Theorie und Praktik- die Unterschiede

  • Hallo,

    ich habe mich zwar schon etwas umgeschaut, doch kein solches(oder sehr ähnliches) Thema gefunden.
    Darum frage ich hier einmal:

    Was waren für euch die (größten) Unterschiede, zwischen dem, was ihr vorher schon wusstet (Hundebücher, bekannte Hunde,...) und dem eigentlichem Alltag mit eurem Hund?
    Was habt ihr nicht erwartet?
    Was habt ihr euch anders vorgestellt?
    Was waren die Überraschungen?

    Ganz egal, ob es sich jetzt auf das Verhalten, die Erziehung oder die Haltung bezieht, kann auch gerne etwas anderes sein ;)

    Viele Bücher lesen, sich informieren und mit anderen HH sprechen ist auf ja auch sehr wichtig, doch ich kann mir nicht vorstellen, dass das mit dem eigenen Hund, dann auch so abläuft, wie gelesen oder beschrieben :D
    Deshalb fände ich es sehr interessant DAS zu lesen, was mir die Bücher, DVDs, ec. nicht erzählen können, nämlich eigenen Erfahrungen =)

    Hoffe auf viele Unterschiede und Erfahrungen!
    LG :smile:

  • Ich finde die Frage interessant, kann aber selbst nichts dazu beitragen, da ich mit Hunden aufgewachsen bin. Ich denke, was man sich vor allem bewusst machen sollte ist, dass ein Hund schon sehr viel Raum im Leben einnimmt und das eben an jedem einzelnen Tag. Der kann an jedem Tag nur eine bestimmte Zeit alleine bleiben, will jeden Tag Beschäftigung und Auslauf und kommt mit manchen Situationen eben vielleicht auch nicht klar, die den Alltag einschränken können. Es ist schon eine Lebensentscheidung, es gibt kein "heute ist mir mal nicht danach" oder "heute würde ich gerne mal anders leben" (bzw. das erfordert dann zumindest eine zuverlässige Betreuung). Und: du kannst dir zig Dinge toll vorstellen und planen, der Hund bringt halt seinen Charakter, seine Vorlieben und Abneigungen mit. Stell dich besser nicht darauf ein, dass dein Hund nach Standardbeschreibungen aus Hundebüchern reagiert =) .

  • Durch meinen Tierschutzhund habe ich sehr viel Neues gelernt...

    - "Hunde regeln das untereinander" ? - für mich jetzt ein No Go, denn es endete für meinen Hund beim Tierarzt
    - nicht alle Hunde brauchen Kontakt zu Artgenossen, wollen sich gegenseitig beschnüffeln oder miteinander spielen
    - nicht alle Hunde wollen bei Wind und Wetter spazierengehen
    - nicht alle Hunde spielen gerne Ball
    - nicht alle Hunde springen gerne ins Wasser
    - nicht alle Hunde, die auf fremde Menschen zugehen wollen selbstverständlich gestreichelt werden

  • Das ist wirklich eine interessante Frage.
    Ich habe meine ganze Kindheit über einen Hund gehabt, allerdings war ich früher noch zu klein um das zu verstehen, was ein Hund bedeutet, vor allem weil dieser zb hinterher nicht mehr Gassi gehen wollte und konnte ( Hund war 17, taub, blind und inkontinent)

    Für die Anschaffung von meinem jetzigen Hund habe ich mich im Voraus natürlich informiert, allerdings konnte niemand sagen, was für eine Rasse in meinem Mischling mit drin ist, daher konnte ich mich darüber nicht informieren.
    Letztendlich habe ich festgestellt, dass man versuchen sollte irgendwie rauszubekommen, was in diesem Hund ist, vor allem wenn er offensichtliche Merkmale dessen trägt.
    Talin ist beispielsweise, wie wir herausfanden, ein Podenco-Mischling.
    Er ist daher häufig eine Herausforderung und hat einen Sturkopf. Dahingehend konnte ich mich erst im Nachhinein informieren, was natürlich für alle Stress bedeutete.
    Also
    vorher irgendwie Merkmale oder rassespezifische Merkmale herausfinden, gegebenfalls auch den vorigen Besitzer oder Tierheim "nerven", damit diese Merkmale auch im Voraus bekannt sind.
    Tatsächlich muss man sich auch darauf einstellen, dass der Hund anders ist als beschrieben, vor allem wenn er aus einem Tierheim oä kommt. Dort benimmt sich der Hund vielleicht ganz anders.
    Talin sollte sehr scheu gegenüber Menschen sein. Ist er auch, gegenüber Menschen die er auf der Straße sieht oder die ihm fremd sind. Uns gegenüber war dies zu keiner Zeit so.
    Den ersten Hund, den Ellen angesprochen hat kann ich nur unterstützen. Nicht für jeden Hund ist ein Umgang mit anderen Hunden möglich, auch wenn dies gepredigt wird. Auch ein " an andere Hunde gewöhnt der sich schon" ist manchmal unsinnig.
    Es empfiehlt sich außerdem viele Methoden parat zu haben, um einem Hund zb Leinenführigkeit beizubringen.
    Der Trick, der ja so vielen geholfen hat, hilft dir vielleicht nicht!

    Letztendlich kommt einiges anders, als das erwartete, doch ich glaube einen Hund aufzunehmen bedeutet gleichzeitig auch die Bereitschaft dazu, sowas zu akzeptieren.
    Wichtig ist dabei die Akzeptanz gegenüber dem Charakter des Hundes.
    Man kann ihn zwar ein Stück weit erziehen, doch wenn sie grundlegenden, schon jahrelangen antrainierten Instinkten und Charakterzügen wiedersprechen.
    Man muss einfach darauf vorbereitet sein und offen dafür sein.

  • An unseren ersten Hund (bei Einzug war ich 5 jahre Jung) erinnere ich mich nur als super lieb, super erzogen, überall dabei, nie problematisch... Erst nachdem ich dann meine eigene Hündin bekommen habe, hat meine Mutter mir da ein bisschen "Hintergrundwissen" mitgeteilt :hust:

    In der Theorie habe ichs mir wirklich leichter vorgestellt. Vor allem Leinenführigkeit und Alleinbleiben - ich dachte immer, "das klappt halt einfach" - was da für eine unglaubliche und konsequente ARBEIT hinter stehen kann, war mir erst bewusst, als ich diese Probleme live "an der Backe" hatte :hust:
    Vor allem das Alleinbleiben... unser erster Hund blieb direkt problemlos allein, unser Pflegehund zwischendurch auch, alle Hunde im Freundes- und Bekanntenkreis ebenso - das war nie ein Thema sondern selbstverständlich. Theorie: Kein Problem! Praxis: WENN es NICHT klappt, isses katastrophal, deprimierend, langwierig, ätzend.

    Auch einige von Ellen genannte Punkte kamen mir in der Theorie einfacher vor:
    - Fremde Leute -> ich kannte keinen ängstlichen oder wirklich "unfreundlichen" Hund, bis ich einen hatte, ebenso kannte ich keinen Hund der explizit keine KINDER mag ...tja, meine eigene dann!
    - Verträglichkeit mit Artgenossen -> ja gut, unser Großer mochte nicht jeden, aber wie fein manche Hunde da unterscheiden und wie schnell es knallen kann, hab ich dann auch erst live gesehen

    Ich gebe aber auch zu, dass mein Blick da damals noch sehr naiv war, mittlerweile bin ich natürlich viel viel schlauer, bedenke viele Dinge anders (Trainingsansätze und gezieltes Trainieren) - und ich habe früher auch nicht soooo sehr auf die Rassen geschaut. Klar, Jagdhund, Hütehund, ...Aber wie enorm die Unterschiede zwischen den Rassen sind und was für Möglichkeiten (und Probleme) einem da offen stehen - das habe ich erst im Laufe der letzten Jahre, indem ich mich intensiv damit beschäftigt habe, richtig verstanden.

  • Das ist jetzt mal cool, da ich von 0800 Hundehalter zum "Profi" HH bin!

    Was waren für euch die (größten) Unterschiede, zwischen dem, was ihr vorher schon wusstet (Hundebücher, bekannte Hunde,...) und dem eigentlichem Alltag mit eurem Hund?
    Ich bin mit Hunden aufgewachsen. Vor ein paar Jahren war ich noch ein "Dominance Theory Follower". Dann, bevor ich mir einen Hund zulegte, habe ich ein Praktikum bei einer tieräztliche Verhaltenstherapeutin für Tiere gemacht. Ich wollte unbedingt die "richtige" Weiste mit dem Hund kennenlernen. Nun bin ich im BHV Mitglied und werde selber Hundeerzieherin und Verhaltensberaterin.
    Ich glaube die Unterschiede muss ich nicht erklären. Wir wissen alle was für unterschiedliche Welten die "alten" Theorien und die "neuen" Theorien sind.
    Allerdings, erwartete ich einen destruktiveren Welpen. Ich bekam Micro aus einer sehr schlechten Haltung und sie konnte lange nicht sozialisiert werden - jedoch ist sie nie destruktiv gewesen.

    Was habt ihr nicht erwartet?
    Hm. Was habe ich nicht erwartet? In der wissenschaftlichen Theorie, spricht man nicht viel von den direkten Emotionen des Hundes. Eig. nur über positive und negative Erfahrungen, etc, etc. Ich würde nicht sagen, ich habe es nicht erwartet - ich würde eher sagen man sollte die Emotionen der Tiere mehr eingehen. Viele sagen, die Bindung sei nur eines Arts Bewusstseins der Resourcen. Soll mich mal einer kneifen wenn es nicht stimmt dass ein Hund auch liebt.

    Was habt ihr euch anders vorgestellt?
    Ich habe einen Schäferhund. Ich stellte mir einen Hund vor, mit einem unbändigen Jagdtrieb und extremen Verteidigungstrieb. Rate mal, wer die Hasen vor der Nase nicht sieht und jeden Menschen ekstatisch begrüßt? Ich muss dazu sagen - ich wusste nicht was Micro war als ich sie bekam. Ich habe nicht bewusst einen Schäfi bestellt. (Sie war ein Puppy Mill Transport.)

    Was waren die Überraschungen?
    Trotz Micros schlimmer Kindheit ist sie ein vollständig ausgebildeter Assistenzhund.
    Ich sehe viele, viele Leute mit "Problemhunden". Micro war ein schwieriger Welpe und ein schwieriger Teenie. Ich denke mir, "Gebe ich meinem Hund zu viel Freiheit?"
    Micro darf auf's Bett, Micro darf zur jeder Zeit nach Schmuse- und Spieleeinheiten fragen. Sie hat jede Menge Spielzeug und kriegt Auslauf den manch anderer Hund sich nur träumen kann. Wir machen Sport und ist somit regelmäßig stimuliert.
    Warum sind andere Hunde also so destruktiv und Micro ist (in meinen Augen) perfekt?

    Weniger eine Überraschung, eher eine philosophische Hundebesitzerfrage.

    Ich glaube, ich habe die Fragen nicht wirklich "richtig" beantwortet. Ich hab's aber versucht. :)

  • Wirklich interessantes Thema..

    Wenn ich so zurückdenke war das schwierigste, das ganze theoretische Wissen aus den vielen Büchern dann auch anwenden zu können. Denn es sagt sich immer so einfach, man muss zB konsequent sein. Dann sitzt da der kleine Welpe mit seinem niedlichen Blick und man denkt sich "ach komm, das eine Mal" und schwupps, nicht konsequent geblieben. Auch viele Verhaltensformen als Anfänger zu erkennen fiel mir damals schwer, in den richtigen Momenten das Richtige zu tun war manchmal einfach unmöglich. Egal wie gut es beschrieben wurde. Es ist wie mit unvorhergesehenen Situationen im "Menschenalltag", da kommt dir zB einer doof und dir fallen Stunden später 100 super schlagfertige Dinge ein, wie man hätte reagieren müssen. Tja, zu spät. So war es bei mir damals auch, nur dass man das Problem, das man sich so selbst langsam herangezüchtet hat, erst so spät bemerkte, dass es dann viel Zeit kostete, das wieder in den Griff zu bekommen.

    Ich bin heute der Meinung (nach fast 15 Jahren....), dass eine gründliche Lektüre und der Austausch mit HUndehaltern und -trainern bevor ein Hund in das eigene Leben tritt, sicher wichtig sind, aber am Ende lehrt einen nur das wahre Leben mit dem Hund zusammen die wirklich entscheidenden Dinge. Es kommt doch meistens anders, als es in den Büchern steht und ein Lebewesen mit eigenem Charakter zu verstehen kann einem kein Buch in der Tiefe beibringen, wie es nötig ist. Aber zum Vokabeln lernen sind Bücher gut, bei der Körpersprache zB.

    Ein von mir gern genutzter Satz, der vielleicht lustig klingt, aber durchaus ernst gemeint ist, wenn in meinen Welpen- oder BH-Kursen wieder mal einer stand und meinte "In dem Büchern die ich gelesen habe steht aber, dass der HUnd dies und jener tun müsste/sich so verhalten sollte...":

    "Das Buch hat aber dein Hund wohl nicht gelesen!!!"

    Es bleiben Individuen und kein Buch kann die Tiefe eines Hundecharakters beschreiben, so wie es kein Buch gibt, dass auf jeden Menschen zutrifft.

  • noch eine Ergänzung, was ich durch meinen Tierschutzhund gelernt habe...

    - nicht alle Hunde finden es höflich, wenn ein fremder Mensch zum Beschnuppern den Handrücken hinstreckt
    - nicht alle Hunde gehen eine enge Bindung zu allen Familienmitgliedern ein
    - nicht alle Hunde gehen gerne mit jedem Familienmitglied spazieren :???:
    - nicht alle Hunde haben den "will to please"
    - nicht alle Hunde haben rücksichtsvolle und Hundehalter

    Ohja, das mit den Büchern ist auch so eine Sache. Leider hat mein Hund das Buch von Turid Rugaas "Das Bellverhalten der Hunde" noch nicht gelesen. Sonst wüsste er schon nach recht kurzer Zeit, was ich damit meine, wenn es an der Tür klingelt und ich ihm die Hand zeige. :muede2:

  • Meine größte fehlvorstellung war eigentlich die, dass ich meinen Hund jederzeit problemlos bei meinen Eltern abgeben könnte, damit sie nicht alleine sein muss. Sie kennt es von Anfang an, aber mit der Eingewöhnung wurde sie zum "ein-Personen-Hund" und war durch die Betreuung bei meinen Eltern so gestresst, kam nicht zur Ruhe und ich hab sie als nervenbüdel wieder abgeholt.
    Dadurch musste ich meinen Tagesablauf und das alleine bleiben komplett umschmeißen, dass wir dann ohne Betreuung auskommen. Jetzt läuft alles seinen Gang, ab 1.7 habe ich nen neuen Job mit hundefrrundlicheren Arbeitszeiten und das hundekind ist glücklich und zufrieden und die Prinzessin im Haus, wie sie es braucht.

  • Ich bin zwar mit einem Hund aufgewachsen und habe mich gut vorbereitet gefühlt, als ich meine erste eigene Hündin geholt habe, aber auf diesen Hund war ich trotzdem nicht vorbereitet.

    - Ich dachte, wenn ein Hund von klein auf viele Kontakte mit unterschiedlichen Rassen hat, entwickelt er sich automatisch zum verträglichen Hund - tja, falsch gedacht, die Rechnung ist bei Maja sowas von überhaupt nicht aufgegangen.
    - "Wenn man richtiges Verhalten nur ausreichend bestätigt und Falsches ignoriert, wird der Hund brav." Das hat beim alten Familienhund wunderbar funktioniert, aber Maja hatte/hat so viele unerwünschte, aber selbstbelohnende Verhaltensweisen, dass man bei ihr so nicht sehr weit kommt.
    - Ich dachte, wenn ein Hund sehr temperamentvoll ist, muss man ihn wahnsinnig viel auslasten, damit er zur Ruhe kommt - na ja, Maja war mit einem Jahr ein völlig überdrehter Beschäftigungsjunkie und ist nie wirklich zur Ruhe gekommen.
    - Konsequenz: hört sich so einfach an, aber ich hatte total unterschätzt, wie penetrant und einfallsreich ein Hund werden kann, wenn er etwas unbedingt will.
    - Ich habe gemerkt, wie schwierig es ist, einen Sitter zu finden, wenn der Hund nicht ganz einfach ist. Ich habe zwar einige Betreuungsmöglichkeiten für meine Hunde, aber Maja gebe ich nur ungern jemandem, weil sie sich bei anderen Menschen verhält wie die Axt im Wald.

    Was mich außerdem überrascht hat:
    - die Außenwirkung: Ich werde von Fremden völlig unterschiedlich wahrgenommen, je nachdem, ob ich meine große schwarze Hündin oder mein lustiges kleines Wuschelteil dabeihabe.

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