Ich denke, dass sie das durchaus tun, nur eben anders als wir Menschen es gewöhnt sind und wir Menschen müssen nur lernen, sie besser zu verstehen.
Man ist in der Medizin ja nicht allein bei Tieren auf eine gute Beobachtungsgabe angewiesen, das gibt es ja bei bestimmten Patientengruppen auch in der Humanmedizin, immer dann, wenn sich jemand nicht äussern kann.
Bei einigen anderen Tierarten gibts ja bereits weit methodischere Schmerzerkennungsversuche mit s. g. grimace scales. Da gehts um Ohrenstellung, wie die Barthaare stehen, wie die Pupillen sind, ob der Kiefer verkrampft ist, bei Pferden geben auch die Nüstern Aufschluss (geweitet oder andersrum, besonders eng), die Art zu liegen (Katzen!)
Mit das Wichtigste dürfte sein, dass man sich der Betriebsblindheit durch den Alltag mit dem Tier bewusst ist.
Ich als Halter, der die alte Kuh tagtäglich sieht, sehe allerkleinste Entwicklungen in der Befundverschlechterung einfach nicht. Ein TA, der sie einmal im Monat sieht, sieht da einen größeren Sprung. Deshalb gehören für mich regelmäßige Check-Ups beim TA einfach unabdingbar dazu. Für mich hier gehören aber auch regelmäßige PAT/KFZ-Erhebungen dazu, sprich einmal im Monat werden Puls, Atmung, Temperatur und Kapillarfüllungszeit erhoben, um im Fall X den Normalzustand zu kennen. Das klingt aufwändig, ist es aber gar nicht, das ist keine Minute pro Tier.
Man kann TÄ zur Verzweiflung bringen, wenn man ein Tier vorstellt mit der Bemerkung "er ist irgendwie lurig, anders als sonst", und das ist nicht der kostengünstigste Weg, eine frühzeitige Diagnostik anzustreben, aber ein Tierhalter mit einer guten Beobachtungsgabe kann dieses "ich kenne mein Tier gut" zum Guten hin fürs Tier nutzen und jede Veränderung ernst nehmen und versuchen, sie einzugrenzen. Hier gehört da auch die "Umkehrdiagnose" durch versuchsweise Schmerzmittelgabe dazu, das hilft oft ungemein beim Eingrenzen.
Der grösste Faktor in falschen Einschätzungen durch den Tierhalter dürfte der Gewöhnungseffekt bei allmählichen Verschlechterungen sein.
Als ich damals mit der Rinderhaltung angefangen habe, einer mir neuen Tierart, hat der TA gesagt, dass neben offensichtlichen Lahmheiten Zähneknirschen, Stöhnen und Futterverweigerung Schmerzen anzeigen.
Mittlerweile habe ich dazu gelernt und weiss, dass es noch weit mehr Anzeichen dafür gibt, dass es einem Rind nicht gut geht:
- sie sondern sich von der Herde ab
- sie liegen weit mehr als üblich
- sie liegen fest und können nicht mehr aufstehen
- sie liegen weniger als üblich
- die Ohrenstellung zeigt oft in Richtung Schmerzen
- ein nach innen gerichteter Blick
- besonders eng oder besonders weit gestellte Nüstern
- PAT-Veränderungen
- typische Heu-Röllchen am Fressplatz deuten auf Zahnprobleme hin
- unleidliches Verhalten in gewohnten Situationen
- Schwanzschlagen
- Zögern, ans Futter zu gehen
- und noch viele, weitere
Das sind alles Dinge, die sich mit einer guten Tierbeobachtung erkennen lassen, man muss diese aber tatsächlich auch in den Alltag eingliedern und das "normale" Tier gut genug kennen, um Veränderungen zu realisieren.