.

    Da die Lerngesetze immer gelten, ist das alles Dasselbe.

  • Wozu?

    Ich habe nur zur Sicherheit nachgefragt, weil in diesem Thread vorher teils zwischen Ausbildung und Erziehung unterschieden wurde.

    Und ich muss zugeben, dass ich darauf so gar nicht achte. Aber ich wüsste auch nicht wie. Meine Hunde können mich nach einiger Zeit eigentlich stets so gut lesen, dass sie eh wissen, ob ich gerade genervt, sauer, alarmiert, begeistert, stolz etc. bin.

  • Ich gebe zu, ich verstehe die Quadranten theoretisch, kann damit aber in der Praxis als Hundehalter-Anfänger nicht wirklich arbeiten.

    Konzeptionell habe ich das bei mit eher sprachdidaktisch ausgeprägt: Also versucht, eine Übersetzungslogik Hundesprache:Menschensprache zu etablieren. Und wie erkläre ich Hund, was ich will: alles belohnen, was ich gut finde; und wenn ich was nicht gut finde: unterbrechen und umlenken. Und das dann sukzessive mit Worten hinterlegen (Kommandos). Eine Unterbrechung oder Korrektur ist nmV grundsätzlich aversiv, weil ich Hund ja signalisiere "was du grade tust, will ich nicht" und das dann irgendwie durchsetze.

    Ich fand die Welpenzeit deshalb super anstrengend, weil ja diese Kommunikationsebene erst etabliert werden musste. Dafür bin ich echt zufrieden, wie es bisher mit Junghund läuft. Ob eine Handlung jetzt in Quadrant 1, 2, 3 oder 4 fällt, wüsste ich oft gar nicht bzw. geht ineinander über. So kommt bei mir nach Abbruchsignal (Hund soll stoppen, was er grade macht) idR sofort ein Folgekommando ("mach stattdessen xy").

    Bewusst aufgebaut habe ich das nie, hat sich so ergeben.Ist ggf sogar falsch, weil hier ggf. Verhalten vermischt wird. Wobei mein bisheriger Eindruck ist, dass es funktioniert, weil Hund keine Zeit hat, zu überlegen,ob er den Abbruch ggf. ignoriert. Und eine Belohnung gibt's im Zweifel ja für das Folgekommando ...

  • Ich hab es zu Beginn mit rein positiver Erziehung versucht. Herausgekommen ist, dass sowohl Hund als auch ich ständig gefrustet waren. Sehr vieles lief im Grunde über Bestechung oder Vermeidung. Mir wurde dann eine Trainerin empfohlen, die mir zeigte, wie Strafen funktionieren. Begeistert von dem Effekt ging ich dazu über, nur noch über Abbruch und Strafe zu erziehen. Surprise, auch das endete mit Frust auf beiden Seiten. Es ist mein erster Hund, mir fehlte Erfahrung und Werkzeuge. Mittlerweile hat sich alles eingegrooved und ich nutze alle vier Quadranten nach Bauchgefühl. Auch Emotionen lasse ich zu, er spürt sie ja sowieso. Ich kenne meinen Hund, ich weiß, wie er worauf reagiert. Ich weiß mittlerweile, dass er einerseits sehr sensibel ist und bei aus seiner Sicht zu viel Druck komplett dicht macht, andererseits aber auch recht „stumpf“ ist, was Druck angeht. Und mehrmals die Angst, den Hund zu verlieren, gespürt zu haben, relativierte bei mir vieles.

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