Hernan Diaz - "In the Distance"
Ich habe Diaz' Pulitzer-gewinnendes Werk "Trust" ganz grandios gefunden, deshalb las ich nun, etwas über ein Jahr später, neugierig seinen Erstling "In the Distance". Viel gemein haben diese beiden Romane nicht, weder stilistisch noch inhaltlich.
Schreiben kann Diaz zweifelsfrei genial - bei "In The Distance" war es nur leider so, dass mich die Handlung nicht immer ganz abholte.
Interessant ist die Prämisse allerdings allemal: Die Brüder Linus und Hakan werden irgendwann gegen Mitte des 19. Jahrhunderts von ihrem Vater, einem wohl eher armen schwedischen Landwirt, mit dem Schiff nach Amerika geschickt, um sich dort eine bessere Zukunft aufzubauen. Doch während der Überfahrt werden Linus und Hakan voneinander getrennt. Hakan, der jüngere Bruder, landet nicht wie geplant in New York, sondern an der Westküste der USA. Vollkommen auf sich gestellt, der fremden Sprache nicht mächtig, beschließt Hakan, alleine, zu Fuß, den gesamten Kontinent zu queren, um seinen Bruder in New York ausfindig zu machen.
Immer wieder begegnet Hakan anderen Menschen - mal sind sie freundlich und uneigennützig, wie ein Wissenschaftler, der in der Wüstenlandschaft nach dem Ursprung aller Lebensformen sucht, mal verfolgen sie eigene Ziele und benutzen Hakan als Mittel zum Zweck, wie ein Siedler, der sich als vermögender Landbesitzer ausgibt und somit eine ganze, große Gruppe in Gefahr bringt.
Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände wird Hakan schließlich zum gesuchten Mann, der als gewissenloser Mörder gilt - und aus seiner einst so zielstrebigen Reise gen Osten wird zunehmend ein ganzes Leben, verbracht großteils alleine, in karger Wüsten- und Prärielandschaft.
Vielleicht war vor allem die erste Hälfte von "In The Distance" für mich so schwer zu lesen, weil es Diaz so meisterhaft gelingt, die Atmosphäre einzufangen und für den Leser die Trostlosigkeit, die ewige Gleichheit der Wüste, die meist völlige Isolation Hakans greifbar zu machen. Diese Monotonie ist anstrengend. Doch man hält durch, gut geschrieben ist diese Lektüre schließlich, und leidet mit Hakan, wenn er Verluste erlebt (den seines geliebten Pferdes, das ihm übergeben wird, etwa), hofft und bangt mit diesem jungen Protagonisten, der so mutterseelenallein ist - und staunt über eine Existenz so völlig abseits des eigenen Lebens, ja der eigenen Vorstellungskraft.
"In the Distance" kann wohl in erster Linie als Allegorie gelesen und verstanden werden, wobei ich mich hier mit Interpretationen zurückhalten möchte, um nicht allzu sehr auszuufern. Kurz zusammengefasst kommt hier auf seine Kosten, wer sich u.a. für die Entstehung US-amerikanische Mythen, Zivilisation vs. Wildnis und Natur, die menschliche Suche nach Sinn sowie Einsamkeit und Fremdheit interessiert.