Der "gefährliche" Hund

  • Ein Hund rennt von sich aus mehrere hundert Meter weit gezielt auf einen unbeteiligten Menschen zu, springt ihn an, packt ihn und reißt ihn zu Boden - und wenn du ein solches Verhalten für einen Artikel kurz (!) zusammenfassen mußt, ist das Wort "aggressiv" falsch gewählt? Verzeihung, aber das kann ich auch samt noch so viel Feddersen-Petersen nicht ernst nehmen.


    Ich habe ja selbst vorhin geschrieben, dass der Hund in meinen Augen gezielt ein Opfer jagt, und ja: sogar ich weiß, dass Jagen genaugenommen zu einem anderen Verhaltenskreis gehört als Aggression. Hier geht es aber um kein verhaltenskundliches Blatt für allwissende DF-Experten, sondern um eine ganz normale Zeitung - du bist also gezwungen, die Dinge auf einen knappen, allgemeinverständlichen Punkt zu bringen.


    Und da erfüllt dieser Hund ganz einwandfrei die gängige Definition von Aggressivität: "...eine feindselig angreifende Verhaltensweise eines Organismus." Denn ober er nun jagt, Übersprung (von was?) zeigt oder eine erlernte Verhaltenskette abspult - freundlich ist das ganz eindeutig nicht.

  • Also mehrere 100 Meter habe ich - der Genauigkeit halber :hust: - nicht im Winkel der Kamera gesehen. Ich gehe nicht davon aus, dass das Kind der Verhaltensauslöser war. Nur dann eben ein vielversprechender Kanal. Was das Ganze umso brandgefährlicher macht. Beuterausch, der so ausgeprägt ist, dass beim Objekt nicht mehr differenziert wird oder werden kann, ist schon übel.


    Ich habe übrigens Feddersen-Petersen gelesen - und O’Heare - und Gansloßer - und ne Menge dazu aus dem humanbiologischem Bereich. Und finde (für mich) die strikte Trennung trotzdem eher sprachlich und ein Stück weit motiviert von menschlichen Moralvorstellungen. Aber ist nur meine Meinung, da würde ich mich nicht streiten.


    Auch Jagdverhalten kennt Sequenzen und Stufen. Aber da wissen vermutlich die Inhaber von Jagdhunden, die damit gezielt arbeiten, besser Bescheid als ich. Mit dem, was da gezeigt wird, kann man nicht mehr arbeiten, weil der Hund gar nicht mehr ansprechbar ist.

  • Also gut, die Meterzahl hab ich auch nicht gemessen - aber in dem Video auf der Daily Mail siehst du immerhin, dass der Hund, soweit die Kamera reicht, im Renntempo und gezielt ankommt.


    Das finde ich an der ganzen Sache übrigens fast am Erschreckendsten: Videos mit Angriffen auf Menschen hab ich auch schon einige gesehen, aber noch keins, in dem der Hund so alleine von so weit weg so gezielt und unbeirrbar ankommt, ohne Provokation, ohne Geschicktwerden, ohne Stocken, ohne Orientieren, ohne Drohen - nur Vollgas und drauf.

  • Anstatt "Das ist faktisch so""Argumentationen" zu posten, kann man sich die Ausführungen von Dr. D. Feddersen-Petersen nochmal anschauen.

    Oder sich an ganz anderen Ausführungen und Definitionen orientiert ...

    Aggressionsverhalten behaltet Eskalationsschritte.

    Nicht notwendigerweise (das ist aber nicht neu, s. hierzu Komponenten instrumenteller Aggression vs. reaktiver Aggression).


    Die strikte Trennung zwischen Aggression und Jagdverhalten verstehe ich eh nicht

    Ist auch schwierig, wenn man sich an die offizielle Definition hält (wobei die bis dahin gültige Trennung von instrumenteller und reaktiver Gewalt mittlerweile auch noch infrage steht ... Aber das führt hier alles zu weit, deckt sich jedoch mit Deiner Einschätzung, dass es kaum zu trennen ist):

    Wichtig ist: 1) "Aggression" meint ein Verhalten, kein Motiv und keinen aggressionsaffinen Affekt (wie etwa Ärger, Wut, Haß). 2) Die vom Forscher interpretierte "Gerichtetheit" soll verhindern, daß zufälliges Schädigen als Aggression gilt. "Absicht" soll nicht als Kriterium gelten, weil sonst z.B. Tiere, kleine Kinder und Absichten leugnende Straftäter aus der Aggressionsforschung ausgeschlossen werden müßten.


    D.h. Aggressionsverhalten ist an sich erst einmal ein gezeigtes Verhalten und bleibt ein aggressives Verhalten, selbst dann, wenn es aus einer jagdlichen Motivationssequenz resultiert (was es nicht muss und es setzt auch nicht unabdingbar Eskalationsschritte voraus, um ein aggressives Verhalten zu sein, wow... )


    Nebenbei angemerkt: Als Motivation für aggressives Verhalten kommt auch eine sich selbst belohnende Komponente vor, also ein Lustauslöser, der mitnichten nur bei Soziopathen (etc.) anzutreffen ist, wie man das ursprünglich lange meinte. Darauf deuten aktuellere Studien hin, wie z.B. von Weierstall/Elbert 2011.


    Was bei dem Hund zugrunde liegt, an Motivation (oder Motivationselementen), das können wir nicht klären. Aber es macht für mich keinen Sinn, sein auf dem Video gezeigtes Verhalten aus dem Bereich des Aggressionsverhaltens herauszulösen (weil dies das jenes). Denn das ist gar nicht möglich ... zumindest per offizieller Definition nicht.

  • Das finde ich an der ganzen Sache übrigens fast am Erschreckendsten: Videos mit Angriffen auf Menschen hab ich auch schon einige gesehen, aber noch keins, in dem der Hund so alleine von so weit weg so gezielt und unbeirrbar ankommt, ohne Geschicktwerden, ohne Stocken, ohne Orientieren, ohne Drohen - nur Vollgas und drauf.

    In voutube finden sich nicht wenige davon ...

    Allerdings muss man sich dafür anmelden und bestätigen, volljährig zu sein (sonst werden sie nicht angezeigt).

  • Die "moderaten" Verletzungen des Mädchens wundern mich tatsächlich.


    Völlig absurd einen Hund zu sehen, der einfach rennt, dann das Kind erblickt und es dann ohne irgendein Zögern oder einen erkennbaren Trigger angreift.


    Ich hätte jetzt befürchtet, dass er beim Angriff selbst auch viel beschädigender vorgeht.

  • Ich habe mir das Video jetzt 2mal angesehen und bin erstaunt, was manche zu sehen glauben.


    Übersprungshandlung? Ich sehe einen Hund, der die Straße entlang trabt, das Kind an der Hand der Mutter entdeckt, im Bogen zwischen den Erwachsenen durch läuft und gezielt das Kind packt. Kein Stress- oder Frustauslöser für eine Übersprungshandlung in Sicht... auch hetzt er vorher keine Beute, er ist einfach zügig unterwegs, erblickt das Kind und startet durch.


    Hochgepushter Hund mit übersteigertem Beutetrieb? Ein Hund kann durchaus zwischen Spielzeug, Mensch und Beutetier unterscheiden.

    Anders kann ich mir nicht erklären, dass meine beutegeilen, leicht hochzupushenden Triebschweine hier selbst auf kreischende, fuchtelnde, rennende Kleinkinder überhaupt nicht reagieren. Das sähe anders aus, wenn hier plötzlich ein Kaninchen durch den Garten rennen würde. Beutetrieb und beklopptes Temperament erklären somit in keiner Weise den Angriff auf das Kind.


    Man kann sich auch alles schönreden, GsD ist das Kind relativ ruhig neben der Mutter gelaufen, sonst hätte man noch diskutieren müssen, ob es sich "falsch verhalten" hat...


    Ich sehe auf dem Video einen Hund, der aggressiv auf ein anwesendes Kind reagiert und somit gefährlich ist. Sein Halter hätte ihn entsprechend sichern müssen.Punkt.

  • Ich denke mal, die "moderaten" Verletzungen liegen daran ,dass die Kleine enorm Glück hatte: einmal reißt sie Kopf und Hals so schnell nach hinten weg, dass der Hund nur die Schulter erwischt, zum anderen trägt sie da eine dicke Jacke, und zum dritten greifen die Erwachsenen ja sofort zu, so dass der Hund zumindest gleich abgelenkt ist. Was gewesen wäre, wenn er ungestört nachgefaßt oder geschüttelt hätte, möchte ich mir lieber gar nicht vorstellen.

  • Also - ich sehe da keinen Hund, der aggressiv wie etwa auf einen Konkurrenten oder eine Bedrohung reagiert. Sondern der sich zielsicher, ohne zu zögern und unbeirrt das Kind packt :ka: Keine Spur Drohung, einfach nur Zugriff. Für mich das, was passieren kann, wenn man einen Hund einseitig über Beutetrieb hochpusht, weshalb ich auch kein Freund von Reizangel ohne Anleitung etc. bin.

  • Trab? Krass. Der Hund "trabt" die befahrene mehrspurige Straße entlang mitten auf der Fahrbahn entgegen der Fahrtrichtung!

    . Nein, der läuft nicht quer über die Fahrbahn, der galoppiert die entlang. Man sieht ihn kurz zwischen den beiden Bäumen. Voll "locker" - ist nicht so dass die nicht befahren wäre. Der trabt nicht lässig entlang des Gehwegs. Erstaunlich die unterschiedliche Wahrnehmung.

    Und dann folgt er dem Asphalt und reagiert auf zwei Bewegungsreize : einen Hüpfer und das kurze Zurückschrecken.

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