Beiträge von Estandia

    Margot Livesey – The Boy in the field

    "You did a good thing today. You saved a boy's life."

    Die drei Geschwister Matthew, Zoe und Duncan Lang entscheiden sich eines Nachmittags im September von der Schule nach Hause zu laufen anstatt auf ihren Vater zu warten, der sich verspätet. Auf dem Weg kommen die drei an einem Feld vorbei, Heuballen leuchten in der Sonne, doch Zoe sieht noch etwas anderes und zwängt sich durch ein Tor, um nachzusehen was es sein könnte. Ihre Brüder tun es ihr gleich und sie entdecken einen Jungen im Gras, der nicht schläft, aber auch nicht wach ist und dessen Hosenbeine blutgetränkt sind. Dieses Ereignis hat auf jedes der Geschwister unterschiedliche Auswirkungen und alle drei beginnen diese Erfahrung über die nächsten Monate unterschiedlich aufzuarbeiten.

    Erzählt aus den drei Sichtweisen der Geschwister entfaltet sich hier weniger ein "Whodunit"-Krimi sondern eine sehr warmherzige Familien- und Coming-of-Age-Geschichte drei sehr unterschiedlicher Charaktere. Matthew, 19, beginnt nach dem Täter zu suchen und setzt sich mit Fragen von Bösartigkeit auseinander, Zoe, 15, setzt sich mehr und mehr mit Männern in ihrer Umwelt auseinander und Duncan, 13, möchte gern seine "erste Mutter" ausfindig machen, jene die ihn, 3 Tage alt, zur Adoption freigegeben hat. Die Familie Lang ist eine komplexe und unglaublich bunte Ansammlung interessanter Charaktere, nicht alles ist eitel Sonnenschein aber es werden Lösungen gefunden und man unterstützt sich gegenseitig. Ich mochte die Entwicklungen sehr, es ist schön zu lesen, dass manche schwierige Dinge auch hin und wieder sehr positiv verlaufen können. Ebenso die Beschreibungen um den verstorbenen Familiendackel Arthur und später (wahrscheinlich) Labbimischling Lily, die Duncan eines Tages mit nach Hause bringt, da ein Nachbarsjunge nach einen neuem Zuhause für sie gesucht hat, sind voller Liebe und Hingabe. Man merkt einfach, dass jedes Mitglied seinen richtigen und wichtigen Platz in dieser Familie hat.

    Erforschte Themen:

    • Der Verlust der Unschuld
    • Identität und Selbstfindung
    • Familiendynamik und Zerbrechlichkeit
    • Die Willkür der Gewalt
    • Wahrnehmung und Subjektivität
    • Mitgefühl und Verbundenheit

    Yael Inokai – Ein simpler Eingriff

    "Sie sind nunmal ein Mensch."

    Goodreads schreibt:
    "Ein bahnbrechender chirurgischer Eingriff verspricht Frauen von psychischen Störungen zu befreien. Der Eingriff ist schmerzfrei, die Risiken sind minimal, und die Patientinnen sind nach der Heilung gelassener und kooperativer. Der Arzt verspricht ihnen ein neues, erfülltes Leben, frei von Leiden. Meret ist Krankenschwester auf der chirurgischen Station. Das Krankenhaus ist ihr Zuhause, und ihre Uniform ist ihre Identität. Sie begleitet ihre Patienten durch ihre Eingriffe und ist stolz darauf, Teil der Lösung zu sein. Doch als sie sich in eine andere Krankenschwester verliebt, überschreitet sie eine unsichtbare Grenze, und ihr Vertrauen in das System beginnt zu bröckeln."

    Auf knapp 200 Seiten, unterteilt in drei Teile, folgen wir Meret durch ihren Krankenhausalltag und ihre Freizeit im Schwesternwohnheim. Die Handlung ist weitgehend linear mit wenigen Rückblicken, man bekommt aber kein Gefühl für das Wann und Wo, nur ein sehr dystopischer Unterton schwingt die ganze Zeit mit. Meret beschreibt mit wenigen, sehr ruhigen Worten die sozialen Beziehungen und Hierarchien ihrer Umwelt, sie ist sich ihrer Sache anfangs sicher und verteidigt ihre Ansichten vehement bis Nachtschwester Sarah in ihr Mehrbettzimmer zieht, die beiden Frauen sich annähern und Sarah anfängt Meret wichtige Fragen zu stellen. Kein leicht zugänglicher Unterhaltungsroman, sondern ein stilles, verstörendes und hochreflektiertes Buch! Am stärksten ist der Roman dort, wo er Fragen offen lässt – über Normalität, Macht und die Zerbrechlichkeit menschlicher Selbstbestimmung. Am besten fand ich die Darstellung der (extremen) patriarchalen Strukturen, im Krankenhaus wie in den Familien selbst.

    Erforschte Themen/Motive

    • Medizinethik und Macht – Der Roman stellt vor allem die Fragen "Was darf Medizin und wer entscheidet was krank ist?", "Wann wird Heilung zu Gewalt?"
    • Pathologisierung von Abweichung
    • Weibliche Perspektiven und Feminismus
    • Liebe und Selbstbestimmung
    • Empathie vs. System

    Caitlin Starling – The Luminous Dead / Die leuchtenden Toten

    "They were her reflections, all of them: selfish, driven people, strong and foolish, chasing money and glory and success without a care as to why somebody would pay them so much to come on an unknown expedition."

    "Gyre Price dachte, sie würde auf dieser Expedition Mineralien untersuchen und ihre größten Probleme wären Höhlenzusammenbrüche. Sie dachte auch, der fette Gehaltsscheck bedeutet, dass ihr ein qualifiziertes Team beiseite steht, das ihre Umgebung überwacht und sie beschützt. Stattdessen bekommt sie Em. Em sieht nichts Falsches darin, Gyres Körper mit Drogen zu optimieren, um ›einen reibungslosen Betrieb‹ zu gewährleisten. Em weiß alles über Gyres gefälschte Anmeldeunterlagen. Doch Em hat ebenfalls Geheimnisse … Allein und desorientiert irrt Gyre durch die Dunkelheit und muss sich den Geistern in ihrem eigenen Kopf stellen. Und sie ist sich sicher, dass sie verfolgt wird …"

    Eine Mischung aus Science-Fiction und Horror, die sich fast ausschließlich um zwei Figuren dreht: Höhlentaucherin Gyre und Fernbetreuerin Em. Die Handlung beschränkt sich komplett auf die Expedition in ein fremdes Höhlensystem, bei der Gyre angeblich veraltete Höhlenkarten und Mineralienvorkommen für ein Bergbauunternehmen aktualisieren soll. Gyre's Abstieg und Fortkommen in den Höhlen setzt sich linear fort, man merkt die Anstrengung und kann einer Karte am Anfang des Buches (überaus hilfreich!) folgen. Nicht-linear ist Gyre's Abstieg in ihren Wahnsinn, als sie langsam versteht warum sie in der Höhle ist. Man kann sich Gyre und ihren Beobachtungen nicht entziehen, genauso wenig wie Gyre sich den Höhlen und Gängen entziehen kann. Der Spannungsbogen entfaltet sich (absichtlich) in wiederkehren Zyklen: er beginnt mit körperlichen Hürden (klettern, kriechen, tauchen), dann folgt eine Belastung durch die Ausrüstung oder biologische Faktoren (wie Hunger, Verletzungen, Halluzinationen), dann ein Konflikt im Dialog mit Em, dann erfährt man Teilwahrheiten durch entprechende Gespräche und schließlich kommt Gyre weiter in der Höhle voran. Von Anfang an weiß man auch, dass es eine vage Bedrohung durch einen Höhlenbewohner gibt, eine Art riesiger Sandwurm, dessen Tunnel Gyre oft kreuzt. Im großen und ganzen mochte ich die Geschichte, die zweite Hälfte war etwas besser als die erste, Gyre fängt ab da an den Verstand zu verlieren. Der zyklische Aufbau ist anfangs etwas anstrengend, er bremst das Tempo hin und wieder, ähnlich Gyre, die in der Höhle immer wieder vor neuen Herausforderungen steht.

    Erforschte Themen: Isolation und psychischer Zusammenbruch / Kontrolle, Macht und körperliche Selbstbestimmung / Vertrauen vs. Manipulation / Besessenheit und Trauer / Realität vs. Halluzination / Arbeit und kapitalistische Ausbeutung

    Stärken der Geschichte sind auf jeden Fall die Atmosphäre und Beklemmung, die psychologische Tiefe, die komplexen Charakterdynamiken und die thematischen Zusammenhänge.

    Schwächen sind v. a. das langsame und sich wiederholende Tempo, die begrenzte Handlungsentwicklung (womit ich kein Problem hatte) und ein polarisierender Beziehungsbogen (da war ich auch fein mit). Die Horrorelemente sind vage bis mehrdeutig und durch die Prämisse gibt es kein großartiges Worldbuilding.

    Emi Yagi – When the museum is closed

    "Rika Horauchis neuer Nebenjob besteht darin, jeden Montag, wenn das Museum geschlossen ist, mit einer Venus-Statue zu sprechen – auf Latein. Zunächst zögerlich, beginnt Rika, Freude an ihrem seltsamen neuen Job zu finden. Von ihrem ehemaligen Universitätsprofessor aufgrund ihrer vorbildlichen Sprachkenntnisse empfohlen, führt Rika ansonsten ein unscheinbares Leben und arbeitet den Rest der Woche in einem Tiefkühlhaus. Während Venus in der Stille des Museums zum Leben erwacht, unterhalten sie sich über alles Mögliche. Venus eröffnet Rika neue Welten, sowohl intellektuell als auch emotional. Bald verlieben sie sich ineinander. Doch als der Kurator des Museums, Hashibami, deutlich macht, dass er Venus für sich behalten will, was wird Rika reagieren?"

    Der zweite Novelle (knapp 150 Seiten) nach "Diary of a void / Frau Shibatas geniale Idee" und, wie ich finde, um einiges besser. Die Handlung ist minimalistisch, recht dünn und statisch, die Struktur episodisch. Szenen sind nur lose miteinander verbunden und wandeln sich in der Stimmung und im Thema abrupt. Magischer Realismus wird als etwas Alltägliches behandelt, Rika akzeptiert einfach, dass Venus spricht. Der Leser ist die ganze Zeit bei Rika, ihre Ansichten und Beobachtungen sind zentraler Punkt in der Geschichte, es gibt einen sehr ungleichmäßigen emotionalen Spannungsbogen. Rika's Gefühlswelt bewegt sich von ruhig zu surreal zu intim zu mehrdeutig. Ich hatte eine gute Zeit beim lesen! Die Charaktere sind allesamt interessant, auch wenn man nicht viel über sie liest.

    Erforschte Themen: Einsamkeit und alternative Formen der Verbundenheit / der weibliche Körper, Objektivierung und der männliche Blick / Freiheit vs. Einschränkung / queeres Begehren und Selbstfindung / Sprache und Kommunikation / feministische Kritik an sozialen Rollen / Wahrnehmung, Vorstellungskraft und Erzählung

    Niamh Ní Mhaoileoin – Ordinary Saints

    "I'm an odd child from an odd family, and the biggest problem is that I don't realise it."

    "Jay wuchs in einem strenggläubigen Haushalt in Irland auf und lebt heute mit ihrer Freundin in London. Sie ist entschlossen, jeden Moment zu genießen und weder über die Zukunft noch über die Vergangenheit nachzudenken. Als sie jedoch erfährt, dass ihr geliebter älterer Bruder, der bei einem schrecklichen Unfall ums Leben kam, möglicherweise zum katholischen Heiligen erklärt wird, wird ihr klar, dass sie sich endlich ihrer Familie, ihrer Kindheit und sich selbst stellen muss ..."

    Aus Jacinta's Perspektive – nach ihrem Coming out sich selbst als Jay bezeichnend – wird hier eine sehr interessante Diskussion um die Frage "Wer entscheidet darüber, wie das Vermächtnis einer Person nach ihrem Tod gestaltet wird – und wie viel davon entspricht der Wahrheit und wie viel ist Mythos?" aufgemacht. Die drei Teile um Jay's gegenwärtiges Leben und Umbrüche, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und dann Versöhnung und Neudefinition bilden keinen klar abgegrenzten, stringenten Handlungsbogen, eher ist alles miteinander verwoben und Jay's Erinnerungen und ihr konstanter Kampf mit ihrer Identität und Religion sind fortwährend Thema. Der Fokus liegt klar auf Jay's subjektiven Erinnerungen statt der objektiven Wahrheit, da sie ihren Bruder wie ihre Familie nur von einer Seite sehen kann, ihre privaten Ansichten und Erinnerungen stehen in Kontrast zu den öffentlichen Erzählungen über ihren Bruder, der schon früh wusste, dass er Priester werden wollte.

    Erforschte Themen sind: Trauer und Erinnerung, Religion und das Erbe der katholischen Kirche, queere Identität vs. religiöse Tradition, Mythenbildung und Heiligkeit, Schweigen in der Familie und emotionale Unterdrückung

    Die Stärken des Buches liegen für mich in der nuancierten Darstellung von Jays Innenleben. Ihre Gefühle gegenüber ihrem Bruder, ihren Eltern und ihrem Glauben sind widersprüchlich und ungelöst, was sie zu einer äußerst realistischen Figur macht. Anstatt die Kirche als rein bösartig darzustellen, zeigt der Roman Gläubige, die mitfühlend, aber fehlgeleitet sind sowie Institutionen, die Leben auf komplexe Weise prägen. Die Kritikpunkte an der Kirche, die Jay hervorbringt, sind wichtig und richtig, man merkt aber, dass diese Themen nicht einfach zu beantworten sind und Religion in den Menschen tief verwurzelt ist. Die einzigen Schwächen der Geschichte liegen für mich darin, dass einige Charaktere sich manchmal inkonstent verhalten und Nebencharaktere gern etwas mehr Tiefe verdient hätten.