Extreme Schuldgefühle nachdem mein bester Freund verstorben ist - 15 Jahre unperfekte Liebe

  • Ich schreibe diesen Post, weil mich ein Thema seit Monaten extrem belastet und ich alleine gedanklich nicht mehr weiterkomme.

    Ich bin 25 Jahre alt. Unser Jack Russell Terrier ist letztes Jahr im September mit 15 Jahren gestorben. Ich hatte ihn, seit ich etwa 10 Jahre alt war – ich bin also buchstäblich mit ihm aufgewachsen im Elternhaus. Er lebte die letzten 2 Jahre bei meinen Eltern, denn ich bin ausgezogen.

    Dieser Hund hat mein Leben massiv positiv beeinflusst.
    Ich hatte eine sehr schwere Kindheit und Jugend: extremes Mobbing in der Schule, soziale Ausgrenzung, Missbrauchserfahrungen (nicht durch meine Eltern), generell viele belastende Situationen. Ich war immer Außenseiterin. Ich hatte schon früh starke psychische Probleme: soziale Phobie, Panikattacken, später Borderline-Diagnose, Suizidgedanken und auch Versuche. Ich konnte vor allem Wutausbrüche schwer in den Griff kriegen. Ich war ein psychisches Wrack.

    In all dem war mein Hund mein Anker.
    Er war oft der einzige Grund, warum ich nach Hause wollte. Warum ich Leben „wollte“. Der einzige, der sich jeden Tag ehrlich gefreut hat, wenn ich da war. Er hat mir Struktur, Ablenkung und Lebensfreude gegeben. Ehrlich gesagt: Er war einer der Hauptgründe, warum ich mich als Jugendliche nicht umgebracht habe. Ich wusste, dass da jemand auf mich wartet. Jeden Tag war er so ziemlich das einzig positive in meinem Leben und hat mich erfüllt.

    Ich habe ihn über alles geliebt.
    Ich habe viel mit ihm gespielt, gekuschelt, bin mit ihm rausgegangen, habe bewusst Zeit mit ihm verbracht. Auch nachdem ich ausgezogen bin, bin ich so oft wie möglich zu meinen Eltern gefahren, um Zeit mit ihm zu haben.

    Jetzt kommt der schwierige Teil.

    Durch meine psychischen Probleme war ich nicht immer belastbar. Ich konnte z. B. nicht immer gleich lange mit ihm rausgehen wie meine Eltern. Manchmal waren es 30 Minuten, manchmal 45, an guten Tagen auch 1–2 Stunden – es schwankte stark. Oftmals schnell 2min damit ich mich direkt danach Zuhause verkriechen und isolieren kann.

    Vor allem als Teenager und junge Erwachsene hatte ich Phasen mit starken emotionalen Ausrastern. Wenn er draußen nicht gehört hat oder gebellt hat, bin ich manchmal ohne wirklichen Grund aggressiv geworden. Ich habe ihn dann angeschrien und ihm auch leichte Schläge gegeben (z. B. ein Klapser auf den Po oder die Seite). Ich habe ihn nie verletzt, nie so geschlagen, dass er Schmerzen oder Schäden davongetragen hätte – aber es war spürbar aggressiv und sicher unangenehm für ihn. Danach war er manchmal sichtbar traurig oder verunsichert. Ich will nicht sagen das es täglich passiert ist, eher alle paar Wochen einmal. Natürlich nicht konstant über die 15 Jahre hinweg, aber ab und an einfach. Mal 1x im Jahr, mal alle paar Wochen/Monate im Jahr, mal paar Jahre nichts.

    Das war nicht häufig, aber es ist passiert, und ich schäme mich heute extrem dafür.
    Gleichzeitig gab es sehr viel Nähe, Spiel, Liebe und Zuwendung. Trotzdem habe ich Angst, dass diese negativen Momente mehr Gewicht haben, als ich mir eingestehen will.

    In seinen letzten Lebensmonaten ging es gesundheitlich stark bergab:
    Niereninsuffizienz, neurologische Probleme, starke Schwäche. In den letzten drei Wochen vor seinem Tod hatte er keinen Appetit mehr, wollte kaum trinken, essen hatte täglich mehrfach Durchfall, teilweise Blut im Kot und Urin. Er hatte kaum Energie, lag viel herum und hat mehrmals täglich in die Wohnung gemacht. Ich musste ihn raustragen, wo er nur stillstand und sich nicht geregt hat.

    Meine Eltern waren zu dieser Zeit im Urlaub, ich war alleine mit ihm. Scheiß Timing.
    Ich habe mich größtenteils sehr bemüht, ruhig zu bleiben, geduldig zu sein, ihn zu versorgen. Ich bin heute auch viel stabiler als früher.

    Aber es gab einen Moment, den ich nicht loswerde:
    Ich war völlig überfordert, müde, allein – und ich bin kurz ausgerastet. Ich habe ihn angeschrien und einmal leicht geschlagen, obwohl er nichts dafür konnte und offensichtlich schwer krank und kurz vor dem Sterben war. Es war nicht hart, aber es war falsch. Dieser Moment verfolgt mich bis heute.

    Außerdem habe ich ihn in dieser Zeit nicht immer bei mir behalten, weil er ständig Kot und Urin verloren hat. Wenn ich gemerkt hab es bannt sich was an, trug ich ihn zu den fließen weil Ich wollte, dass er auf den Fliesen bleibt und nicht immer mir ins Bett oder aufs Sofa macht. Oft musste ich seinen schlafplatz auch auf den fliesenbereich verlegen und hab ihn nicht bei/neben mir auf der Couch oder Bett gehabt, aus hygienischen Gründen. Heute denke ich mir: Scheiß auf Teppiche, scheiß auf alles – ich hätte ihn einfach bei mir halten sollen. Soll er mich und die Teppiche doch 24/7 dreckig machen. Ich war fernab von ihm. Wie er sich gefühlt haben muss.

    Kurz darauf sollte er eingeschläfert werden, weil keine Behandlung mehr sinnvoll war. (Das war schon lange vor seinen Problemen geplant, bloß die Verschlechterung kam rapide).
    Am Tag der geplanten Einschläferung ist er einige Stunden vorher von selbst gestorben – vor meinen Augen, während meine Eltern die extra zurückgeflogen sind und den Tag davor ankamen und ich bei ihm waren, ihn gestreichelt haben. Er hat kurz nach Luft geschnappt, dann hat sein Herz aufgehört. Es war schnell und wirkte nicht qualvoll, aber es war trotzdem extrem traumatisch, das mitzuerleben. Es geschah vor unseren Augen, ich habe Albträume davon und kann das nicht verarbeiten. Ich hielt ihn tot stundenlang in meinen Armen und weinte einfach nur um ihn.

    Seitdem quälen mich massive Schuldgefühle:

    • Hatte er wirklich ein gutes Leben mit mir?
    • Habe ich ihm durch meine psychischen Probleme geschadet?
    • Wie sehr wiegen diese aggressiven Momente?
    • Kann man ein Tier lieben und ihm trotzdem manchmal Unrecht tun?
    • Hat er mir das „verziehen“ – oder habe ich ihn enttäuscht?
    • Zerstören diese letzten Wochen alles Gute davor?

    Ich weiß rational, dass ich ihn geliebt habe.
    Aber emotional komme ich nicht davon los, dass ich ihn in seinen schwächsten Momenten nicht perfekt behandelt habe. Oder in einigen Momenten in seinen 15 Jahren.

    Danke fürs Lesen. :sneezing_face:

  • Deine Gedanken sind nachvollziehbar - sie führen jedoch nirgendwohin.


    Die Vergangenheit kannst du nicht ändern - sie war, wie sie war.


    Wenn dich diese Gedanken extrem quälen und belasten, ist Unterstützung von anderer Seite notwendig, das sprengt m.E.n die Grenzen eines Hundeforums.

  • Das klingt für mich nach einem Thema dass hier nicht behandelt werden kann und in fachliche Hände ( sprich Psychotherapie) gehört.
    Ich persönlich habe in meiner Therapie gute Erfahrung bei der Verarbeitung von Trauer (und den verschiedensten Gefühlen) im Bezug auf den Tod einer meiner Hunde gemacht und dort auch "Werkzeuge" gelernt.

  • Für mich klingt das tatsächlich auch nach einem Fall für Therapie. Würde aber wohl bei der therapeutischen Person drauf achten, dass die ein Tiermensch ist, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass Leute ohne Verbindung zu Tieren bestimmte Gefühle in dem Kontext teils nicht empathisch verstehen können.

  • Du suchst Absolution für dein Verhalten...

    Mal ehrlich es ist gut und wichtig, dass du deine Aggressionen reflektierst und dich dafür schämst. Nur so hast du die Chance an dir zu arbeiten.

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