Kumi Kimura – Someone to watch over you
Die beiden Protagonisten Tae, eine 46-jährige ehemalige Lehrerin, und Shinobu, Mitte 30, der früher als Wachmann gearbeitet hat und nun gelegentliche Handwerkerjobs ausführt – finden in einer kleiner, japanischen Nachbarschaft zusammen, als Tae eine schnelle Lösung für eine Rohrverstopfung sucht. Die Interaktion der beiden reduziert sich auf ein Minimum, denn Corona fängt gerade erst an ein richtiges Problem zu werden. Tae wie Shinobu werden von ihren Vergangenheiten heimgesucht: Tae glaubt, dass sie einen Schüler in den Selbstmord getrieben hat. Shinobu befürchtet, dass er den Tod einer Demonstrantin verursacht hat, als er als Wachmann arbeitete. Tae hat das Gefühl beobachtet und verfolgt zu werden und da sie sonst keine anderen sozialen Kontakte hat, fragt sie Shinobu, ob er vorbeikommen und die Gegend mal absuchen könnte. Shinobu braucht jeden mikrigen Yen, erledigt den Job und nach und nach rücken die zwei enger zusammen, denn sie brauchen sich, in einer Welt die täglich mehr und mehr zerfällt ...
Anstelle einer rasanten Handlung baut Kimura eine langsam schleichende, atmosphärische Spannung auf. Das Tempo ist bedächtig, die Prosa minimalistisch, und ein Großteil der Kraft des Romans ergibt sich aus der Stimmung, der Zweideutigkeit und dem, was ungesagt bleibt oder nur halb verstanden wird. Das Ende ist offen und lässt Raum für Interpretation. Ich fand es "typisch japanisch", ein bisschen quirky, teils unangenehm, grausam, die Charaktere waren interessant, Corona als Kulisse sehr hintergründig aber das alltägliche Leben sehr bestimmend.
Erforschte Themen: Isolation und Einsamkeit – Schuld und quälende Vergangenheit – Paranoia, Angst und Misstrauen – Verbindung und Entfremdung – Trauma und kollektive Erinnerung – Sicherheit, Überwachung und Grenzen