Tiffany McDaniel - "On the Savage Side"
Diesen emotional aufwühlenden Roman schrieb Tiffany McDaniel in Gedenken an die "Chilicothe Six" - sechs junge Frauen, die in Chilicothe, Ohio ermordet wurden bzw. verschwanden. Ihre Gemeinsamkeit: Die meisten von ihnen kannten einander und sie hatten alle Suchtprobleme.
McDaniel hat die Ereignisse sozusagen fiktionalisiert. Im Zentrum ihrer Erzählung stehen die Zwillingsschwestern Arc und Daffy. Zuneigung erhalten die beiden von ihrer Großmutter "Mamaw Milkweed", die ihnen auch zahlreiche Botschaften in Form von Geschichten mit auf den Weg gibt. Die Mutter von Daffy und Arc hingegen ist heroinabhängig, ebenso wie der Vater der Mädchen, der früh verstirbt. Nach dem Unfalltod der Mamaw Milkweed sind Arc und Daffy auf sich alleine gestellt. Während ihre Mutter undd deren Schwester in dem heruntergekommenen Haus in Chilicothe Freier empfangen, um sich die Drogen zu finanzieren, flüchten sich Arc und Daffy in ihre Fantasiewelt, bemalen die Wände und Böden in ihren Zimmern mit bunten Bildern und Arc entwickelt außerdem eine Leidenschaft fürs Ausbuddeln mysteriöser Objekte, ist stets auf der Suche nach irgendeinem Schatz.
Die Schwestern geben sich gegenseitig Halt, doch in ihrer trostlosen Heimatstadt und durch traumatische Kindheitserfahrungen kommen auch sie schließlich mit harten Drogen in Berührung. Gemeinsam mit mehreren anderen suchtkranken Frauen bilden sie die "Chilicothe Queens", erzählen sich gegenseitig Geschichten über ein Leben auf der "schönen Seite" und träumen von einer besseren Zukunft. Doch so hart und trist ihr Alltag auch sein mag, wirklich gedährlich wird es, als sie im Fluss treibend eine tote junge Frau entdecken...
Ich bin nicht zartbesaitet, doch in dem Buch gab es ein paar sehr krasse Passagen, die mir so schnell nicht mehr aus dem Kopf gehen werden. Ein, zwei Beschreibungen körperlicher Gewalt fand ich so heftig, dass mir das Weiterlesen schwer fiel, doch letzten Endes ist es vor allem das emotionale Elend, was mir wirklich Herz und Kehle zuschnürte. Es wird von Vertrauensbrüchen, Hoffnungslosigkeit und Enttäuschungen erzählt, ähnlich zu Herzen gehend wie in Kingsolvers "Demon Copperhead" oder Stuarts "Young Mungo".
Typisch für McDaniel enthält das Buch eine Menge Symbolismus - war mir persönlich manchmal etwas too much, aber ich bin auch nicht sonderlich spirituell. In die Romanhandlung eingefügt haben sich diese Aspekte aber gut. Der Roman ist durchzogen von einer atemlosen Eindringlichkeit, die mich fesselte. Man spürt die Beklemmung, die Tristesse eines Lebens in Armut und voller Entbehrungen. McDaniel schreibt von Menschlichkeit und Brutalität, Liebe und der Kraft des Geschichtenerzählens, von Trauer und Hoffnung.
Keine leichte Kost, ganz im Gegenteil, aber ein Roman, dee noch lange nachhallt und Betroffenheit auslöst, ohne dabei sensationalistisch oder übermäßig sentimental daherzukommen..
Den "Plot Twist" bzw eher die Enthüllung am Ende hätte ich nicht unbedingt gebraucht. Da muss ich noch überlegen, wie ich diesen Aspekt des Romans finde. Der Stärke des Werks tut dies aber keinen Abbruch.