Überforderung mit neuem Hundeleben

  • Hallo zusammen,

    vielleicht könnt ihr mir helfen oder Tipps geben. Mein Freund und ich wollten schon seit einem Jahr einen Hund (sind beide 28), da wir Hunde lieben und ich schon immer mit Hunden aufgewachsen bin. Wir haben uns so gut wie möglich darauf vorbereitet, haben uns viel informiert und Gedanken gemacht, wie es funktionieren kann und sind sogar deswegen umgezogen. Im Januar war es dann so weit und wir haben eine einjährige kleine Mischlingshündin aus Griechenland adoptiert. Wir waren im Austausch mit dem Tierschutzverein, der über eine Tierschützerin die Hündin vermittelt hat. Angegeben war 1,5 Jahre und Anfängerhündin, was uns wichtig war. Vor knapp 3 Wochen kam die Kleine bei uns nach einem langen Transport an und hat uns da schon beißen wollen und viel geknurrt und geschnappt. Wir haben gedacht das wäre von der Überforderung des Transports. Sie hat zwar länger gebraucht, ist ganz langsam bei mir aufgetaut, meinen Freund hat sie 1-2 Wochen noch angeknurrt und angebellt, so dass ich die ersten Sachen übernommen habe. Da hat bei mir schon der „Hunde-Blues“ begonnen und ich hab jeden Tag geweint. Bei meinem Freund ist sie dann etwas aufgetaut, wir haben es geschafft, dass sie mit spazieren geht, aber sie hat immer noch teilweise viel Angst. Bei egal welchem Mensch oder Hund (obwohl sie in Griechenland bei Hunden war) knurrt und bellt sie oder schnappt sogar. Da ich im Homeoffice arbeite, bleibt die meiste Last bei mir und psychisch und auch etwas körperlich geht es mir nicht gut. Morgen kommt ein Trainer, damit wir eine Einschätzung von jemanden Erfahrenen erhalten. Ich hab leider auch noch gar keine Bindung zu ihr, mein Freund ganz wenig. Ich weiß, dass es erst 3 Wochen sind, aber ich frage mich wie lang ich diesen Zustand noch habe und das ist ja auch schlecht für die Kleine (ich kümmer mich natürlich voll um sie und bin liebevoll, nicht falsch verstehen, ich meine das Gefühl, was dann rüberkommt). Spielen mag sie übrigens auch nicht, wenn dann kaut sie gerne auf Spielzeug. Ich hätte nie damit gerechnet, dass es mir so geht und bin ziemlich durcheinander und auch etwas überfordert mit der Bell-/Knurrsituation. Hat jemand ähnliche Erfahrungen?

    Liebe Grüße

  • Nur kurz: meine Rumänin hat erst nach 1/4 Jahr das Spielen angefangen. Vorher war sie im Skepsismodus. Erwachsen und ernsthaft, auf sich selbst gestellt und sie ist auch heute noch kein übermässiger Teamplayer, eher unabhängiger Freigeist. Mit der vielbeschworenen Ignoranz (so, dass sie sich Dinge von der Seitenlinie aus angucken kann, ohne agieren zu müssen) und Nassfutter gewinnt man ihre Gunst. Aber das kann bei eurem Hund natürlich anders aussehen.

    Klar hast du keine Bindung, wie auch, wenn sie euch als Feind ansieht... Kein Grund für ein schlechtes Gewissen. Und vermutlich kommt die Bindung eh mit der verbesserten Kommunikation. Deshalb:

    Warte den Trainer ab und auch, ob du bei seinen/ihren Methoden ein gutes Bauchgefühl hast. (Gibt ja ziemlich viele inkompetente..leider.) Ich denke, er/sie wird euch recht viel übersetzen können, so dass ein gegenseitiges Verständnis mit eurem Hund und euch in Gange kommt.

  • Das ist ganz normal. Erst mal.

    Klar, habt ihr noch keine Bindung. Und natürlich fühlt sich das jetzt erst mal wow an. Ist ja auch eine sehr große Veränderung. Aber vielleicht hilft es dir, dass es der Hündin noch viel stärker so geht.

    Hoffentlich kann der Trainer euch und dir ein bisschen Sicherheit geben. Dann kommt bestimmt auch bald die Freude. Wenn ihr entdeckt, wie ihr gut miteinander zusammen wachsen könnt.

  • Da prallen zwei Welten sehr intensiv und gewaltig aufeinander: "Wir wollen einen kleinen, netten Hund, der uns viel Freude bereitet, mit dem wir Spaß haben können, der uns liebt und mit dem alles ganz toll ist." und "Es zieht eine ängstliche kleine Hündin ein, die komplett überfordert ist, aus Angst heraus schnappt und knurrt (viele Möglichkeiten der Kommunikation hat sie ja nicht) und die ganz viel Zeit und Ruhe und Verständnis braucht, um in Ruhe anzukommen und aufzutauen."

    Die Diskrepanz zwischen Traum und Realität kennen viele. Welpenbesitzer genauso wie Halter mit Tierschutzhunden. Es dauert durchaus eine Weile (manchmal wirklich Monate), bis man seine Vorstellungen zurechtgeruckelt hat. Gibt es Sachen, die du an der Hündin toll findest? An denen du dich erfreuen kannst? Dann konzentiere dich auf diese, baue sie aus und nimm sie als Basis für eure Weiterentwicklung. Schraube die Ansprüche auf Null oder zumindest sehr weit zurück und nimm so etwas den Druck raus.

    Es ist gut, dass ein Trainer im Boot ist, aber kennt er sich mit Auslandshunden und deren Herausforderungen aus?

  • Hey du...

    Erstmal tief durchatmen...

    Hier hat alles Monate gedauert bis es sich einigermaßen eingespielt hat. Dieses Gefühl der Überforderung kannte ich auch. Das war eine schwierige Zeit. Aber auch eine gute, denn lernt man den Hund nach und nach kennen, kann man sich immer mehr Strategien zurecht legen, wie man etwas schaffen kann.

    Und auch wenn man den südlichen Strassenhunden eigentlich immer ein sanfteres Wesen nachsagt, weiss man ja am Ende doch nicht, was sie alles durchmachen mussten und welches Trauma in ihnen steckt.

    Vertrauen aufbauen dauert einfach sehr lange. Es wird immer auch mal Rückschritte geben, es kommt ja auch immer wieder was dazu, wo man wieder neu sortieren muss...

    Gebt euch etwas Zeit, euch an den Hund zu gewöhnen und auch andersrum... toi toi toi

  • Das klingt tatsächlich sehr normal und 3 Wochen sind keine Zeit.

    Bei meinem "Neuzugang" (7-8 Monate hier) kommt es weiterhin vor, dass sie Familienmitglieder verbellt, anknurrt oder abschnappt - wohlgemerkt in Situationen, die schon Wochen problemlos liefen. Besuch würde sie weiterhin beißen, wenn sie die Option hätte. Da hilft wirklich nur eine endlos positive Einstellung und Überzeugung.

    Mich persönlich tangiert das (fast) gar nicht, es läuft alles super, es ist normal, dass nicht alles sofort perfekt klappt. Sie macht Fortschritte und nur das zählt. Meine Familienmitglieder musste ich anfangs sehr bei Laune halten, damit sie bei plötzlichen Rückschritten nicht verzagen.

    Thema spielen: Das hat Monate gedauert und ausgelassen mit mir spielen kann sie nur in sehr kurzen, von ihr angeregten Sequenzen. Auch die Aufnahmebereitschaft für Training hat ewig gedauert und es sind weiterhin nicht mehr als ca. 45 Sekunden möglich.

    Meine Einstellung war ab Tag 1: Sie ist ein wundervoller Hund und wir bekommen das hin. Und ab da dann ein Fokus auf alle Fortschritte.

    Thema Trainer: Ich würde nur einen Trainer mit Erfahrungen und positiver Einstellung (damit meine ich nicht verklärt!) zu Auslandshunden holen. Ich hatte jetzt beim Neuzugang 2 Trainer da, weil ich doch mal einen Blick von außen auf ein bestimmtes Verhalten brauchte, das ich nicht sicher zuordnen konnte. Das eine war meine alte Trainerin, da klang das alles sehr nach Weltuntergang. Das andere war eine Trainerin, die regelmäßig selbst in Shelter fährt. Das hat mir sehr viel mehr weitergeholfen und mich wieder auf den Boden geholt.

  • Vielen lieben Dank für eure Nachrichten mit euren Erfahrungen und Hinweisen! Auch gut zu wissen, dass das mit dem nicht Spielen auch bei euch vorkam.

    Ich weiß auch nicht ob ich einfach zu naiv war und gedacht habe es wäre einfacher, mit der psychischen Belastung hatte ich einfach nicht gerechnet. Ich habe auch noch keinen positiven Punkt an dem ich mich festhalten kann, der kommt hoffentlich noch.

    Der Trainer kennt sich mit Auslandshunden aus und ich schau ihn mir auch erst mal an, dass es ein positives Training ist, ist mir auch super wichtig. Ich warte mal morgen ab und kann dann auch berichten.

    Ich versuche durchzuhalten.

    Liebe Grüße

  • Ich fürchte das Problem ist der Gedankengang, dass es eine "Belastung" ist. Nicht: Eine Herausforderung, eine Aufgabe, eine Chance auf Wachstum, ein gemeinsamer Weg.

    Ich weiß wie blöd das klingen kann, weil ich selbst in einem Job arbeite, in dem bei all den gigantischen Problemen nicht von "Belastung" sondern von einem "individuellen Belastungsempfinden" gesprochen wird. Da möchte man manchmal :face_vomiting:

    Aber vielleicht schaffst du es trotzdem einen anderen Blickwinkel einzunehmen.

  • Spielen mag sie übrigens auch nicht

    Hunde lernen das im jungen Alter (Welpe, junger Junghund). Sie lernen, wie man mit Menschen spielt und dass man mit ihnen spielen kann in der Phase, in der sie noch sehr verspielt-unbedarft sind.
    Es gibt sicher Ausnahmen, aber ich kenne das von vielen TS-Hunden, die mit über einem Jahr erst zu Menschen kamen, die das überhaupt erstmals im Leben dieses Hundes versucht haben: die Hunde sind entweder eh schon recht ernsthaft-erwachsen (und haben diesen Spiel-mach-trotzdem-Spaß-Kick mit Menschen nie erlebt / erlernt) oder sie verstehen das "menschliche" Spiel nicht. Das ist mit viel Vertrauen je nach Hundetyp noch nachholbar, aber es gibt genug erwachsen eingezogene TS-Hunde, die mit Menschen nicht spielen.

    Ebenso wie das Grundvertrauen in Menschen früh gebildet wird und ist das nicht passiert, wird es schwer. Das müssen nicht mal schlechte Erfahrungen sein, es können auch einfach fehlende sein.

    Klingt vielleicht böser, als ich es meine, aber ein Direktimport aus dem Ausland an Hundeanfänger... verstehen kann ich solche TS-Orgas nicht. Wirklich nicht. Vor allem, wenn ihr klar kommuniziert habt, was ihr leisten könnt und was euch vorschwebt.

    Euer Hund ist extrem verunsichert und braucht viel Zeit und Verständnis. Er spürt deine Überforderung und Stimmung. Das passt nicht zusammen.
    Was sagt denn der TS-Verein zu der Situation? Arbeitet der mit Pflegestellen in Deutschland zusammen? Eine erfahrene Pflegestele könnte genau das sein, was dein Hund gerade dringend braucht. Das ist kein Scheitern oder den Hund aufgeben, eher genau in seinem Sinne.

    Die Frage ist, womit wollt ihr dauerhaft leben? Und was seit ihr bereit, bis dahin zu investieren? (Werbung für TS-Direkt-Importe hat auch diese Orga jedenfalls genau mal wieder nicht gemacht. Traurig genug)

  • Sunshinelady Der Gedankengang, dass es eine „Belastung“ ist, ist glaube ich tatsächlich ein großes Problem. Ich hoffe das ändert sich noch, danke dir!


    Lucy_Lou Danke für deine Erläuterung zum Spielen, das macht Sinn und ich denke auch, dass das Grundvertrauen fehlt.

    Ja das war tatsächlich vom Tierschutzverein dann keine gute Empfehlung, die Hündin direkt zu uns zu bringen. Ich weiß, dass sie auch an Pflegestellen vermitteln, aber nicht nur und eben auch direkt. Sie meinten ja auch, dass sie für Anfänger geeignet ist. Ich bin im Kontakt mit dem Verein und die meinen zu mir, dass ich dem Ganzen einfach Zeit geben soll und geben ein paar kleine aber nicht so hilfreiche Verhaltenstipps.

    Das kommt ganz darauf an wie es sich entwickelt und dass wir dann merken, was wir dauerhaft bereit sind zu geben und zu investieren. Wir hoffen, dass das der Trainer oder ein anderer einschätzen kann. Da ich eine Person bin, die sich sehr schnell Sorgen macht, wäre sicher eine erfahrene Pflegestelle zu Beginn von Vorteil gewesen.. So wie das aber rüberkommt, haben sie nicht damit gerechnet, dass sie sich so verhält.

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