Alleine bleiben - Rasse abhängig oder doch Charakter

  • Zitat

    Na, meine Hunde haben ja in etwa die gleiche Vorgeschichte, verhalten sich da aber unterschiedlich. Insofern spielt der Charakter auch eine Rolle (also das Individuum) und nicht nur Training und Vorgeschichte. So meinte ich das. :)


    „Wir verstehen unter ‚Charakter‘ die psychologischen Muskeln, die es einem Menschen erlauben, Impulse zu kontrollieren und Belohnung aufzuschieben, was für Erfolg, Leistung und moralisches Handeln grundlegend ist.“

    – Amitai Etzioni[21]

    Trifft das auch auf Tiere zu? Wäre interessant, das näher zu beleuchten.

  • Ersthund.

    Chihuahua, recht selbstbewusst, eigenständig im allgemein und weniger sensibel. Er hängt zuhause schon an mir, allerdings klebt er nicht. Alleinebleiben war niemals ein Problem, er hebt nichtmal den Kopf. Haben es nie geübt.

    Zweithund, ebenfalls Chihuahua.
    Absolutes sensibelchen, sehr sehr anhänglich, kleine Klette drinnen, nicht selbstständig. Alleinebleiben soo war kein Problem, haben es aber geübt. Zwischenzeitlich gibts immer mal Phasen, wo es mal nicht so entspannt lief/läuft.
    Allerdings bezieht sich das nur auf das Alleinebleiben mit Ersthund. Ganz alleine schafft er nur im Auto.

    Bei uns war immer "weniger ist mehr". Wir haben nie extremes Training gemacht oder einen Aufriss drum. Allerdings habe ich bei Peanut schon drauf geachtet, dass ichs anfangs nicht gleich übertreibe. Da er so an Finn hängt, gehts. Ganz alleine wirds wohl nie gut sein.

    von unterwegs..

  • Ich denke auch, es hat einfach viel damit zu tun, wie man selbst dem Thema gegenübersteht und was man für den Hund in dem Moment ausstrahlt.
    Bei uns ist es ähnlich wie mit Sundris Freundin, nur dass sich diese krassen Unterschiede tatsächlich innerhalb der Familie ergeben.
    Abgesehen davon, denke ich, hängt es stark mit bestimmten Charaktereigenschaften des jeweiligen Hundes zusammen.

    Dass es rasseabhängig ist, denke ich eigentlich nicht. Wir hatten bisher immer Hunde, bei denen es eigentlich immer heißt, sie seien nicht gerne alleine, das läge der jeweiligen Rasse fern,... Auch vom Setter (jetziger Welpe) heißt es, er sei ungerne allein. Ob der Zwerg nun GERNE allein ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Allerdings kann ich ziemlich sicher sagen: Es juckt ihn kein Stück! Es dauert keine 10 Sekunden und er liegt in seinem Bett oder rast mit Spielzeug durch die Bude, dann wird eben hinterher ausgiebig gepennt. 30-60 Minuten alleine bleiben ist auch ohne großartig aufgebautes Training kein Ding. Unser Training sieht so aus, dass ich etwa 4x die Woche den Zwerg alleine lasse, wenn es sich grade anbietet, weil ich irgendwas zu erledigen habe. Das können 10 Minuten sein, es können auch 60 Minuten sein. Die Kamera zeigt immer das gleiche: einen spielenden oder schlafenden Welpen, dessen Körpersprache nicht anders ist als sonst auch. Und das ohne großartiges Training, ohne besondere Vorgeschichte (ein Welpe!) und angeblich eine Rasse, die nicht gerne alleine bleibt. Bei ihm denke ich, ist es wirklich eine Charaktersache. Die Hunde, die nicht gut alleine bleiben konnte, waren immer auch irgendwie ein wenig "ängstlicher", anhänglicher. Ein ängstlicher Charakter ist er absolut nicht, im Gegenteil. Sehr selbstständig und selbstsicher. Ich denke, das und meine Einstellung zum Thema machen da viel aus.

    Bzgl. Vorgeschichte bei TS-Hunden kann ich gar nichts sagen, da wir bisher immer Welpen hatten bis auf zwei Hunde (und die waren mit Herz und Verstand geführte Jagdgebrauchshunde, die mal im Zuchtwesen waren und aufgrund des vorangeschrittenen Alters des vorherigen HHs an uns abgegeben wurden, da ein Leben außerhalb des Gebrauchs nicht infrage kam). Welpen bekommt man ja idR relativ "roh", kann selbst prägen etc.pp. Da sieht man schon recht stark die unterschiedlichen Charakterzüge, die ich schon auch mit dem alleine-bleiben-können in Verbindung bringen kann (genauso wie mit anderen Dingen).

  • Welche Charakterzüge wären das denn? Kannst du das an irgendetwas festmachen?

    Ich denke, dass es letztendlich von vielen Faktoren abhängt, und dass die Rasse, die ja auch tendenziell bestimmte Wesenszüge mit sich bringt, durchaus auch eine Rolle spielen kann. Nur an der Haltung des Menschen kann es nicht liegen, sonst gäbe es nicht den Fall, dass jemand Hunde hat, die diesbezüglich unterschiedlich reagieren.

  • Nachtrag: Tschuldigung, hast du ja geschrieben. Die ängstlichen, anhänglichen haben mehr Schwierigkeiten. Klingt logisch.
    Meine Berta war zwar nicht ängstlich, aber sehr anhänglich. Alleine bleiben konnte sie anfangs gar nicht. Hm, vielleicht war sie doch ängstlich, aber nur im Bezug auf mich (Verlustangst). Gegeben hat sich das übrigens, sobald ein zweiter Hund da war.

  • Shira ist ja auch so ein Alleinbleib-Problemhund.

    Rassebedingt? Kann ich nicht sagen, da niemand weis, was für Rassen da mitgemischt haben.

    Herkunftsbedingt? Schon eher. Sie kam mit 11 Wochen ins Tierheim, unbekannte Herkunft, zurückhaltend bis ängstlich.

    Erfahrungsbedingt? Ich denke, das spielt bei ihr auch eine Rolle. Ihre ersten Erfahrungen mit dem Alleinbleiben waren, dass sie tagsüber im Tierheim immer bei den Pflegern sein durfte und nachts kommentarlos 12h in den Zwinger gebracht wurde. Sicher keine gute Erfahrung für einen so jungen Hund, der schon rumgereicht wurde.

    Erziehungsbedingt? Ebenfalls ein Punkt. Wir haben es nämlich schlicht die ersten Monate, die sie bei uns war, nicht mit ihr geübt weil immer jemand zuhause war und wir gar nicht damit gerechnet haben, dass es da Probleme geben könnte :ops: Wir kannten es halt nur so, von eigenen und fremden Hunden, dass das Alleinbleiben "halt funktioniert". Fehlschluss. Das haben wir eindeutig selbst vergeigt, was vor dem Erfahrungshintergrund definitiv katastrophal war.

    Charakterbedingt? Spielt wohl auch mit rein. Shira ist eher unsicher, sehr anhänglich zur Familie, zudem ein Kontrollfreak wenn man da nicht stark gegenarbeitet. Und ein Hibbel, der nur schlecht selbst zur Ruhe kommt.

    All diese Puzzleteile haben dazu geführt, dass wir einen Junghund hatten, der schon beim Schließen der Wohnungstür anfing zu bellen und später auch heftig daran hochsprang und total hysterisch wurde.
    Wir haben lange und mit mehreren Anläufen versucht, ihr das Alleinbleiben auf die übliche Art (rausgehen-reingehen x-Mal am Tag) beizubringen, mit sehr ernüchterndem Ergebnis. Jetzt trainieren wir seit 6 Wochen mit festen Ritualen unter Aufsicht unserer Hundetrainerin und sind immerhin bei 25 Minuten alleine, in denen sie meist ruhig liegen bleibt.

    Das lehrt mich aber einiges für einen eventuellen zweiten Hund!
    1. möchte ich einen Welpen vom Züchter, der nervlich und erfahrungstechnisch "sauberer" kommt.
    2. möchte ich den Welpen früher bekommen, also mit 8-10 Wochen statt mit 14 Wochen nach Rumreichen
    3. wird das Alleinbleiben vom ERSTEN TAG AN völlig selbstverständlich im Alltag eingebaut.

  • Fusselnase
    Ja, da hast du Recht, teilweise verhalten sich die Hunde eines Besitzer ja auch gänzlich unterschiedlich. Ich habe das Gefühl, dass eine klare Haltung zumindest hilft. Wieviel sie letztendlich ausmacht, hängt sicherlich auch mit anderen Faktoren ganz stark zusammen.

    Der Zwerg ist ein sehr wesensfester Hund, der sehr viel Selbstsicherheit und damit einhergehend eine gewisse Eigenständigkeit mitbringt. Ich denke nicht, dass letzteres damit zusammenhängt, dass er nicht sehr halterbezogen ist (was bei dieser Rasse definitiv ein ungewollter Charakterzug wäre), aber durch die Selbstsicherheit traut er sich (und zwar sich im Alleingang) schon so manches zu. Er ist einfach unerschrocken, traut sich was, ohne dabei immer meine Hand an seiner Seite haben zu müssen, die ihm bestätigt, dass deine Entscheidung okay ist. Es gibt generell auch nicht viele Dinge, die ihm Angst bereiten (von Autos abgesehen), er ist sehr neugierig und geht gern nach vorn, um sich die Dinge anzuschauen. Das alles merkt man schon auch an der Art und Weise, in der er alleine bleiben kann. Ich sehe bei ihm nicht die Notwendigkeit, ein Training großartig aufzubauen, bei anderen Welpen kann das schon ganz anders aussehen (heißt ich schmeiße einen Hund nicht grundsätzlich ins kalte Wasser). So, wie er draußen in seiner Selbstsicherheit für einen Welpen sehr weite Kreise zieht, kaum Folgetrieb hat, auch alleine klar kommt, ist das auch in der Wohnung. Er freut sich, wenn wir wieder kommen, es ist aber auch kein Ding, wenn er mit sich allein klar kommen muss.
    Einer unserer Hunde, der nicht gut alleine bleiben konnte, war beispielsweise ein gänzlich anderer Charakter. Ich würde nicht sagen, dass er - wie man so schön sagt - nicht wesensfest war. Sonst wäre er für den Jagdgebrauch wohl nix gewesen. Aber er war von Welpe an ein Typ Hund, der zur Unsicherheit neigt, wenn er sich der Anwesenheit seines Halters im Rücken nicht sicher sein konnte. Er hatte einen sehr ausgeprägten Folgetrieb, orientierte sich in jeder Hinsicht stark an uns, bot immer wieder von selbst Blickkontakt an und fragte bei fast jeder Entscheidung um Erlaubnis (sei es die Richtung, in die er weiterlaufen soll oder die Frage, ob er im Fluss baden darf). Alles wurde vorab durch Blickkontakt abgeklärt, ohne dass wir dies je konditioniert hätten. Er war nicht generell ängstlich, brauchte aber für alles eine Zustimmung. Ängstlich war er in Bezug auf uns, er hatte seit jeher "Verlustängste", die wir ihm nie nehmen konnten. Für den Jagdgebrauch eigentlich ein optimaler Hund, der alles vorab absprach. Ein Ticken Selbstständigkeit wäre hier und da wünschenswert gewesen, aber auch so war er wunderbar lenkbar. Das Alleinebleiben war allerdings immer irgendwie ein Problem für ihn. Er stelle nichts an, aber es ging ihm nie gut damit. Er hat zwar gemerkt, dass wir immer wieder kommen, aber die Zeit dazwischen, in der er einfach nicht die Möglichkeit hatte, sich auf uns zu beziehen, war für ihn sehr schwierig.
    Das sind für mich ganz gravierende Charakterunterschiede, die man beim Welpen schon in Ansätzen erkennen kann und ich denke, beim Alleinebleiben spielt es eine sehr große Rolle, wieviel Rückmeldung ein Hund von seinem Halter braucht, um Sicherheit zu gewinnen. Du weißt sicher, was ich meine.

  • Ja, ich glaube schon!
    Ich muss sicher noch ein bisschen länger drüber nachdenken, wie es bei meinen Hunden ist. So ganz komme ich nicht dahinter. Berta (mein English Setter), die anfangs nicht alleine bleiben konnte, war eigentlich sogar die Selbstbewussteste von allen. Sie war 7 Jahre im Canile, und als ich sie bekam 10 Jahre alt. Sie ist mir von ersten Moment an nicht mehr von der Seite gewichen. Klar, sie hatte sonst ja auch niemanden. Für sie gab es nur zwei Zustände: Frauchen da = gut, Frauchen nicht da= schlecht. Insofern war es logisch, dass sie nicht allein bleiben wollte (auch nicht so gern mit Herrchen - das war trotzdem doof. Aber da hat sie wenigstens nicht gebellt).
    Alma war 7 oder 8 Jahre in einem üblen Tierheim, und bei ihr hatte ich das Gefühl, dass sie weniger an Verlustangst litt sondern es einfach nicht eingesehen hat, dass sie nicht mitkommen durfte. Sie wollte immer dabei sein.
    Die anderen drei... hm, ich glaube, die waren einfach froh, ihre Ruhe zu haben und sich vom Tierheim- und Umzugsstress erholen zu können. Aber die haben nie auch nur einen Mucks gemacht. Das ist echt Gold wert.

    Bei Berta waren noch zwei Dinge anders: Ich war kurz vor den Abschlussprüfungen an der Uni und hatte viel Zeit, weil ich lernen musste. Ich habe sie also in der ersten Zeit kaum allein gelassen. Das war mit Sicherheit ein Fehler. Das andere: Sie war als einziger Hund Einzelhund, die anderen waren immer zu zweit.

    Ich muss allerdings sagen, dass ich nach meinem Anfangsfehler mit Berta die Hunde auch recht schnell wie selbstverständlich allein gelassen habe, ohne viel Trara. Ich sage den Leuten, die einen Tierheimhund aufnehmen, sie sollen ihnen gar nicht erst beibringen, dass immer einer da ist.

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