Beiträge von Estandia

    Kristin Hannah – The Great Alone / Liebe und Verderben

    "Did adults just look at the world and see what they wanted to see, think what they wanted to think? Did evidence and experience mean nothing?"

    "Die dreizehnjährige Leni wird in einer turbulenten Zeit erwachsen. Gefangen in den Strudeln der leidenschaftlichen, stürmischen Beziehung ihrer Eltern, wagt sie zu hoffen, dass Alaska ihrer Familie eine bessere Zukunft und einen Ort der Zugehörigkeit bieten wird. Ihre Mutter Cora würde für den Mann, den sie liebt, alles tun und überall hingehen, selbst wenn das bedeutet, ihm ins Unbekannte zu folgen. Während Leni im Schatten der zunehmend unbeständigen Ehe ihrer Eltern aufwächst, lernt sie Matthew kennen. Und Matthew – nachdenklich, freundlich und mutig – lässt sie an die Möglichkeit eines besseren Lebens glauben."

    Ich finde es gar nicht so einfach dieses Buch zu beschreiben... Ich glaube das Wunderbarste an der Geschichte ist Alaska, die harschen, unbarmherzigen, langen Winter, die kurzen, atemberaubenden Sommer, die Wildnis, die Tiere, die kleine, eng zusammenhaltende Community an bunt zusammengewürfelten Menschen, die das Beste aus dem machen, was das Land bietet. Daneben steht die hochgradig toxische Beziehung von Lenis Eltern, ihr Vater der mit PTSD kämpft und von Seite 1 an merkt man, mit WEM man es zu tun hat, dann Lenis Mutter, die alles aushält, beschönigt, die Hoffnung nie aufgibt, nicht ohne diesen Mann sein kann... und dann Leni, die nach und nach mit den Jahren anfängt zu verstehen, dass die Liebe zwischen ihren Eltern keine Liebe ist. Ich habe den Vater wirklich gehasst, weil er so gut dargestellt ist und die Mutter als Ko-Abhängige mochte ich fast ebenso wenig. Diese Beziehung und was es heißt wenn zwei Frauen mit einem gewaltätigen, kontrollierenden, sich nicht mehr unter Kontrolle habenden, Mann und Vater zu leben nimmt wirklich einen großen Platz in dieser Geschichte ein. Die Liebegeschichte zwischen Leni und Matthew dagegen ist wesentlicher netter aber eben stark überschattet. Auch hier treffen die Teenager dumme Entscheidungen, die allerdings mehr ernste Folgen haben. Im letzten Drittel gibt es so einige Wendungen, die das Tempo ganz schön durcheinanderbringen und die Geschichte entwickelt sich eine Richtung, die ich etwas zuviel fand. Mein erster Gedanke nach Auslesen war, dass sich die Geschichte episch angefühlt hat, aber im Grunde, vor einer wunderschönen Kulisse, sehr voraussagbar war.

    Erforschte Themen: Überleben und Natur, Trauma und Gewalt, Familie und Beziehungen, Isolation und Gemeinschaft, Erwachsenwerden, Trauma und Heilung

    A. G. Slatter – The Cold House
    "It's not like I've given up on showering, but I can't recall the last time I brushed my hair.
    Birds will nest in it and cats will start coming to my house, meowing to get it.
    I really do need to get my shit together."

    Everly muss schreiben. Sie will endlich ihr nächstes Buch fertigbekommen, denn ein bisschen Geld wäre schön. Leider geht ihr ihre vierjährige dezent auf die Nerven, ebenso Ehemann Nick, den sie schließlich anweist mit der Kleinen endlich mal notwendige Lebensmittel kaufen zu gehen. Und so, in wohlverdienter Stille, schreibt Everly ... und schreibt ... und schreibt. Dass Mann und Kind nicht wieder heim gekommen sind, merkt sie erst sehr spät und auch nur weil zwei Polizisten an der Tür klingeln und ihr mitteilen, dass es einen Unfall gab... Inmitten Everly's Abstieg in Trauer und Depression taucht Nachlassverwalter Albert auf und bescheinigt ihr, dass sie nun eine sehr, sehr reiche Witwe wäre, denn ihr Mann Nick ist nicht derjenige, der er zu sein vorgab. Albert sieht, dass Everly nach dieser zusätzlichen Offenbarung vielleicht eine Auszeit ganz gut täte und schlägt ihr ein paar Tage frische Luft vor, weit weg, auf einer Insel, nur ein paar Einwohner, da gäbe es ein schönes großes Haus, die Eigentümer wären auf Reisen, sie könne dort gern unterkommen, vielleicht hilft es ja sogar beim schreiben... Everly stimmt zu und findet sich in einem gigantischen Herrenhaus wieder. Die Zimmer sind alle leer und doch ist Everly nicht allein ...

    Eine Horrornovelle, die modernem psychologischen Horror stilvoll solide Gothic-Atmosphäre und Folklore-Elemente beimischt. Es handelt sich weniger um eine handlungsorientierte Gruselgeschichte als vielmehr um eine straff strukturierte Meditation über Trauer, Identität und Verrat, die sich in einem Gebäude abspielt, in dem es vielleicht, vielleicht auch nicht, spukt. Ich mochte alles an dem Büchlein, Everly ist fantastisch, nichts und niemand ist so wie es/er zu sein scheint, Hinweise werden hier und da subtil gestreut und das Ende hat es in sich. Natürlich kann man auf knapp 160 Seiten keinen großen Wurf erwarten aber für mich war es einer.

    Erforschte Themen: Trauer als Heimsuchung / Verrat und die Instabilität der Identität / ein Gruselhaus als psychologisches Symbol / Vieldeutigkeit zwischen Wahnsinn und Übernatürlichem / volkstümlicher Horror und geschlechtsspezifische Gewalt

    Hector Macdonald – WAHRHEIT. Was wir dafür halten und wie wir damit umgehen (Sachbuch, erschienen 2018)

    Macdonald ist britischer Kommunikations- und Storytelling-Experte, in seinem Buch geht es nicht nur um die systematische Untersuchung des Begriffs selbst, sondern vor allem darum wie Wahrheit entsteht, interpretiert, benutzt und missbraucht wird. Er versteht Wahrheit nicht als starres, objektives Konzept, sondern als vielschichtiges, oft konkurrierendes Phänomen, das von Kontext, Sprache, Absicht und Wahrnehmung geprägt wird.

    Zentrale Thesen und Inhalte

    • Mehrere Wahrheiten statt einer einzigen objektiven Wahrheit: Aussagen, die formal „wahr“ sind, können dennoch sehr unterschiedliche Eindrücke erzeugen
    • Konkurrierende Wahrheiten: mehrere wahre Aussagen über ein Thema, die miteinander konkurrieren, da verschiedene Gruppen dieselben Daten unterschiedlich interpretieren oder gewichten
    • Fallbeispiele und Analyse realer Situationen: Wie Zahlen manipuliert werden können (z. B. Statistik über Vergewaltigungsraten verschiedener Länder und deren Kontext) oder wie Storytelling in Werbung oder Politik wirkt, wenn Informationen weggelassen oder betont werden. Hier geht es darum zu zeigen, dass Wahrheit oft nicht falsch ist, aber doch irreführend wirken kann.
    • Kategorien der Wahrheit: Teilwahrheiten, also unvollständige oder selektive Wahrheiten / subjektive Wahrheiten, die von persönlichen Perspektiven oder Normen abhängen / unbekannte Wahrheiten, die wir (noch) nicht kennen

    Stärken des Buches

    • Leicht verständlich, unterhaltsam und anwendungsbezogen geschrieben. Ich war angenehm überrascht, wie zugänglich und easy es wegzulesen war.
    • Aktuelle Relevanz (auch wenn es schon 2018 erschienen ist): Gerade im Zeitalter von „Fake News“, Social Media und politischer Polarisierung
    • Praxisorientiert: Viele Beispiele und Denkwerkzeuge, die einem hier an die Hand gegeben werden, um selbst kritisch(er) zu denken
    • Breite Anwendung: Relevanz für Journalismus, politische Bildung, Medienkonsum und Alltagskommunikation

    Einer meiner Kritikpunkte

    • Teils oberflächlich: ich hätte mir hier und da tiefere theoretische Grundlagen oder wissenschaftlichere Analysen gewünscht
    • Ebenso soll es keine völlig neuen Erkenntnisse bieten: Kritiker bemerken, dass das Buch wenig überraschend ist – viele der Ideen sind bereits aus anderen Werken zur Kommunikation und kognitiven Verzerrung bekannt (was ich nicht wirklich beurteilen kann)

    Für mich ist dieses Buch das erste seiner Art und ich fand es einen sehr guten Einstieg in das Thema!

    Jessie Elland – The Ladie Upstairs

    Küchengehilfin Ann verabscheut ihre Arbeit und ihr mickriges Dasein im Landsitz Ropner. Tagtäglich verrichtet sie die schmutzigsten Arbeiten und ist umgeben von den dreckigsten Bediensteten der unteren Klassen im Herrenhaus. Ann will aufsteigen und Kammerzofe der "Ladie Upstairs", Lady Charlotte, werden. Ein zufälliges Aufeinandertreffen der beiden löst in Ann das Verlangen aus, koste es was es wolle, endlich der Drecksarbeit in der Küche zu entkommen. Doch als Ann wirklich beginnt die Treppen nach oben zu besteigen, um Lady Charlotte zu dienen, muss sie festellen, dass die Schrecken "oben" schlimmer sind als jene "unten".

    Die Geschichte wird aus Ann's Perspektive erzählt – subjektiv, intensiv, bisweilen unzuverlässig, wenn sie sich in ihren inneren Monologen und Sinnesbeschreibungen ergeht hat man das Gefühl einem beunruhigendem (Alb)Traum zu folgen. Beschrieben als psychologische Gothic-Horror-Geschichte, gibt es hier keinen klassischen Handlungsbogen, eher einen losen Slowburn-Übergang von Ann's bescheidenem Dasein nach oben ins bessere Leben und dann ihren Niedergang, als sie ihren Obsessionen, Ängsten und Grauen anheim fällt.

    Der Debut-Roman ist sehr atmosphärisch, man bekommt ein gutes Gefühl für Orte und Texturen, für Ann's körperliche Erfahrungen. Er setzt sich außerdem mutig mit weiblichem Begehren und Gewalt auseinander. Die Struktur ist psychologisch vielschichtig, verwurzelt in einer klaustrophobischen Umgebung (Ropner Hall ist fast ein eigener Charakter) und Ann's innere Zustände verschwimmen gut mit äußeren Realitäten. Ich reihe mich allerdings auch bei den Kritikpunkten anderer Leser mit ein, die Handlung scheint hin und wieder amorph durch die starke Herausstellung der Atmosphäre. Es gibt einen relativ intensiven Fokus auf inneren Ekel und Bilder was repetitiv und durch das Verweilen darauf durch das langsame Handlungstempo überwältigend wirken kann.

    Erforschte Themen: Ehrgeiz, Klassengesellschaften, Begierde und Besessenheit / Verlässlichkeit der Wahrnehmung / Körper, Verschmutzung und Reinheit / Isolation und Heimsuchung