Das Wesen von "Strassenhunden"

  • Hallo zusammen,
    Ich habe eine 1,5 jährige Hündin, Bonnie. Ihre Mutter ist eine Strassen Hündin aus Griechenland. Sie wurde als Welpe mit nach Deutschland gebracht, beim nächsten Griechenland Urlaub von einem dortigen Rüden (ebenfalls Strassenhund) gedeckt. Das Ergebnis ist u.a. Bonnie.
    Wir sind zu Bonnie gekommen, weil sich niemand für sie finden ließ, deswegen war sie als Zwischenlösung bei unseren Nachbarinnen "geparkt". Dort konnte sie aber auch nicht bleiben - sind beide berufstätig.
    Also, seit sie 13 Wochen alt ist lebt sie bei uns und ist unser ganzer Sonnenschein. Mein Mann ist tagsüber zu Hause, wenn ich arbeiten muss, sie ist also sehr selten mal alleine.
    Wir haben einen Gentest machen lassen (wofür man alles sein Geld ausgibt :ops: ) - danach ist Bonnie ein Mischling aus: Aussi, Chihuahua, Deutsch Kurzhaar, Setter und noch irgendein großer Hütehund (Pyrenäensoundso..sorry grad nicht parat) - in der Reihenfolge.
    Warum ich hier schreibe...
    Probleme in dem Sinne macht sie nicht, eher Problemchen. Ich wüßte halt mal gerne, ob das mit ihrem genetischen Hintergrund (Strassenhund) zu tun haben könnte, oder ob ich schlichtweg in der Erziehung nix tauge.
    Die Auffälligkeiten: sie ist z.B Menschen gegenüber sehr vorsichtig. Fremden nähert sie sich nie so unbeschwert wie ich das schon bei anderen Hunden gesehen habe. Sie sieht dabei immer so aus, als müsse sie auf Alles gefasst sein. Dazu muss ich vielleicht sagen, dass die Maus als Welpe schon einmal 2 Tage zu einer Familie mit 5 Kindern vermittelt war und von dort zurückgeholt wurde - ich weiß nicht welche Erfahrungen sie zu uns also schon mitbrachte. Bei uns war sie jedenfalls von Anfang an so. Manche Menschen (zB mein TA :roll: ) sprechen mich dann an, mein Hund sei ja so ängstlich, das sei ein Problem.
    Wenn ich mit ihr z.B. morgens in den Park gehe, ist sie angeknipst ohne Ende. Wenn es nach vielen anderen Hunden riecht, kann man mit ihr nicht viel anfangen. Sie macht dann einen überwachsamen Eindruck, jedes Rascheln, jede Bewegung wird registriert. Dabei vergisst sie durchaus auch mal ihr großes Geschäft zu machen. Dieses Verhalten beunruhigt mich am Meisten, weil ich mir Sorgen mache, dass sie Stress hat ohne Ende. Ich möchte, dass sie entspannen kann, krieg das aber nicht hin.
    Ansonsten geh ich Gassi wo sie laufen, rennen und toben kann - da ist sie ein Superhund.
    Und noch eine Sache: sie könnte Mitarbeiter des Monats bei der Sädtischen Reinigung werden. Sie liest möglichst alles auf, was sie an Ekelhaftem findet (schüttel). Wenn gleich Mehreres rumliegt, gerät sie in einen nahezu jagdähnlichen Zustand.
    Tut mir leid, jetzt ists doch so lange geworden...
    Hat jemand Erfahrung mit Strassenhunden? Gibt es da bestimmt Wesenmerkmale und kann es sein, dass sich gewisse Wesenszüge vererben?
    Vielen lieben Dank schon mal im Voraus!

  • Wie das bei Hunden ist weiß ich nicht, aber bei Menschen gibt es sowas wie "vererbte Traumata"

    Wobei ich im Falle deiner Hündin eher daran glaube, dass die durch die vielen Veränderungen in ihrem bisherigen Leben einfach unsicher ist und viele Dinge noch nicht gut genug kennengelernt hat.

  • Ich glaube, es handelt sich um ein multifaktorielles Geschehen :D

    Meine Hündin hat ähnliche Anwandlungen. Speziell die Futtersuche draußen - betreibt sie wie eine Jagd (wenn man sie lässt).
    Ich frage mich auch, ob meine erst später "feste vier Wände" kennen gelernt hat, draußen oder in einem Keller, einer Höhle oder so geboren würde. Sie zeigte anfangs zB massive Angst vor Türen, verhielt sich wie ein Fluchttier, das Angst hat, in die Enge getrieben zu werden.
    Sie hat "Rehhund" als Spitznamen für dieses Verhalten :smile:
    Ich kann nicht sagen, was Straßenhündin, was fehlende Prägung, oder auch was zB Windhundig an ihr ist.
    So what.
    Sie brauchte massives Alltagstraining.
    Heute ist sie ne coole Socke - mit ihren Eigenarten, aber eine super Begleiterin in allen Lebenslagen. Sie hat ihre Macken, wie die Futterjagd - sie könnte sich alleine durchschlagen, bin ich sicher! - aber die Wesentlichen Sachen hat sie drauf. Inzwischen, mit ihren geschätzten 9 J, davon 7 bei mir.

  • @viva
    Hm, sind das viele Veränderungen? Hab ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Oje, das kann ich leider nicht rückgängig machen.
    Dass sie noch nicht viel kennen gelernt hat, tät ich nicht unterschreiben. Zumindest an die Gerüche und das Umfeld im Park sollte sie langsam wirklich gewöhnt sein. Das ist jeden Morgen seit sie sauber ist unser Programmm.
    Andererseits geb ich zu, dass ich sie als Welpe tendenziell eher verschont habe mit irgendwelchen potentiell über fördernden Situationen (Einkaufscenter beispielsweise).
    Das mit den vererbten Traumata werd ich mir auf jeden Fall genauer anschauen, Danke :smile

    BigBoy
    Was nennst Du denn Alltagstraining? Situationen nur öfter aufsuchen oder da dann auch trainieren (wie auch immer)?
    Rehhund ist gut. Triffts bei meiner in vielen Situationrn ziemlich genau.

  • Unsere Hündin kommt aus Rumänien, und man merkt ihr den Hintergrund auf der Straße auf jeden Fall an. Wir haben sie etwa ein halbes Jahr, und sie ist schon etwas weniger unsicher als vorher, aber trotzdem übervorsichtig. Es gibt bei ihr auch Tage, da ist sie ständig "auf der Hut", wenn man spazieren geht. Hinter jeder Ecke wird etwas "gefährliches" vermutet, bzw. ist sie einfach wahnsinnig aufmerksam. Mit Futter/Müll ist es auch schlimm, vor allem der Mülleimer hat es ihr angetan (muss schon immer was draufstellen, damit sie ihn nicht mehr aufmachen kann und darin herumwühlt :D ) Sie frisst auch wirklich ALLES. Und sie ist ständig auf der Jagd nach Mäusen, wenn wir spazieren gehen. Anfangs war sie auch recht besitzergreifend, was tolle Leckerlies wie Knochen oder so angeht, mittlerweile lässt sie sich (das meiste) wieder abnehmen.

    Die Unsicherheit zeigt sich bei uns auch in der Angst vor Konfrontationen mit anderen Hunden. Deswegen sind Hundebegegnungen leider ein Problem :sad2: Aber auch hier ist das Muster klar: Sobald sich der andere Hund klar für sie ersichtlich entfernt, entspannt sie. Nur wenn er auf sie zukommt, ist ihre Strategie "Angriff ist die beste Verteidigung". Da habe ich dann schon überlegt, ob ihr Verhalten auch damit zusammen hängt, dass "frontale" Begegnungen für Hunde nicht üblich sind und sie das in der Form vorher vermutlich nicht kennen gelernt hat.

    Insgesamt ist sie auch sehr unabhängig; ganz am Anfang war sie draußen quasi nicht ansprechbar und es ist immer noch ein riesiger Unterschied, ob man in der Wohnung oder im Garten mit ihr ist, wo sie super verschmust ist, oder draußen, wo sie eher ihr Ding durchziehen will. Das hat sich aber auch schon stark verbessert :)

    Ich glaube schon, dass ehemalige Straßenhunde schon etwas anders sind als, sag ich mal, Hunde vom Züchter, die eine gute Kinderstube hatten. Da ist der Überlebensinstinkt viel präsenter. Das zieht sich bestimmt noch durch die nächsten paar Generationen, ist ja bei Menschen auch so. Aber an vielen Dingen kann man arbeiten, nicht zuletzt, indem man dem Hund Sicherheit durch klare Führung gibt, und den Hund behutsam an die "aufregenden" Dinge gewöhnt :)

  • Zitat

    @viva
    Hm, sind das viele Veränderungen? Hab ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Oje, das kann ich leider nicht rückgängig machen.

    Das mit den vielen Veränderungen hatte ich darauf bezogen, dass sie ja erst bei einer Familie war, dann zu euren Nachbarn und dann zu euch gekommen ist. Hatte ich doch richtig verstanden oder? Finde das für so einen kleinen Hund schon ziemlich viel, der sich dann immer neu einleben und an jemanden binden muss. Besonders in der wichtigen Sozialisierungsphase (bis 16. Woche). Danach dauert das Lernen von neuen Situationen einfach länger.

  • Nein, es gibt kein Wesensmerkmal, das allen Straßenhunden gemein ist. Das vererbte Trauma würde ich bei Mensch und Hund nicht vergleichen wollen. Bei Hunden "vererbt" sich Verhalten schon alleine dadurch, dass die Mutterhündin den Welpen ihr Wesen vorlebt.
    Vorsicht Menschen gegenüber kann an der Rasse liegen, wahrscheinlicher erscheint mir hier, da wir keine offensichtlich vorherrschende Rasse haben, mangelnde oder fehlerhafte Sozialisierung, evtl. gepaart mit Vorbelastung bei der Mutterhündin. Und ja, ein "angeknipster" Zustand, bei dem sie nicht mehr ansprechbar ist, ist Stress.
    Zum Gentest: der wird Dir leider nicht viel nützen - zum einen wird nicht etwa die DNA entschlüsselt und es kommt Rasse XY raus, sondern es werden lediglich 8 (meines Wissens nach) Genorte untersucht. Also z.B. wie wellig ist das Haar? oder welche Farbe hat es? usw. Diese Ergebnisse werden mit den gängigsten Rassen verglichen. Außerdem: unter den gängigsten Rassen im Test sind höchstwahrscheinlich keine der in Griechenland vorherrschenden Rassen dabei.

    Was tun: ich würde mir an Deiner Stelle einen guten Trainer holen, der mit mir daran arbeitet, wie ich meiner Hündin den Stress nehmen kann, wie ich ihr ermöglichen kann, Lösungsstrategien für Angstsituationen zu entwickeln, wie ich ihr einen anderen Job als den bei der Stadtreinigung schmackhaft machen kann. Letzterer kann lebensrettend sein, wenn z.B. Giftköder ausliegen.

  • Gutnemen Morgen,
    Hallo VIVA, ja stimmt, du hast das schon richtig verstanden - geboren bei der HH der Mutter, weggegeben zu einer Familie, zwischen geparkt bei unseren Nachbarinnen, mit 13 Wochen zu uns...stimmt, das ist definitiv was anderes als bei einem guten Züchter geboren und aufgewachsen.
    Zur Sozialisierung - ungünstigerweise ist die Mutter wohl NOCH ängstlicher, die hat wohl sogar Probleme bei Geräuschen, die sie nicht kennt oder zu laut sind. Ich hab sie mal kennengelernt, sie ist auch sehr scheu. Schaffen die Muttis das so schnell ihren Welpen beizubringen? Gut da geht mir jetzt aber schon ein Kronleuchter auf.... :???:
    Was du schreibst, bluedahlia, kenn ich nahezu alles.
    Das mit den Mäusen, das mit anderen Hunden. Da hab ich das Problem, dass sie insbesondere bei Begegnung mit einem größeren Rudel "aktiver" und größerer Hunde sofort Fersengeld gibt. Was dazu führt, dass das Rudel sie jagt wie ein Hase :sad2:
    Das war jetzt schon 3 x. Ich lein meine IMMER an, wenn fremde Hunde kommen, wurscht wieviel. Dann heißts die sind alle freundlich, ich mach meine los und dann ists eben schon 3x komplett schief gelaufen, das Spiel wendet sich zur Hatz auf Bonnie. Ich weiß nicht woran das liegt, kann sein, dass Bonnie das provoziert mit ihrer speziellen Art :???:
    Ich könnt dazu noch so Einiges schreiben, mittlerweile krieg ich echt nen Hals, wenn ich 2-3 Leute mit einem Rudel von Minimum 4 (hab auch schon 10 erlebt...) unangeleinten Hunden außer Rand und Band seh. Ist garantiert immer einer dabei, er "halt ein bissel forsch" (boah, wenn ich das schon hör :/ ) ist und mit Stunk anfängt. Anleinen ist da ja eh nicht möglich, wie willste auch gschwind mal 10 Hunde Anleihen. Da wird einfach weitergelatscht, soll doch der HH mit der angeglichen Töle gucken wo er bleibt, grrrrrr!
    Jetzt hab ich mich doch aufgeregt, sorry :D
    Jedenfalls lein ich sie nur noch bei bekannten oder einzelnen Hunden ab, die ich als friedlich einstufe. Problem ist, dass ich ihr damit aber auch nicht bei bringe wie mit Rudeln und "forschen" Hunden klar kommen...
    Wisst ihr da Rat?

  • Moin,

    :D es ist auch auffällig, das bei allen Genetischen Tests in meinem Umfeld immer ein Chi dabei war - ich habe da so meine Zweifel, auch wenn ich kein Genetiker bin.

    Ich glaube mangelndes Sozialisierung und eine Mischung aus - sich im Inneren widersprechenden Rasseanlagen - sind da eher das Problem. Es gibt verfressene Hunde, viele Straßenhunde sind es - mein Lucas dagegen ist es nicht.... auf dem HuPla lacht man uns aus, weil mir das Leckerchen runter fällt, Lou es anschaut und denkt "och nu is es wech" und sich zu fein ist, es vom Boden zu fressen. Ich lass mich gern auslachen weil das bei uns im Alltag eine wunderbare Eigenschaft ist. Er frisst nichts..... vom Boden.

    Unterschiedliche Rasseeigenschaften machen einem Hund da durchaus mehr zu schaffen, weil sie ein Teil seines Wesens sind, wenn Du etwa Aussie mit einem großen will to please ind Vorsicht gegenüber Fremden und eine Setter hast, der als sehr Menschenfreundlich gilt, dann bekommt man eventuell einen Hund der schweirig ist... und, ich würde immer erst im Heimatland auf Rassesuche gehen, die wenigsten Hunde sind ein Mix aus Rassen, die in Griechenland etwa - eher nicht vertreten sind und wenn, dann nicht munter und frei auf der Straße herum laufen.

    Ängstlichkeit ist durchaus etwas, das die Mutter vererben kann und wird, sie überträgt ihre Angst schlicht auf die Welpen und mangelnde Sozialisierung vertieft das dann, ich hab hier eine Pflegehündin von der Straße gehabt, die war extrem vorsichtig, aber kein bisschen ängstlich. Scheu aber neugierig. Manchmal muss man Hunde einfach so nehmen wie sie sind und wenn man ihnen das zugesteht, verändert sich auch etwas - ich kann das nicht erklären - ich handle da intuitiv.

    Lucas hingegen ist äußerst schreckhaft, wehe er wird von einem Geräusch überrascht - ich zeige ihm Radfahrer die sich unbemerkt nähern, gehe auf ihn ein - schaue also auch immer mal wieder nach hinten, seitdem ist alles gut. Aber auch er ist nicht ängstlich. Diego, der wirklich von der Straße kam und von meinen Kindern in Spanien eingesammelt wurde, war sehr schreckhaft und vorsichtig, aber ängstlich? Nur bei Gewitter - er schlief immer gern mit etwas "über" dem Kopf.

    Straßenhunde selbst sind oftmals sehr gut sozialisiert (unter Hunden) und sie zeigen eine sehr deutliche Körpersprache, die sollte man beachten. Nur - Deiner ist ja kein Straßenhund, von daher würde ich sehr viel Geduld haben, ihn fordern aber nicht überfordern.

    Sundri

    P.S: Lein sie nicht ab bei anderen Hunden, wenn sie schnell man den Hasen gibt, kann das ins Auge gehen, denn dann setzt bei so manchem Hund das Hirn aus und er sieht nur noch "Beute" - das will keiner. Sucht Euch Hundefreunde mit Garten und vermittel Ihr Sicherheit, lass sie nicht mit einer "Gruppe" spielen, einer ist okay, aber viele sind des Hasen tot, wie man bei uns sagt.

  • Zitat

    Sie wurde als Welpe mit nach Deutschland gebracht, beim nächsten Griechenland Urlaub von einem dortigen Rüden (ebenfalls Strassenhund) gedeckt.


    Da sag ich mal nix zu :verzweifelt:

    Zitat

    Ich glaube schon, dass ehemalige Straßenhunde schon etwas anders sind als, sag ich mal, Hunde vom Züchter, die eine gute Kinderstube hatten. Da ist der Überlebensinstinkt viel präsenter. Das zieht sich bestimmt noch durch die nächsten paar Generationen, ist ja bei Menschen auch so.


    Ich glaube nicht, dass sich das auf Nachkommen wirklich "vererbt".

    Dass Eltern gewisse Verhaltensnachweisen vorleben und Nachkommen diese übernehmen, ja - aber dass folgende Generationen diese Verhaltensweisen genetisch verankert haben, glaube ich nicht.

    Es gibt doch auch die Menschen-Fraktion "ich wurde als Kind geschlagen, nun schlag ich meine Kinder auch". Das wäre ein zu einfache Ausrede.

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