Für die Leseratten - Der Bücherthread - Band 3

  • Fertig mit "Männer töten" der Wiener Autorin Eva Reisinger.

    Ich muss ehrlich sagen, ich bin enttäuscht. Dabei wäre der Plot an sich wirklich spannend gewesen. Aber der platte, oberflächliche Schreibstil vergällte mir die Leselust. Man hätte einfach so viel mehr aus der Grundidee machen können als dieses ständige Herumspringen zwischen Szenen. Es las sich teils eher wie ein Drehbuch für eine Fernsehsendung, kaum wie ein Roman.

    Dadurch gelang es mir auch nicht, irgendeinen Bezug zu den handelnden Personen herzustellen. Sie waren mir allesamt schlicht egal.

    Irgendwie wirkte das ganze Buch so aufgesetzt, so gewollt literarisch-lässig. Tiegfang und psychologische Finesse? Fehlanzeige.

    Echt schade drum, denn die Idee, in einem fiktiven oberösterreichischen Ort namens Engelhartskirchen das Matriarchat das Sagen haben zu lassen, ist doch an sich sehr originell. Aber die Umsetzung war wirklich stark ausbaufähig, auch inhaltlich blieb es sehr seicht und hölzern.

    Ich les es auch gerade, bin etwas über der Hälfte und mir geht es sehe ähnlich. Ich werds auch beenden, aber joa. Hab mir mehr erhofft.

  • Ich bin durch "Der Gefrorene Fluss" und "Die Rückkehr der Kraniche". Den Fluss hebe ich mir für den Winterthread auf.

    "Die Rückkehr der Kraniche" - Romy Fölck

    "Wer einen Kranich sieht, hat Glück. Wer einen Kranich tanzen sieht, hat doppelt Glück."

    Dem Gesang der Vögel lauschen. In eine warme Scheibe Sauerteigbrot beißen. Barfuß durchs taunasse Gras laufen. Aber auch Kälte, harte Arbeit und Stürmen trotzen. Bei Wind und Wetter setzt Grete Hansen mit ihrem Boot über auf die Elbinsel, wo sie als Vogelwartin arbeitet. Die Natur ist ihr Zufluchtsort, in der Marsch kennt sie jeden Vogel, jede Pflanze. Sie ist nie fortgegangen, doch jetzt, kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag, wird dieser Wunsch in ihr immer lauter. Als ihre Mutter stürzt, gerät ihr Plan ins Wanken. Wilhelmines Zustand ist kritisch. Gretes jüngere Schwester Freya reist überraschend aus Berlin an, und auch ihre Tochter Anne kommt in die Elbmarsch. Das Verhältnis ist angespannt – Grete schweigt beharrlich darüber, wer Annes Vater ist. Freya scheint vor etwas davon zu laufen und mit ihren eigenen Geistern zu kämpfen. Und auch Wilhelmine, die Mutter, wahrt ein Geheimnis, das sie nicht mit ins Grab nehmen möchte. Dieses Mal können sich die Hansen-Frauen nicht aus dem Weg gehen, und sie erfahren, dass ein Ende auch immer einen Anfang bedeuten kann.

    Uff. Mh. Also, ich wollte nach den vielen doch emotional sehr aufwühlenden Büchern etwas weiches, ruhigeres, sanfteres für die Übergangsphase. Es ist eine Familiengeschichte über die Hansens, und wie sie sich über die Jahre entwickelt hat. Die Beschreibungen von Natur, Umgebung, oder davon, wie Grete ein Brot backt, etwas kocht, den Garten bestellt oder die Vögel besucht sind wirklich, wirklich schön. Wie eine Umarmung und haben mich sehr entspannen lassen. Leider ... fand ich alle Frauen, bis auf Grete und vielleicht Wilhelmine, unfassbar nervig. Besonders Anne, die Tochter von Grete, die im Buch 30 Jahre alt ist, sich aber wie eine 16 jährige, hochemotionale und völlig unreife Person verhält - und das kann ich nicht alles darauf schieben, dass Grete ihr nicht sagt, wer ihr Vater ist. Sie fand ich einfach unangenehm, in der ganzen Geschichte, nicht einmal symphatisch. Freya war da doch angenehmer, und Grete gefiel mir am besten. Insgesamt fand ich die ganze Geschichte allerdings auch recht konstruiert, man weiß sehr schnell, was einen erwartet und große Überraschungen gibt es nicht. Im Grunde habe ich oft gewartet, bis endlich jemand das gesagt hat, was ich längst wusste. Aber es ist entschleunigend, die Atmosphäre wirklich schön und es passt in den Herbst.

    5/10

  • Ich nochmal... eigentlich wollten wir im Buchclub jetzt endlich mal Sword of Kaigen anfangen, wo es endlich auf Deutsch übersetzt wurde, aber... es gibt keine Kindle-Version? :denker: Ist das üblich? Kommt die vielleicht noch? Bin verwirrt, ist mir bisher nicht passiert.

  • Ich nochmal... eigentlich wollten wir im Buchclub jetzt endlich mal Sword of Kaigen anfangen, wo es endlich auf Deutsch übersetzt wurde, aber... es gibt keine Kindle-Version? :denker: Ist das üblich? Kommt die vielleicht noch? Bin verwirrt, ist mir bisher nicht passiert.

    Da müsstest Du ggf. mal beim Verlag nachfragen. Ich kenne vom das vom Adrian und Wimmelbuchverlag, dass da ein ebook mal später kommt als die Printausgabe. War bei „The tainted cup“ auch so.

  • Cathy Sweeney – Breakdown

    "Mütter sollten nicht auf Road Trips gehen...
    Doch eines Wintermorgens in Dublin wacht eine ganz normale Frau in ihrem ganz normalen Haus auf, ihr Mann neben ihr im Bett, ihre Kinder im Teenageralter schlafen in der Nähe. Und – ohne groß darüber nachzudenken – geht sie zur Haustür hinaus und kommt nie wieder zurück. So beginnt eine Reise, die sie in Tankstellen und Einkaufszentren, Hotelbars und Friseursalons und in die Betten fremder Männer führt. Bis sich die Frau schließlich achtundvierzig Stunden später allein in einem Cottage in Wales dem stellt, was sie in sich selbst, in ihrer Familie, in der modernen Gesellschaft ignoriert hat: Anzeichen eines Breakdowns."

    Das Buch beginnt an einem ganz normalen Morgen in einem Dubliner Vorstadthaus, die Erzählerin verlässt spontan aber sehr routiniert ihr gewohntes Leben und weiß zu dem Zeitpunkt schon, dass sie nie zurückkommen wird. Anstatt zur Arbeit zu gehen, fährt sie weg und schreibt der Schule noch, dass sie heute leider kurzfristig ausfällt. In den nächsten zwei Tagen reist sie mit dem Auto, dem Zug, der Fähre, dem Bus und landet schließlich in einem abgelegenen Cottage.

    Die Protagonistin bleibt ungenannt. Sie wird nur als Frau mittleren Alters beschrieben, die zunächst durch ihre Rollen – Mutter, Ehefrau, Lehrerin – definiert wird. Sie könnte „jede Frau“ sein, eine Art universelle Figur. Ich mochte, dass es hier um einen erfahrenen, gestandenen Charakter ging, sie ließ sich von Männern nichts bieten, wusste was sie wollte und was nicht.

    Während sie reist, wechselt die Erzählung zwischen ihrer unmittelbaren Erfahrung und Erinnerungen oder Betrachtungen: vergangene Enttäuschungen, Untreue, vereitelte Ambitionen, Bedauern über die Kindheit. Die minimalistische, knappe Prosa verweilt bei alltäglichen Details – Tankstellen, Einkaufszentren, Cafés, Hotelbars. Anstatt sich auf ein plötzliches dramatisches Ereignis oder eine schockierende Wendung zu stützen, entfaltet sich das Buch allmählich. Man merkt, dass die Protagonistin erstmal nur funktioniert und erst am Ende ihrer Reise die wichtigen Fragen und Emotionen zulassen kann, um zu verstehen was sie getan hat und was sie nun braucht.

    Erforschte Themen: Rolle der Mutterschaft und Ehe/Geschlechtererwartungen; Entfremdung und die Suche nach sich selbst/Identität; Zusammenbruch über das Persönliche hinaus – gesellschaftlich, ökologisch, existenziell; Schweigen, Unsichtbarkeit und unterdrücktes Begehren; Erinnerung, Bedauern und unerfüllte Sehnsucht

  • "Bury Our Bones in the Midnight Soil" - V.E. Schwab

    "Stories matter, Alice. When you live long enough, they're all you have."

    Dies ist die Geschichte von drei Frauen und dem Blut, das sie verbindet. Von Maria, die im Jahre 1511 in dem kleinen Dorf Santo Domingo de la Calzada geboren wird. Sie heiratet einen spanischen Edelmann, nur um fortzukommen, doch ihr Mann ist streng und die Ehe keine glückliche. Erst als sie einer geheimnisvollen Witwe begegnet, scheint die Freiheit in Reichweite, doch der Preis ist hoch. Von Charlotte, die im Jahr 1827 in London verheiratet werden soll, doch es vorzieht, mit einer mysteriösen Adligen zu fliehen und ein Leben in Freiheit und Sünde zu verbringen. Sie reisen Jahrzehnte durch die europäischen Metropolen. Und ziehen eine Spur der Gewalt hinter sich her. Und von Alice, die im Jahr 2019 nach einem wilden One-Night-Stand mit höllischen Kopfschmerzen aufwacht und feststellt, dass sie eine seltsame Wunde am Hals hat. Und dass sie ein unstillbares Verlangen nach Blut entwickelt...

    Also... ich bin vermutlich ein Schwab-Fangirl. Nach Addie und nun Midnight Soil merke ich, dass mir ihr Stil sehr liegt und ich auch die Art, wie sie Charaktere zeichnet, sehr gut gefällt. Wir begleiten in verschiedenem Wechsel die Hauptcharaktere Maria, Charlotte und Alice, bis sie sich am Ende wie bei einem Zopf und drei Strängen, zusammen fügen. Mir liegt die Art, wie Schwab schreibt und Dinge beschreibt, sehr, ich mag dieses leicht blumige, poetische. Auch die Geschichte selbst fand ich wirklich gut, wenngleich ich sehr deutlich mit einigen Charakteren symphatisiert habe (Charlotte, Alice), andere widerrum gar nicht mochte (Maria). Es gab ein, zwei inhaltliche Ungereimtheiten für mich, ansonsten war alles stimmig. Vorrangig scheint es in dem Buch über die Liebe zu gehen, aber es geht auch oder vor allem um die Obsession, die die Liebe mitbringen kann, es geht um toxische Zuneigung, Mitgefühl, Freundschaften und Schicksale, verschiedene Zeitlinien und, natürlich, um Vampire. Das Ende war mir etwas zu abrupt und etwas unbefriedigend. Ansonsten hat es mir sehr gut gefallen.

    8/10

  • Saša Stanišić – Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne

    "Was wäre, wenn man nicht diese eine Entscheidung getroffen hätte, sondern diese ganz andere? Was wäre, hätte man der Erwartung getrotzt? Und: wäre es nicht schön, könnte man ein Leben probeweise erfahren, bevor man es wirklich lebt? Manchmal fürchten wir uns, feige gewesen zu sein, zu lange gezögert und etwas verpasst zu haben, das uns ein besseres Ich beschert hätte, ein größeres Glück und die besser aussehenden und lustigeren Haustiere und Partner. Die neuen Erzählungen von Saša Stanišić widmen sich diesem permanenten Grübeln an den Kreuzwegen unserer Biografie, an denen man doch auch einmal einen überraschenderen Weg hätte gehen, eine unübliche Wahl hätte treffen oder eine Lüge hätte aussprechen können. So wie die Reinigungskraft, die beschließt, mit einer Bürste aus Ziegenhaar in der Hand, endlich auch das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. So wie der deutsch-bosnische Schriftsteller, der zum ersten Mal nach Helgoland reist, nur um dort festzustellen, dass er schon einmal auf Helgoland gewesen ist. So wie der Vater, der bereit ist zu betrügen, um endlich gegen den achtjährigen Sohn im Memory zu gewinnen ..."

    Gefunden und gelesen für die DF-Bücherchallenge, ist das ein Buch, was ich mir niemals selbst ausgesucht hätte. Anscheinend sehr populär, war der einzige Kommentar, den ich von einer Bekannten gehört hatte, "furchtbar, konnt ich nichts mit anfangen"... ich habe dem Buch trotzdem eine Chance gegeben und hatte meine wahre Freude daran! Ganz besonders an der titelgebenden Geschichte :nicken:

    Dussmann's Rezension beschreibt es sehr gut: "Saša Stanišić liefert mit diesem Werk ein lebendiges, witziges und zugleich tiefgründiges Prosaband, das sich kaum in ein Genre pressen lässt – irgendwo zwischen Erzählung, Miniatur und vernetztem Roman. Seine Sprache ist humorvoll und kunstvoll zugleich, sein Blick sowohl warmherzig als auch analytisch, wenn er Alltagsmomente aufbricht und Fragen an unser Leben stellt. Die Erzählungen und Figuren sind skurril, liebevoll und überraschend."

    Nicht linear aufgebaut und eher aus einer lockeren Folge von Prosatexten bestehend, folgt man Momentaufnahmen diverser Charaktere, teils Saša selbst, findet sie hier und da in anderen Geschichten wieder und am Ende kommen alle noch einmal zusammen, man hat das Gefühl ein großes Mosaik zusammengelesen zu haben. Sašas Stil ist eigen aber ich hatte nach den ersten paar Seiten kein Problem mehr damit und kann das Buch sehr empfehlen.

    Erforschte Themen: Entscheidungen und Lebenswege – Zeit, Erinnerung und Identität – Humor als Überlebenskunst – Gesellschaft und Alltag

  • Die schönste Version von Ruth-Maria Thomas

    Sehr locker geschrieben, trotzdem nicht einfach zu lesen. Es geht um Jella, eine junge Frau in einer ostdeutschen Kleinstadt, für die es lange vor allem um Anerkennung durch Jungs und Männer geht, die versucht, immer die Version ihrer selbst zu sein, die den Männern, später ihrem Partner gefällt. Aber unter der Oberfläche stauen sich Wut, Ohnmacht, Verletzungen in ihr an.

    Es geht ebenso sehr um die individuelle Geschichte einer toxischen Beziehung wie um feministische Gesellschaftskritik, es ist ein sehr intimes Buch, das große Themen behandelt - Gewalt gegen Frauen, das Patriarchat, Liebe, Freundschaft, Identität.

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