Hundeausbildung im Wandel der Zeit - wie macht man es heute?

  • Hallo ihr Lieben,

    mich interessiert, wie nun die beste und richtige Hundeausbildung heutzutage aussieht.

    Damit ihr versteht, was und warum ich das so explizit frage, hier ein paar Erklärungen zu mir.

    Ich bin 42 und habe seit 20 Jahren Hunde.
    In meinen Anfangszeiten war es oft noch üblich mit Stachel und Tacker zu arbeiten, was ich immer abgelehnt habe, aber so war es damals.
    Dann zog Rex bei mir ein, ein hochaggressiver Problemhund, an dem ich gelernt habe, wie Hunde ticken, was sie brauchen, wie sie reagieren und wie man sie handhabt. 6 Jahre lang bin ich teils mit ihm durch die Hölle gegangen und er war es auch, der mich dazu inspiriert hat, Hundeverhaltenstherapeutin zu werden. Gesagt getan. Einige Jahre habe ich Theorie in Form von Seminaren und Vorträgen absolviert und schlussendlich 2 Jahre die Praxis im Tierheim erlernt. Nach 6 Jahren habe ich dann im Jahr 2000 meine Hundeschule eröffnet.

    Ganz langsam kam das Thema Clickern und Calming Signals auf den Plan. Auf den Zug bin ich natürlich aufgesprungen, ebenso handhabte ich die positive Verstärkung und gewaltfreie Erziehung eines Hundes. Es kam im Laufe der Jahre so viel hinzu. Alles erlernte ich für mich und meine Hunde und Menschen, die ich betreute.

    2006 dann gab ich meine HuSchu auf, weil meine Mama pflegebedürftig wurde und ich sie nicht in einem Heim sehen wollte. Ich zog zu ihr zurück in meine alte Heimat und wir nahmen sie zu uns. Ich kam also völlig raus aus meiner Arbeit mit den Hunden, wenngleich ich natürlich noch selber Hunde hatte. Aber ich war und bin seitdem nicht mehr up to date.

    2010 starb meine Mama und ein Jahr später Mounty. Und seitdem bin ich hundelos und habe auch in den 3 bzw. 4 Jahren nichts mehr aufgefrischt und aktualisiert. Natürlich habe ich noch mein ganzes Wissen und weiß, wie man einen Welpen groß zieht und einen Hund ausbildet und geistig auslastet, ABER...

    ...es hat sich so viel getan: da gibt es eine M. Maja-Nowak, die wenig mit Sprache, sondern mit Körpersprache arbeitet, da gibt es einen M. Rütter, der hochgejubelt wird, da gibt es Natural Dogmanship, und und und...

    Natürlich weiß ich, wie ich gern Benji erziehen möchte der Ende August bei uns einziehen wird, aber mich interessiert, was ihr so denkt, wie ihr das handhabt, nach welchem Konzept ihr vorgeht? Ich würde mich gern austauschen, ich suche also keine spezifischen Erziehungstipps, die habe ich noch drauf. Es geht mir einfach um das Abwägen von den verschiedenen Möglichkeiten, die man heutzutage hat.

    Was macht ihr und warum macht ihr es? Das interessiert mich. Wie erzieht ihr und wie lastet ihr geistig aus?

    Habt ihr Lust dazu? Würde mich freuen.

    Liebe Grüße, Tanni

  • Ein sehr interessantes Thema.
    Ich denke der entscheidende Punkt bei unserer Erziehung war, daß unser Hund von Anfang an erfahren hat, daß die Zusammenarbeit mit uns etwas ganz, ganz tolles ist und sich für ihn sehr gut anfühlt. Deshalb haben wir ihn fast ausschließlich mit positiver Verstärkung erzogen und darauf geachtet, daß das Training für ihn immer etwas schönes ist. Als Beagle gehört unser Hund zu den eher eigenständigen und vor allem auch zähen Rassen. Um so wichtiger war es ihm zu zeigen wie schön es ist mit uns zusammenzuarbeiten. Denn Strafen halten einen Beagle nicht wirklich von etwas ab, was er wirklich will. Dafür ist er als Jagdhund zu sehr darauf geprägt für sein Ziel auch Unangenehmes in kauf zu nehmen. Schließlich darf er auf der Jagd auch nicht aufgeben wenn der Weg mal dornig wird. Bei uns funktioniert dieses System wunderbar und ohne Probleme.
    Auslasten tun wir ihn durch gezieltes, regelmäßiges Mantrailingtraining in einer Gruppe mit Trainerin. Ansonsten machen wir viele Suchspiele und Dummyarbeit. Warum? Weil es das ist was ihm und uns am meisten Spaß macht. :D

    LG

    Franziska mit Till

  • Zitat

    [color=#0000BF]Hallo ihr Lieben,

    mich interessiert, wie nun die beste und richtige Hundeausbildung heutzutage aussieht.

    Hm, ich denke das ist die, die am besten auf das jeweilige Hunde/Halter-Team zugeschnitten ist.

    Ich habe mir die Wartezeit auf den Hund mit vielen Büchern und anschauen von TV-Hundeprofis vertrieben. Kurz vor Hund habe ich alles aus meinem Gedächtnis gestrichen und mir nur die Tendenzen gemerkt, weil mir aufgefallen ist, dass das Thema Hund bei mir inzwischen ziemlich verkopft war. Ich hatte Angst das Bauchgefühl zu verlieren.

    Mit der ganzen Theorie habe ich ein reichhaltiges Buffet von dem ich mich passend bedienen kann. "Reine Methoden" sind mir ziemlich zuwider. Unsere Trainerin, die uns in der Praxis unterstützt, arbeitet Richtung animal learn.

  • Ich denke auch, dass das Bauchgefühl am wichtigsten ist.
    Paula ist mein erster Hund und ich habe am Anfang versucht mich ziemlich strikt an die Anweisungen in Erziehungsbüchern zu halten, leider hat das nie richtig geholfen.
    Seit ca. 1 Jahr erziehe ich sie einfach so, wie es sich für mich richtig anfühlt, und es klappt viel besser.

  • Das ist wirklich ein interessantes Thema! Vor allem, weil es so vielschichtig ist und man es sehr sehr weit ausführen kann.

    Ich bin mal so frech und teile die "Hundeerziehungswelt" grob in verschiedene Richtungen, Strömungen ein:
    1) die "niemals-Aversivler", vermeintliche Wattebauschwerfer (ich mag den Begriff nicht!) und "Geschirrgriffleute".
    2) die Dominanz & Rudelführerleute, Anhänger von Millan und co.
    3) die Rudelstellungsleute :headbash:
    4) die "ich habe ein tolles Hilfsmittel gefunden! Ahnung von Lerntheorie habe ich zwar nicht, aber das hilft mir!"-Leute

    Da gibt es ganz viele Extreme. Und da gibt es gaaaaanz viel dazwischen und ganz viele "Normalos". Es wird nur gerne so dargestellt, als ob es nur einen Weg geben würde, ein Weg der für alle passt, ein Weg, der nach Rom führt, ein Weg, der das Hundeseelchen ganz lässt ... so ist es aber nicht. Jeder sollte SEINEN Weg finden, nach bestem Wissen und Gewissen, schauen was er mit seinem Hund machen möchte und dabei offen für Neues sein.

    Zitat

    Was macht ihr und warum macht ihr es? Das interessiert mich. Wie erzieht ihr und wie lastet ihr geistig aus?

    Mein erster Hund ist ganz gut geraten, ohne viel Hintergrundwissen, einfach aus dem Bauch heraus, mit ein paar prakitschen Tipps aus Welpenschule und co.
    Ich habe viele Hundebücher (keine Erziehungsratgeber direkt, sondern eher "Fachbücher") gelesen, einfach weil mich das Thema Hund auch sehr interessiert. Die Welt der "positiven" Erziehung (Kategorie 1) :D ) eröffnete sich mir, ich war begeistert.

    Dann kam Hund Nummer 2 und ich konnte die Theorie mal schön beiseitige legen, denn die war - ausschließlich - nicht praktikabel. Man clickert kein Alternativverhalten in den Hund, wenn er gerade mit Schwung ins Gesicht geschnappt hat!
    Es hat gedauert, bis ich mir eingestanden habe, dass es mir und Hund besser geht, wenn es klare, sehr deutlich abgesteckte Grenzen zwischen erlaubt/nicht erlaubt gibt. Ich erlaube viel, meine Hunde müssen viele Dinge nicht mal im Ansatz können, was für die meisten anderen Leute hier "normal" ist - aber einige Dinge sind Tabu und da gibt es ein absolutes Donnerwetter für!

    Gleichzeitig bin ich ein großer Fan von Entspannungssignalen im Alltag, von Gegenkonditionierung bei Angst/Unsicherheit, von Alternativverhalten, etc. pp. Wenn ich hier mal strafe, dann gibt es gleich eine Möglichkeit, dass der Hund es "richtig" zeigen kann. Das ist mir unglaublich wichtig.
    Mir ist ausserdem wichtig, dass meine Hunde gehorchen - besonders der Schäferhund. Wenn ich was sage, dann wird das bitte auf der Stelle ausgeführt. Sofort, ohne überlegen oder noch drei Schritte nach vorn.
    Sonst sollte der Hund sich auf mich verlassen können, meine Handlungen einschätzen können, ich sollte fair dem Hund gegenüber sein, nichts erwarten, was Hund nicht leisten kann.

    Hund soll natürlich auch auf seine Kosten kommen. ;) Wir machen viel Zeugs, mal dies, mal das, konstant und aktuell: Unterordnung, ein wenig Dummyarbeit, Tricksereien und Zughundesport.
    Hier ist mir das wichtigste, dass der Hund Spaß hat und danach einen zufriedenen, ausgeglichenen Eindruck macht.

  • Mhm. Nach welchem Konzept ich ausbilde? Nach meinem :)

    Meiner Meinung nach gibt es viele Wege nach Rom, besnders in Sachen Hundeerziehung- und training. Nur muss man seine persönliche Überzeugung finden. Kann man es ethisch und moralisch Vertreten wenn man mir Stachler etc ausbildet? Nach CMs Methoden? Oder ist man von den Rudelstellungssache überzeugt? Oder ist man gar Wattebauscher und lebt die wegweisend positive Verstärkung?

    Ich persönlich ziehe mir das für mich sinnvollste und schlüssigste raus, bin fair zu meinen Hunden, erwarte nicht zu viel und bringe sie nicht in Situationen die sie nicht bewältigen können. Dennoch habe ich gewisse Ansprüche an meine Hunde, sie müssen bei einigen Dingen spuren. Immer. Bei einigen Dingen lasse ich auch mal 5 gerade sein.

    Geistige Auslastung passiert bei uns beim Obedience und beim Tricksen. Fürs körperliche Wohl fahren wir ab und am Rad. Just for Fun besuchen wir in einigen abständen Hundefreiläufe, treffen uns mit Freunden, gehen schwimmen usw. usf.

    Was wird Benji denn für einer? Ein DSH? :)

  • Ich habe selbst auch 4 Jahre lange eine Gruppe auf einem Hundeplatz betreut. Devise dieses Platzes war, dass Drill und Dressur von Hunde abgelehnt wird. Und das war auch das, was ich so unterschreiben würde.
    Ich bin sehr wohl ein Verfechter der positiven Verstärkung. Das muss für mich nicht zwangsläufig über den Clicker passieren. Auch muss ich nicht zwangsläufig nur Futter in den Hund stopfen. Dennoch soll der Hund erfahren, wenn er etwas korrekt gemacht hat. Ich belohne dann ab und an mit einem Leckerchen, meistens aber über Stimme oder ein Spielchen. Gut, jetzt habe ich auch einen Aussie mit Will to please. Sie macht es mir recht einfach. Das WIE sollte meiner Meinung nach immer an den jeweiligen Hund angepasst werden.
    Generell schon über die positive Verstärkung. Habe ich aber ein Verhalten, dass schnell umgelekt oder abtrainiert werden muss, dass über ich jedoch schonmal ein wenig "Druck" auf. Wobei dies bei mir bedeutet, dass ich geziehlt auf den Hund zugehe, ihn evtl etwas bedränge oder auch mal körperlich wegdränge. Schmerzen erleiden meine Hunde dabei NIE!

    Was Auslastung des Hundes angeht geht der Trend momentan sehr weit in Richtung BESCHÄFTIGUNG mit dem Hund. Von Longieren, Mantrailing, Agility oder Obedience wird so vieles angeboten. Mir ist es hierbei seeeehr wichtig, dass der Hund lernt ruhig zu arbeiten. Wenn ich die ganzen Hütehunde im Agility sehe, die laut kläffen, Kreise drehen und vor lauter Trieb gar keine Hindernisse sehen, bekomm ich regelmäßig die Krise. Ja, ich betreibe diesen Sport auch. Aber mein Hund hat gelernt hier ruhig zu arbeiten. Beigebracht habe ich ihr das im Training. Dreht sie mal hoch (kommt nach Trainingspausen ab und zu mal hoch) und bellt wie verrückt bekommt sie eine Warnung indem ich sage: nicht bellen. Reagiert sie nicht, machen wir einfach eine Pause.

    Falls deine Frage darauf hinaus läuft, dass du überlegst wieder als Trainer zu arbeiten, kann ich dir nur den Tipp geben die Grußßen möglichst klein zu halten. 3-5 Teams reichen völlig aus. Ich hatte mal zu Spitzenzeiten 20-25 Teams in einer Gruppe und konnte leider nur Wirklich effektives Training war da nicht mehr möglich.

  • Hallo ihr Lieben,

    ich danke euch für eure bisherigen Antworten und finde mich da sehr oft wieder.

    Benji wird ein DSH, richtig. :gut:

    Ich habe natürlich auch MEINE Methode und die heißt:

    - positive Verstärkung
    - Clickern
    - Kommandos
    - Sichtzeichen
    - Nasenarbeit

    Mal so im Groben.

    Ich habe seit 1994 immer Schäfchen gehabt und zwar die sozialisierte Sorte, die mit anderen Hunden spielen kann, egal ob Rüde oder Hündin und die Jogger und Co. nicht hinterherstellen. Darauf war und bin ich stolz, gerade bei dieser Rasse.

    Zurück in meine Hundeschule gehe ich nicht. Die war im Münsterland und ich wohne seit 2006 wieder in Leverkusen, wo es HuSchus und Trainer en masse gibt.

    Ich bin halt einfach nur daran interessiert, wie ihr das so handhabt, denn M. Maja-Nowak z. B. ist ja momentan in aller Munde und sie verzichtet ja weitgehend auf Kommandos. Manches sagt mir zu, anderes widerum nicht.

    Aber wie hier schon erwähnt wurde - auch ich ziehe mir aus allem das raus, was für mich schlüssig, logisch und gewaltfrei ist.

    LG Tanni

  • Ich würde mich generell nicht auf einen einzigen Hundetrainer fixieren. Einfach bei jedem etwas rauspicken was für dich und deinen Hund passt.
    Jede Trainingsmethode hat Vor- und Nachteile.
    Zur Zeit geht der Trend eigentlich eher zur "Wattebauscherziehung", mir persönlich gefällt das aber auch nicht zu 100% weil ich finde, dass man dem Hund auch klare Grenzen setzen muss. Aber wie gesagt, ich halte mich da nicht an ein bestimmtes System sondern mache das, was mir zusagt.

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