So, wie das klingt, hast du herkunftsbedingt einen eher unsicheren Junghund, ggf. mit etwas flatterigem Nervenkostüm, der als Welpe nie lernen durfte, mit Grenzen, Frust und Impulsen umzugehen. Das rächt sich nun, indem der Hund super reizempfindlich ist, schnell hochfährt, schnell drüber ist, bei Frust, Grenzen und Warten komplett überfordert ist und nicht zur Ruhe kommen kann, weil der Alltag für ihn aktuell ein riesen Stress und eine totale Überforderung ist.
Was solche Hunde meiner Erfahrung nach häufig brauchen, ist Langeweile, Routine, Gelassenheit, viel freundliche Unterstützung genauso wie eine ganz klare Führung mit fixen, klar kommunizierten Erwartungen, an denen sie sich orientieren können.
Und genau da wird dein starker Fokus auf den Hund zum Problem.
Gerade orientierst du dich, so wie das alles klingt, sehr am Hund. Und zwar dauerhaft. Er agiert, du reagierst. Anstatt ihm proaktiv zu zeigen, was er tun soll, wartest du darauf, was er anbietet, wie er reagiert, was er tut und will. Und dadurch nimmst du dem Hund unabsichtlich die Chance, sich an dir zu orientieren und überhaupt zu lernen, was von ihm erwartet wird.
Deshalb wende den Blick mal weg vom Hund. Was willst du?
Für drinnen: Wie möchtest du deinen Alltag leben und gestalten? Wie möchtest du deine Zeit zuhause verbringen? Vor dem Hund hattest du doch auch einen Alltag und Hobbys, denen du nachgegangen bist. Warum lebst du das, wenn die Bedürfnisse vom Hund befriedigt sind, nicht einfach weiter? Dein Hund kann ja daneben liegen und schlafen. Und wo sind eigentlich deine Grenzen? Wie möchtest du dich von deinem Hund eigentlich nicht behandeln lassen?
Und auch draußen: Wie möchtest du eigentlich für dich spazieren gehen? Wie soll das ablaufen? Wie möchtest du fremden Menschen und anderen Hunden begegnen? Wie möchtest du mit der Leine laufen?
Wichtig ist einfach erstmal eine klare Vorstellung davon, was du eigentlich von deinem Leben willst. Ein Hund ist ein Hund, der fügt sich da dann schon ein.
Und weil du mehrfach dein schlechtes Gewissen angesprochen hast, dass dein Hund dann eventuell zu kurz kommen könnte:
Ich finde tatsächlich, dass dein Hund für einen Junghund, der in der Welpenzeit kaum was kennengelernt hat, in eurem Alltag schon verdammt viel leisten muss. Wechselnde Betreuung, dadurch ständig wechselnde Routinen und Abläufe, Gassi mit vielen Reizen, dazu noch Suchspielchen, Beschäftigung, Impulskontroll-Übungen und on top daheim noch ständige Ansprache…
Auch wenn das sicher gut gemeint ist: Dein Hund hat bedingt durch sein Alter und seine Vorerfahrungen mit dem normalen Alltag wahrscheinlich schon so viel zu tun, dass alles, was on top kommt, einfach zu viel ist.
Deshalb lös dich dem Hund zuliebe bitte von dem Gedanken, dass er zu kurz kommen könnte. Damit schadest du ihm mehr als dass es ihm nützt. Denn ein bisschen Langeweile kann ein Hund notfalls auch mal gut wegstecken, aber einen sowieso schon überreizten Hund zusätzlich weiter zu überreizen und ihn so (wenn auch unabsichtlich) chronischem Stress auszusetzen, das ist wirklich schädlich.
Zusammengefasst: Du tust deinem Hund wahrscheinlich keinen Gefallen damit, dein gesamtes Leben und deinen Alltag um ihn herum zu basteln und alles nach ihm auszurichten. Denn letztendlich ist und bleibt es halt ein Haustier, das auch als solches behandelt werden möchte. Wird es das nicht, weil ihm zu viel Bedeutung zugeschrieben wird, kann das für das Tier genauso stresserzeugend und damit schädlich sein, wie wenn ihm zu wenig Bedeutung zugeschrieben wird. Und auch für dich ist das so doch kein Zustand. Ein Hund sollte das Leben bereichern, aber sicher nicht dauerhaft bestimmen. Das ist für alle Beteiligten auf Dauer ungesund.