Zu lasche Erziehung?

  • Hallo, seit Juli bin ich stolzes Herrchen. Ich habe einen Hovawart-Australian Shepherd-Mix namens Ray, 1 1/2 Jahre alt. Zu seiner Vorgeschichte: Er war ursprünglich ein griechischer Straßenhund und wurde mit seinen Geschwistern mit nach Deutschland gebracht. Seine Geschwister konnten vermittelt werden, aber Ray wurde immer größer und war dann natürlich nichtmetrisch so niedlich.
    Also blieb er erst in der Stadtwohnung und er wurde wenig erzogen. Etwas später war er dann in verschiedenen Pflegestationen, bis ich auf ihn aufmerksam geworden bin. Das war Liebe auf den ersten Blick.
    Schließlich wurde mir Ray vermittelt, aber ich hatte einfach zu wenig Ahnung von Hunden.
    Wir haben dann zügig nach einer Hundetrainerin geschaut und Ray hat sich mittlerweile richtig gemacht-wenn ich mit ihm alleine bin und er durch nichts abgelenkt werden kann.
    Das ist genau mein Problem, sobald etwas anders (ein anderer Hund, ein Fahrradfahrer, ein Fußgänger,...) In der nähe ist, ist er nicht mehr zu halten. An der Leine beginnt er zu ziehen und bellen. Ist er auf freiem Fuß rennt er zum Objekt hin und er muss aus der nähe sehen, was er von weitem sieht. Ich kann rufen wie ich will, er hört einfach nicht und macht dann was er will. An der Leine hat er dann einen ganz starren Blick drauf und er reagiert auf keine Kommandos mehr, wenn er etwas sieht.
    Wir haben mit der Hundetrainerin an der Schleppleine geübt und auch die Kommandos beherrschen wir ohne Probleme wenn wir alleine sind.
    Was mich aber stutzig macht, ist die Aussage von der Trainerin, dass dieses Gerede von der Rangordnung altmodisch ist und völlig überbewertet wird. Ich habe im Netz danach gesucht, aber konnte nichts derartiges finden.
    Es war mit Sicherheit nicht alles falsch, aber mittlerweile denke ich, dass hier der Fehler steckt.

    Heute kam es dann zu folgender Situation: Ray sah, bevor ich es gesehen habe aus etwa 70-80 Metern einen Radfahrer. Er war nicht mehr zu halten und die er kämm immer näher an die eigentlich weit entfernte Straße. Als er wieder kam hab ich ihn zum ersten mal richtig zusammen gestaucht. Ich stampfte mit dem Fuß auf den Boden, habe die Leine vor ihm auf den Boden geschmettert und geschrien "komm!"

    So kannte er mischt nicht und er ist jetzt beleidigt mit mir, da die besagte Trainerin mir immer gesagt hat, ich soll sanft mit ihm reden. Ich hab mittlerweile ein richtig schlechtes gewissen und hab Angst, dass unsere Bindung jetzt nicht mehr so ist wie früher. Legt sich das wieder und wie soll ich mich jetzt verhalten?

    Ich habe mittlerweile eine neue Trainerin gefunden und morgen die erste Einzelstunde bei ihr. Sie meinte ich muss ihn kopfmäßig beschäftigen und wir kriegen ihn nur über das Futter dazu, dass er hört. Wir sollen ihn zukünftig nur aus der Hand füttern.

    Weiß wer Rat? Ich bin etwas verzweifelt

    Ben

  • Zu seiner eigenen Sicherheit würde ich ihn nicht frei laufen lassen. Es geht nicht, das er nicht hört und auf die Straße rennt oder womöglich zu einem Hund rennt, der aus gutem Grund an der Leine ist. Schleppleine ist also Pflicht.
    Zu dem Ausschimpfen würde mir einfallen, das der Hund keine Spaß daran hat zu gehorchen und zu kommen, wenn Herrchen oder Frauchen wütend wird - dann hält man sich als kluger Hund besser von denen fern und das hat nichts mit Rangordnung zu tun. Ich würde mich also versuchen attraktiver zu machen. Ob er eher auf Spielzeug oder Leckerlies reagiert kannst du testen, viele Hunde sind durch eins davon besser abzulenken.
    Außerdem könntest du Alternativkommandos trainieren, also wenn du von weitem einen Hund oder andere interessante Objekte siehst, dann lässt du ihn erst gar nicht in die Situation reinsteigern, sondern gibt ihm das Kommando 'Sitz' und wartest bis das Objekt weitergezogen ist. Wenn das gut klappt, kannst du ihn irgednwnan 'bei Fuß' vorbei gehen lassen. Wenn Leckerlies gut klappen, kannst du ihm in kurzen Abständen welche geben und die dann verlängern, wenn er eher auf Spielzeuge reagierst, kannst du ihn durch zergeln einfach ablenken.
    Viel Glück!

  • Hallo Ben,
    wenn er "Tunnelblick" hat, in die Leine springt etc,
    dann ist er schon viel zu weit draußen und das,
    weil du ihn noch nicht gut genug lesen kannst.
    VORHER kommen schon ganz viele Signale (Körpersprache , Rute, Haare , Ohren undundund ) , dir dir anzeigen,
    dass das Erregungslevel steigt bei deinem Hund .
    Dann schon musst du intervenieren. Ablenken oder was immer ihr so macht .

    LGr m

  • Ich bin auch Hundeanfängerin, hatte es aber mit meinem kleinen Sensibelchen allerdings etwas leichter.

    In meinem Kopf schwirrte natürlich auch diese veraltete Gerde von Dominanz, Alphawurf, Futter wegnehmen etc etc rum, aber neuere Literatur hat mich eines besseren gelehrt und ich hab mir auch ein paar Trainerstunden gegönnt.

    Persönlich denke ich, dass der Mensch in der Mensch-Hund Beziehung schon Chef sein sollte, was man aber nicht dadurch erreicht das man versucht hündische Verhaltensweisen unpräzise nachzuahmen. Ich fand das, was Martin Rütter in seinem Hundetraining Buch über Agieren und Reagieren und Ressourcen-kontrolle geschrieben hat wirklich gut.

    Ich denke nicht, dass man mit einem Hund immer nur sanft reden muss. Ab und an ist ne ordentliche Ansage was geht und was nicht sicher nicht falsch. Aber es ist besser, wenn man dabei nicht wütend ist (leichter gesagt als getan, ich weiss) und wenn man dem Hund ein Alternativverhalten anbietet; und man muss klar und konsequent sein - und auch das ist schwer denn natürlich stört mich eine bestimmtes Verhalten meines Hundes in manchen Situation schon, in anderen aber wieder nicht. Nur versteht der Hund eben nicht warum z.B. hochspringen manchmal ok ist und manchmal nicht.
    Wenn der Hund mit etwas aufhören soll, muss man ihm erstmal eine Signal beibringen das bedeutet 'Hör auf mit dem was Du tust.' Auch das ist allerdings leichter geschrieben als getan, wie ich aus eigener Erfahrung weiss. :-/

    Ganz sicher muss Dein Hund auch unglaublich viel erstmal lernen und kennen lernen. Und ihr müsst eine gute Beziehung zueinander aufbauen damit er lernt, dass er Dir vertrauen kann, wenn Du ihm klar machst, dass er sich um etwas Bestimmtes - wie Radfahrer - nicht sorgen muss, weil Du das im Griff hast.

    Da arbeitet man auf verschiedenen Ebene (Beziehung und Erziehung) und das braucht viel Zeit. Du kannst nicht in 2 Monaten die Defizite und Unsicherheiten ausradieren, die sich über 1, 5 Jahre schlechter Lebensbedingungen angesammelt haben.

    ICh hoffe, dass die neue Trainerin einen guten Weg findet, der für Euch beide funktioniert. Das mit dem Futter ist eine gute Idee und wird sehr häufig und von vielen Leuten so gemacht. Ich habe schon oft gesehen dass das gut funktioniert um 1. dem Hund beizubringen, dass Futter (und Zuwendung) wirklich von Dir kommen (Ebene Beziehung) und 2. den Hund damit mehr auf Dich zu fokussieren, wenn ihr draussen unterwegs seid. (Ebene Erziehung)
    Kopfbeschäftigung ist eigentlich für alle Hunde was Feines. Wenn ihr noch etwas zusammengewachsen seid kannst Du vielleicht auch einen Hundesport finden an dem ihr beide viel Spass zusammen habt (was dann wieder zur Beziehungsarbeit gehört) Da gibt es total tolle Sachen, die man als Hundeanfänger gar nicht so kennt: Mantrailing, Hundefrisbee, Longieren - wühl Dich mal durch die unteren Themen in der Forumübersicht und freu Dich auf das Ende des kommenden Winters :-)

    Hundeerziehung ist ein ewiges vor und zurück - auch für Leute, die ihre Hunde als unbescholtene Welpen von Anfang an aufziehen. Dran bleiben und nicht verzweifeln!

  • Wenn ich ein Fahrrad kommen seh, dann ruf ich sie ran und lass sie neben mir absitzen mit dem Kommando "Komm und Fahrrad". Das gleiche mach ich mit Joggern usw. Ich möchte erreichen, dass sie irgendwann automatisch neben mir Sitz macht, wenn sie es sieht oder ich Fahrrad oder so sage. An der Straße leine ich sie an und gebe das Kommando "Straße", also immer die gleiche Worte.
    Wir haben auch lange den Rückruf trainiert mit der Schleppleine und Futter nur aus dem Futterbeutel in Verbindung mit einem Doppelpfiff (Pfeife). Klar, es klappt nicht immer alles, aber es wird immer besser.
    Die Mischung deines Hundes ist sehr kontrovers und du solltest dich mit beiden Rassen auseinandersetzen. Die eine Hälfte hütet, die andere bewacht. Du wirst wohl rausfinden müssen, wie du ihn auf dich aufmerksam machen kannst und von "anderen" ablenken kannst.
    Kikt1 hat recht, dass es zwar "streng" sein sollte in manchen Situationen, aber nicht wenn du sauer bist.
    Ich hab es erst gestern bei unserem Hund gemerkt. Ich war gereizt und wollte meine Ruhe und sie wollte aber irgendwas von mir. Was hab ich gemacht...einen Brüller losgelassen und sie ist sofort ins Meideverhalten und hat sich verkrochen. Ich hatte dann wieder ein schlechtes Gewissen, aber ich muss auch lernen, dass sie sich nach mir richten muss und ich nicht immer nach ihr, aber ich hätte es sicherlich auch anders vermitteln können.
    Hab Geduld und such dir eine Linie, die du dann konsequent verfolgst.

  • Ich komme persönlich mit dem ganzen Erziehen über Füttern nicht zurecht,

    Erziehung fängt für mich im eigenen Kopf an, mit der Einpünktigkeit der mentalen Ausrichtung, hat für mich nichts mit Ernährung und Bestechung / Manipulation über´s Füttern zu tun..

    Es muss auch ´ohne´funktionieren.

  • Zitat

    Ich komme persönlich mit dem ganzen Erziehen über Füttern nicht zurecht,

    Erziehung fängt für mich im eigenen Kopf an, mit der Einpünktigkeit der mentalen Ausrichtung, hat für mich nichts mit Ernährung und Bestechung / Manipulation über´s Füttern zu tun..

    Es muss auch ´ohne´funktionieren.


    Sehe ich ähnlich. Meiner bekommt auch das ein oder andere Leckerlie draußen, aber das hat nix mit Erziehung zu tun. Zum Thema, ich will das mein Hund bei Gegenverkehr (Radfahrer, Jogger, etc.) neben mir sitzt. Will ich auch, dazu brauch ich aber nur wortlos stehen zu bleiben, er kommt dann zurück und setzt sich neben mich, nur ab und an eine kleine Erinnerung in Form eines Lautes, wenn er mein Stehen nicht mitbekommen hat. Das habe ich ohne Leckerlie gemacht. Ein bis hier hin und nicht weiter geht nur über eine klare Ansage, sonst entscheidet der Hund immer, ob er gerade Bock auf Wurst und Co hat oder halt auch nicht. Gibt Hunde die bei Wurst und Co alles sofort ausblenden, da kann man es ja so machen. Gibt aber auch viele, die es nicht machen öde halt nur wenn sie Bock haben, meiner ist so einer.

  • Willkommen im Club der rüpeligen Jubghundebesitzer! Du hast einen voll pubertierenden Hund in der Flegelphase. Du musst Sicherheit geben. Motzen und schimpfen bringt gar nichts. Das trübt nur das Vertrauen des Hundes in dich, das gerade in diesem Alter in Frage gestellt wird.

    Alles und jedes könnte eine Gefahr darstellen. Der Hund ist einerseits Proll, andererseits unsicher.

    Bleib dran, wie du es angefangen hast, Wunder geschehen nicht an einem Tag. Es ist eine Lebensphase, die viele Hunde mal mehr, mal weniger stark durchleben. Und ja, dieses Rangordnungsgedöns sieht man heute wirklich völlig anders. Verstehe dich nicht als Rudelführer, sondern eher als Elternteil.

    Ich arbeite auch mit Futter und Spiel, aber man muss es richtig einsetzen.

    Probiere nicht zu verschiedene Methoden, das alles verwirrt nur. Du musst geduldiger werden, aber ich weiß, es kostet massiv Nerven. Auch ein Nein muss mal sein.

    Was das Meideverhalten angeht, das vergeht. Aber gerade daran siehst du, was es für ein rohes Ei ist. Bei meinem war es nicht anders. Jetzt ist er 20 Monate und jetzt wird es deutlich besser.

  • Zitat

    Ich komme persönlich mit dem ganzen Erziehen über Füttern nicht zurecht,

    Erziehung fängt für mich im eigenen Kopf an, mit der Einpünktigkeit der mentalen Ausrichtung, hat für mich nichts mit Ernährung und Bestechung / Manipulation über´s Füttern zu tun..

    Es muss auch ´ohne´funktionieren.

    Arbeitest du auch fürn Nuller? Wie sonst soll der Hund verstehen, was das gewünschte Verhalten ist, als durch ein Lob mit Futter oder Spiel? Es geht nicht um Manipulation oder Bestechung, sondern um das gewünschte Verhalten durch Überlegen und Denken des Hundes zu bestätigen, wenn es richtig ist.

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