Brauchen Hüte/Treibhunde wirklich die Arbeit am Vieh, oder kann man dies ersetzen?

  • So.. ich hab jetzt mal einige Zitate aus dem anderen Thread hier eigefügt. Wenn ich eurer Meinung nach noch was vergessen habe, ergänzt bitte :bindafür:

    Ich hoffe der Austausch geht hier rege so weiter!

    Ob einem Border Collie die Arbeit am Schaf fehlt, kann man nicht so einfach daran festmachen, ob er irgendwo anders "Glotzen" zeigt oder nicht. So einfach ist das nicht. Viele Border Collie-Halter, die ihre BCs am Schaf arbeiten, erziehen sie im Alltag nicht und haben dort schwer kranke Hunde. (Diese Hunde sind in er Regel recht früh "verbraucht". Sie altern sehr schnell und sind nicht so lange bei der Arbeit einsatzfähig wie Hunde, die "gepflegt" werden.)

    Meine Aina ist ja wegen ihrer Verletzung ja seit letztes Jahr im Juli zur Arbeitslosigkeit verdammt. Fünf Jahre alt. Sollte gerade die Rolle meines Hauptarbeitshundes übernehmen. Einige Wochen schluckte sie es gut. Und dann begannen die Angstprobleme. Gegen die wir nach wie vor ankämpfen müssen. Sie hat jetzt auch wieder Angst vor fremden Hunden, die uns draußen begegnen, wie ein Junghund. Sie brüllt sie unwirsch und sehr ängstlich an. Anhüten von irgendwas zeigt sie nicht.

    Was ist daran genau das Krankheitsbild oder wie erkennt man das? Vielleicht kann ich darüber irgendwo etwas nachlesen? Den Border meiner Kollegin kenne ich schon einige Jahre und habe diesen noch nie in diesem Verhalten gesehen - in keiner Situation. Der war für mich bisher ein ganz normaler Hund (wenn ich das mal so sagen darf). Deshalb fand ich das so imposant, wie der plötzlich auch in diesen Modus verfiel, praktisch aus dem Nichts.

    Das ist die Sequenz Anschleichen aus dem Jagdverhalten. Vor der Hetzjagd, dem Packen und töten. Bei der Arbeit am Vieh dient diese Sequenz dazu das Vieh zu bewegen, was dann ja auch eintritt. Bei anderen Hunden etc. ist es quasi eine permanent "erfolglose" Handlung. Warum stellt der Border Collie sie dann nicht ein? Weil er darauf gezüchtet ist diese Sequenz immer wieder zu zeigen, damit sich das Vieh bewegt. Stundenlang, wenn man das bei einem Umtrieb braucht. Der Hund wird dabei vom eigenen Körper mit Glückshormonen zugeschüttet. Ein Border Collie würde sich am Vieh tot arbeiten, wenn man das nicht beenden würde. Da Koppelgebrauchshunde aber nur kurzzeitig im Einsatz sind, wird es ja beendet. Und solange der Hund arbeitet, soll er das durchgängig machen. Ein Arbeitshund, der bei einem vernünftigen Schafhalter lebt, lernt in der Alltagserziehung, dass er dieses Verhalten ausschließlich am Vieh bei der Arbeit zeigen soll. Im Alltag wird es dem Hund verboten. So bekommen diese Hunde ihre dringend notwendigen Ruhe- und Erholungszeiten. Nicht nur, um die Hormone abzubauen, auch, um den Bewegungapparat zu erholen. Denn dieser Dauerschleichgang macht da auch viel kaputt. Ich kenne daher viele Border Collies, die mit acht Jahren fertig mit der Bereifung sind. Auch wirklich alt aussehen, weil sie es körperlich sind. Schmerzen, mental ausgelaugt etc ... Liegt aber auch daran, dass viele ihre Hunde sehr früh hochtrainieren.

  • Mantrailing zur Beschäftigung ist für einen arbeitslosen Border Collie viel besser als zum Beispiel Agi. Da sind sie wie andere Hunde auch: Jagdsequenzen, die in Bereich der Nasenarbeit liegen, verlangen Konzentration und machen im Kopf müde. Das tut ihnen gut


    Leider passen nicht alle Zitate in einen Post, und ich muss mehrere machen...

  • Dann wird dem BC ja nachgesagt, dass er ja soooo schlau ist und alles kann. Leider eben nicht trailen. Und da Hundeschulen mit der Modebeschäftigung Trailen viel Geld verdienen können, sind die Kunden nur zu gern bereit zu glauben, dass der Hund trailen toll findet und es super macht.

    Da sind sie wie andere Hunde auch: Jagdsequenzen, die in Bereich der Nasenarbeit liegen, verlangen Konzentration und machen im Kopf müde. Das tut ihnen gut

    Hier würd ich gerne mal einhaken mit einer Frage: Spielt es denn eine Rolle, ob der Hund eine Aufgabe gut erledigt, wenn sie eine gute Beschäftigung darstellt und er Freude daran hat? Also wenn etwas dem Hund nicht so richtig liegt, er aber super viel Spaß dabei hat (woran man das erkennt jetzt mal außer Frage gelassen), kann es doch trotzdem ein tolles Hobby sein? Ich denk grad an Millionen von nicht hochbegabten Hobbymusikern, die sich einen Ast abfreuen wenn sie dann doch mal einen Ton treffen :smiling_face_with_sunglasses: Klar werden die keine Profis, aber wenn es Freude macht, aber bitte. Arbeit ist es ja trotzdem, nur das Ergebnis ist nicht das gleiche.

    Zu menschlich gedacht?

    Der Vorteil bei Hunden ist, dass sie diese Vergleiche gar nicht ziehen und nicht wissen, dass andere es besser können. Insofern ist es im Grunde wurscht wie "stümperhaft" ein Hobby-Mantrailer sucht, wenn der Hund dadurch was Gescheites für die Birne bekommt.

    Ich bin ja nun mit meinen Hunden tatsächlich in allen Bereichen unterwegs (gewesen), was man mit einem BC so machen kann, sollte und nicht sollte. Und ich rate bei arbeitslosen BCs ganz klar zu Mantrailing oder Dummytraining (wie man es mit Retrievern macht). Das bedient viel Jagdverhalten und verlangt trotzdem Konzentration. Agi und Frisbee und so ... macht sie meiner Meinung nach eher plemplem im Kopf. Tricksen kann ganz nett sein, wenn man es gescheit macht (bei vielen sieht man hochhektisches Verhalten beim Shapen, ist auch die Frage, ob das so toll ist), bedient aber null den Jagdinstinkt.

    Ich darf ja mit Aina seit kurz vor Weihnachten wieder Mantrailing machen, was sie natürlich dankend aufgesogen hat. Aber es ist keine Arbeit an den Schafen, das merke ich schon. Hätte ich den Vergleich nicht, würde ich es wohl nicht merken ...

    Das stimmt so aber nicht wirklich. Man darf nicht stupide Bällchen werfen, sollte man meines Erachtens aber mit keiner Rasse. Wenn man es aber mit Impulskontrolle und Gehorsamsübungen verbindet, und nicht jeden Tag ne Stunde macht, ist es schon was anderes (immer noch keine ausreichende Auslastung, aber auch nicht stupides Hochpushen).

    Schon mal erlebt, dass ein Hund aus einer einzigen Handlung ein lebenslanges Zwangsverhalten machen kann? Nein? Willkommen in der Welt eines Border Collies.

    (Und da sehe ich tatsächlich einen krassen Unterschied zu den Border Collies von Cherubina - was sie bei ihren Hunden laufen lassen kann, würde bei meinen innerhalb weniger Sekunden die Supergau-Verknüpfung schaffen und ich müsste permanent gegenarbeiten. Krass wie unterschiedlich das ist. Damit meine ich nicht, dass diese Hunde "schlechter" sind. Es ist ein anderer Hundetyp geworden als es der Arbeits-Border Collie an sich ist.)

  • wenn vielleicht auch nicht mehr ganz so schnell und super effizient.

    Nunja, eine Schafherde, die außer Kontrolle gerät, kann schnell mal Schaden verursachen. Zum Beispiel das bestellte Feld beschädigen. Oder für einen schweren Verkehrsunfall sorgen.

    Außerdem ist eine pärzise arbeitender Border Collie ein echter Zeiteinsparer. Dabei rede ich nicht von Minuten, sondern von Stunden oder Tagen, je nachdem, was man vor hat. Ich kann zum Beispiel auf die Wiese gehen und mit meinem Hund mal eben ein krankes Schaf fangen. Dauert vielleicht drei Minuten. Bei angefütterten Schafen kann es auch noch ohne Hund klappen. Aber wehe dem, die riechen den Braten. Also muss man zunächst Equipment verladen, zur Weide fahren, aufbauen, die Schaf reinlocken, behandeln, evtl. stehen lassen für weitere Behandlungen und dann irgendwann das Ganze rückwärts ... gut, wer dann noch ein paar helfende Hände dabei hat. Brauche ich nicht. Vier Pfoten reichen mir. ;)

    Das Argument, das die Hunde tatsächlich gebraucht werden, finde ich wichtig und stimmig. Ich frage mich im gleichen zug aber auch, ob die Hunde "weniger extrem" ihren Job auch gut genug verrichten können, wenn vielleicht auch nicht mehr ganz so schnell und super effizient.

    Mir stößt es sauer auf, dass ständig überlegt wird, Arbeitsrassen in "Light" Varianten zu schaffen, nur damit jeder einen Arbeitshund für die Couch haben kann. Vor allem weil es - wie viele Rassen gezeigt haben - dann damit endet, dass man irgendwas hat, aber weder einen tauglichen Arbeitshund in gemäßigter Ausführung, noch einen funktionalen Familienbegleithund. In der Regel kommt da irgendwas raus, womit niemand mehr etwas anfangen kann.

    Die extreme bei den Arbeitshunden haben sich entwickelt, weil sie eben in ihren Nischen besser sind. Kein Arbeitshundezüchter würd sich mit sowas rumschlagen, wenn es keinen signifikanten Vorteil bingen würde.

    Da geht es nicht, um coole Videos für Insta und aufsehenerregende Pics für FB, da geht es drum Arbeit zuverlässig, sicher und effizient zu erfüllen.

    da müssen Welpenkäufer halt dann einfach mal aus dem Kleinkind "ich will aber unbedingt und zwar jetzt" Stadium herauswachsen und Verantwortung übernehmen, sowohl beim Kauf, wie auch bei der Haltung.

    Ich hab mal gelesen das es früher Züchter gegeben haben soll die damit warben Old Hemp nicht in der Ahnenreihe zu haben. Die Leute waren verrückt nach den Hunden die in diesen Turnieren gute Leistungen erzielt haben, selbst wenn bekannt war das sie schwierig zu trainieren/händeln waren.

    Ich finde um ehrlich zu sein. Da liegt schon im Ursprung der Rasse (wie man sie heute sieht) ein Wahn bei den Haltern. Höher besser schneller .... egal wie.

    Der moderne Sporthüter ist aber das Gegenteil davon. Extrem weich und steuerbar. Um nicht zu sagen: Muss jeden Schritt angesagt bekommen. (Wobei da auch Trainingstechniken mit reinspielen. Aber es gibt Gewinner auf dem Trialfeld, die ich für meinen Alltag nicht geschenkt haben wollte. Und das sage ich nicht aus Neid, das habe ich nämlich tatsächlich nicht nötig.)

    Ich finde seelische Leiden nicht weniger schlimm als körperliche, das will ich damit sagen.

    Da bin ich ganz bei Dir. Und da lege ich bei meinen Kunden auch bei anderen Rassen den Finger in die Wunde. Aber hier geht's ja jetzt gerade um den Border Collie. Und im Gegensatz zu einem Französischen Bulldogge zum Beispiel, kann ich einen Border Collie durch entsprechende Erziehung und ein entsprechendes Lebensumfeld normal und ohne seelische Leiden leben lassen. Das geht bei der Bulldogge nicht ...

    Da bringt jede Zuchtlinie Vorteile und Nachteile hervor. Macht es eines automatisch schlecht? Darüber muss ich noch nachdenken. Anders ist nicht unbedingt schlechter, aber ob das sein muss?

    Anders ist nicht per se schlecht.

    Nur erreicht man "anders" eben nicht über Nacht mit einem Wurf, sondern durch ausselektieren bestimmter Eigenschaften, die sich jedoch nicht als einzelne Puzzlestücke aus dem Verhalten herauslösen lassen, sondern mit weiteren verwoben sind.

    Es hat sich bisher bei jeder Arbeitsrasse einfach gezeigt, dass der Versuch auf Show- und Familiezucht umzustellen und gewisse Eigenschaften rauszuzüchten, immer mit unschönen Nebenwirkungen einhergingen. Nervenschwäche, Ängstlichkeit, steigende Zahl an genetischen Erkrankungen... teilweise über zig Generationen mit üblen Nebenwirkungen für Tier und Mensch.

    Lieblingsbeispiel der Dobermann. Die Rasse ist auf breiter Ebene unbrauchbar gezüchtet worden. Sie taugt nicht mehr zuverlässig als Gebrauchshund und als Familienbegleithund auch nicht. Obendrauf kommt noch das gesundheiltiche Päckchen und das ist der Weg, den es bei so ziemlich allen Arbeitsrassen nimmt und wo es für viele kein Licht am Ende des Tunnels gibt.

  • So, jetzt hab ich hoffentlich alle... wie gesagt, wenn ich meint ich hab noch ein wichtiges Zitat vergessen, gerne hinzufügen :bindafür:

  • Nochmal zum Thema Mantrailing...

    Nein, für einen BC ist Mantrailing nichts, was ihn glücklich macht und was er wirklich gut kann. Da wiederhole ich mich gerne. Beim (richtigen) Trailen werden komplett andere Jagdsequenzen abgerufen, als sie im BC angelegt sind. Der BC steht sich durch seinen WTP beim Trailen selber im Weg. Dann wird dem BC ja nachgesagt, dass er ja soooo schlau ist und alles kann. Leider eben nicht trailen. Und da Hundeschulen mit der Modebeschäftigung Trailen viel Geld verdienen können, sind die Kunden nur zu gern bereit zu glauben, dass der Hund trailen toll findet und es super macht.

    Aber es gibt doch auch durchaus Border Collies die sich nicht permanent rückversichern müssen?

    Mein Kelpie ist kein Border (aber wurde ja hier nun auch schon als Vergleich angebracht) und der würde ausgiebig ohne mich zu fragen einer Spur nachgehen wenn er dürfte :pfeif: WTP hat er trotzdem.

    Also ich weiß was du meinst, wir hatten in der Trailgruppe meines verstorbenen Hundes einen Border dabei, der sich schwer getan hat selbstständig Entscheidungen zu treffen (Verleitungen haben ihn sehr verunsichert zb) aber es sind ja nun nicht alle Border so huschig und durchsetzungsschwach denke ich.

  • Danke für deine Mühe! Ich lese gerne mit, auch wenn ich selbst nichts mit Hütehunden zu tun habe... Spannendes Thema.

  • Mich würde ja interessieren Udieckman beziehen sich deine Erfahrungen beim Mantrailing nur auf BC oder Hüte/Treibhunde generell? Die genetischen Verankerungen, was zb die Jagdsequenzen usw angeht, sind ja gleich oder zumindest ähnlich.

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