Beiträge von Estandia

    Hector Macdonald – WAHRHEIT. Was wir dafür halten und wie wir damit umgehen (Sachbuch, erschienen 2018)

    Macdonald ist britischer Kommunikations- und Storytelling-Experte, in seinem Buch geht es nicht nur um die systematische Untersuchung des Begriffs selbst, sondern vor allem darum wie Wahrheit entsteht, interpretiert, benutzt und missbraucht wird. Er versteht Wahrheit nicht als starres, objektives Konzept, sondern als vielschichtiges, oft konkurrierendes Phänomen, das von Kontext, Sprache, Absicht und Wahrnehmung geprägt wird.

    Zentrale Thesen und Inhalte

    • Mehrere Wahrheiten statt einer einzigen objektiven Wahrheit: Aussagen, die formal „wahr“ sind, können dennoch sehr unterschiedliche Eindrücke erzeugen
    • Konkurrierende Wahrheiten: mehrere wahre Aussagen über ein Thema, die miteinander konkurrieren, da verschiedene Gruppen dieselben Daten unterschiedlich interpretieren oder gewichten
    • Fallbeispiele und Analyse realer Situationen: Wie Zahlen manipuliert werden können (z. B. Statistik über Vergewaltigungsraten verschiedener Länder und deren Kontext) oder wie Storytelling in Werbung oder Politik wirkt, wenn Informationen weggelassen oder betont werden. Hier geht es darum zu zeigen, dass Wahrheit oft nicht falsch ist, aber doch irreführend wirken kann.
    • Kategorien der Wahrheit: Teilwahrheiten, also unvollständige oder selektive Wahrheiten / subjektive Wahrheiten, die von persönlichen Perspektiven oder Normen abhängen / unbekannte Wahrheiten, die wir (noch) nicht kennen

    Stärken des Buches

    • Leicht verständlich, unterhaltsam und anwendungsbezogen geschrieben. Ich war angenehm überrascht, wie zugänglich und easy es wegzulesen war.
    • Aktuelle Relevanz (auch wenn es schon 2018 erschienen ist): Gerade im Zeitalter von „Fake News“, Social Media und politischer Polarisierung
    • Praxisorientiert: Viele Beispiele und Denkwerkzeuge, die einem hier an die Hand gegeben werden, um selbst kritisch(er) zu denken
    • Breite Anwendung: Relevanz für Journalismus, politische Bildung, Medienkonsum und Alltagskommunikation

    Einer meiner Kritikpunkte

    • Teils oberflächlich: ich hätte mir hier und da tiefere theoretische Grundlagen oder wissenschaftlichere Analysen gewünscht
    • Ebenso soll es keine völlig neuen Erkenntnisse bieten: Kritiker bemerken, dass das Buch wenig überraschend ist – viele der Ideen sind bereits aus anderen Werken zur Kommunikation und kognitiven Verzerrung bekannt (was ich nicht wirklich beurteilen kann)

    Für mich ist dieses Buch das erste seiner Art und ich fand es einen sehr guten Einstieg in das Thema!

    Jessie Elland – The Ladie Upstairs

    Küchengehilfin Ann verabscheut ihre Arbeit und ihr mickriges Dasein im Landsitz Ropner. Tagtäglich verrichtet sie die schmutzigsten Arbeiten und ist umgeben von den dreckigsten Bediensteten der unteren Klassen im Herrenhaus. Ann will aufsteigen und Kammerzofe der "Ladie Upstairs", Lady Charlotte, werden. Ein zufälliges Aufeinandertreffen der beiden löst in Ann das Verlangen aus, koste es was es wolle, endlich der Drecksarbeit in der Küche zu entkommen. Doch als Ann wirklich beginnt die Treppen nach oben zu besteigen, um Lady Charlotte zu dienen, muss sie festellen, dass die Schrecken "oben" schlimmer sind als jene "unten".

    Die Geschichte wird aus Ann's Perspektive erzählt – subjektiv, intensiv, bisweilen unzuverlässig, wenn sie sich in ihren inneren Monologen und Sinnesbeschreibungen ergeht hat man das Gefühl einem beunruhigendem (Alb)Traum zu folgen. Beschrieben als psychologische Gothic-Horror-Geschichte, gibt es hier keinen klassischen Handlungsbogen, eher einen losen Slowburn-Übergang von Ann's bescheidenem Dasein nach oben ins bessere Leben und dann ihren Niedergang, als sie ihren Obsessionen, Ängsten und Grauen anheim fällt.

    Der Debut-Roman ist sehr atmosphärisch, man bekommt ein gutes Gefühl für Orte und Texturen, für Ann's körperliche Erfahrungen. Er setzt sich außerdem mutig mit weiblichem Begehren und Gewalt auseinander. Die Struktur ist psychologisch vielschichtig, verwurzelt in einer klaustrophobischen Umgebung (Ropner Hall ist fast ein eigener Charakter) und Ann's innere Zustände verschwimmen gut mit äußeren Realitäten. Ich reihe mich allerdings auch bei den Kritikpunkten anderer Leser mit ein, die Handlung scheint hin und wieder amorph durch die starke Herausstellung der Atmosphäre. Es gibt einen relativ intensiven Fokus auf inneren Ekel und Bilder was repetitiv und durch das Verweilen darauf durch das langsame Handlungstempo überwältigend wirken kann.

    Erforschte Themen: Ehrgeiz, Klassengesellschaften, Begierde und Besessenheit / Verlässlichkeit der Wahrnehmung / Körper, Verschmutzung und Reinheit / Isolation und Heimsuchung

    Miriam Toews – All my puny sorrows

    Dies ist die Geschichte von Elfrieda und Yolandi Von Riesen, zwei Schwestern wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: "Elf", glücklich verheiratet, wunderschön, weltweit erfolgreich als Pianistin und "Yoli", zwei Kinder, hält sich mehr schlecht als recht mit dem Verfassen von Kinderbüchern über Wasser und macht gerade eine Scheidung durch. Yoli steht und stand als jüngere Schwester immer im Schatten der besonderen, vielversprechenden, enigmatischen Elf, sie beneidet ihre Schwester, denn sie hat alles, wovon sie immer nur träumen konnte. Doch Elf hat auch schwerste Depressionen und ist stark suizidgefährdet. Nach einem erneuten Suizidversuch reist Yoli zu ihrer Schwester ins Krankenhaus und steht erneut vor der Frage, kann ich meine Schwester noch retten?

    Hier erzählt Yolandi ihre Geschichte als Schwester und Tochter und Mutter, wie sie die schwerste Zeit im Kreise ihrer riesigen, aber weit vertreuten Mennoniten-Familie erlebt. Ihre Stimme ist direkt und intim, oft humorvoll mit roher emotionaler Aufrichtigkeit. Die heutige Zeitlinie ist linear, besteht aber eher aus Szenen, Momentaufnahmen, internen Monologen und wird durch Rückblenden aufgelockert, in denen man mehr über die Kindheit der Schwestern, das Familienleben und das Aufwachsen in der mennonitischen Gemeinde erfährt. Man merkt schnell, wie sehr die Schwestern aneinander hingen, dass sie sich selbst die besten Freundinnen waren aber auch wie sie sich langsam voneinander entfernten und zu eigenständigen Charakteren wurden. Der Ton ändert sich fortwährend, mal schmerzhaft und nachdenklich, dann überraschend geistreich oder ironisch und erzeugt so ein gutes Verständnis davon, wie nah Freud und Leid beisammen liegen. Dieses Buch ist ein zutiefst menschlicher Roman, der Tragik und Humor miteinander verbindet und zeigt, wie eine Familie mit psychischen Krankheiten, Liebe, Verlust und Identität umgeht. Es ist weniger eine konventionelle, von der Handlung getriebene Geschichte als vielmehr eine meditative, charakterzentrierte Reise durch die emotionale Landschaft von Schwesternschaft und Überleben. Bisher scheint es dieses Buch nicht auf deutsch zu geben und wer Englisch gut versteht und auch mit den Themen umgehen kann, dem sei das Hörbuch empfohlen! Yoli's Stimme ist absolut fantastisch, nuanciert emotional, man kann mit ihr lachen und heulen und alles verstehen, was sie durchmacht.

    Erforschte Themen sind Schwesternschaft und Familienverbindungen, Kunst als Ausdrucksform, Herkunft und Identität, Trauer, Verlust und Überleben sowie die Grenzen der Liebe. Vor allem aber, als explizite Trigger-Warnung, geht es um mentale Gesundheit, Depressionen und Suizid, teilweise geht es tief(er) in die Materie des assistierten Suizids. Nichts von dem wird reißerisch dargestellt, für die Charaktere ist es gelebter Alltag, mit dem sich alle auf die eine oder andere Art auseinandersetzen.

    Bin ja froh, dass ihr das einhellig auch strange findet :gott: Ich denk, bin ich seltsam, dass ich sowas übergriffig finde?! Gerade wenn man sich vorher problemlos anmelden/anfragen könnte...

    Für die Einordnung: Es handelt sich um die Frau meines verstorbenen Vaters, die in dem Haus wohnt, dass ich nach ihrem Tod erben werde. Ich hatte keine enge Beziehung zu meinem Vater und schon gar nicht zu ihr (u.a. weil sie superanstregend ist). Nun taucht sie wiederholt unangemeldet bei meiner Mutter auf (die haben sich nur einmal auf meiner Hochzeit getroffen), weil die im selben Dorf wohnt. Nun kommte sie halt öfters abends einfach vorbei mit Hund nach dem Training und hofft bei meiner Mum auf Einlass anscheinend ....