Zitate, die ich mir zum Beantworten herausgesucht habe ... habe ich wieder verworfen.
Statt dessen Folgendes:
"Der morphologische und verhaltensbezogene Vergleich zwischen Wölfen und Hunden verlockte oft zu der BEHAUPTUNG, die letztere Spezies sei in juvenilem Status stecken geblieben. die geringere relative Größe eines Hundekopfes, die kürzere Schnauze, zahlreiche juvenile Verhaltenseigenarten (z. B. abhängige Verhalten, Verspieltheit) und das Fehlen gewisser Muter erwachsenen Raubtierverhaltens bei vielen Hunderassen wurden als stützende Belege herangezogen (siehe auh oppinger und Schneider 1995, Frank und Frank 1982)"
Aus: Hunde - Evolution, Kognition und Verhalten, Adam Miklosi, Seite 198
Diese Behauptung der nicht vollendeten Reifung zu einem erwachsenen Lebewesen wurde unter dem Begriff der "infantilen Hunde" verbreitet.
Von da aus war es nicht weit zu der pseudowissenschaftlichen Unterteilung in "ernsthaftere" und "infantile" Hundetypen, weil die scheinbare Ernsthaftigkeit einen Pseudo-Erwachsenenstatus zu bescheinigen suggeriert.
Infantilismus als Krankheit - und das ist es im Zusammenhang mit der Behauptung, Hunde wären INFANTIL - ist KEINE Begleiterscheinung oder gar das Ergebnis der Domestikation.
Tatsächlich sind die Unterschiede in der Verhaltensentwicklung von Wölfen und Hunden eher unter dem Gesichtpunkt der Heterochronie (evolutionäre Änderungen in der Verhaltensentwicklung) zu sehen.
Hierzu führt Miklosi im Folgenden aus:
"Verhaltensunterschiede zwischen Hunden und Wölfen wurden oftmals als eine Entwicklungsverlangsamung erklärt, die dazu führt, dass juvenile Merkmale im Erwachsenenalter beibehalten werden. Diese Theorie besagt, dass Merkmale bei Hunden später in Erscheinung treten (postdisplacement) und sich während der Entwicklung langsamer herausbilden (Neotenie, oder auch Neotonie). Die Vergleichsanalyse verschiedener Hunderassen stützt diese Ansicht nicht. Als sie das erste Auftauchen von mehr als 70 Verhaltensaktionen bei 7 Hunderassen feststellte, fand Feddersen Petersen KEINEN Beweis für allgemeine Neotenie oder für Postdisplacement bei Hunden im Vergleich zu Wölfen. "
Aus: Hunde - Evolution, Kognition und Verhalten, Adam Miklosi, Seite 199
Manchmal ist es echt hilfreich, sich bei bestimmten fachlichen Begriffen mehr kynologischer Quellen zu bedienen, die genauere Auskunft im Hinblick auf die Bedeutung/Aussage im Bezug zu Hunden geben.
Mittlerweile wird mir echt übel, wenn eine Diskussion auf dem Tiefpunkt von "infantile Hunde(rassen)" versus "ernsthafte Hunderassen" gelangt.
WIE unsere Hunde sich verhalten, daran sind maßgeblich WIR beteiligt.
Ich bin Geselligkeit gegenüber nicht abgeneigt, und habe mir entsprechende Hunde ausgesucht, die dieser Neigung entgegenkommen. Dementsprechend haben sich meine Hunde auch erwartungsgemäß entwickelt.
Ich respektiere JEDEN, der keinen Kontakt will. Wobei ich Menschen nicht verstehe, die keinen Kontakt wollen, sich aber dennoch in Bereiche begeben wo sie von Kontakten überflutet werden.
Hier ist die Soziale Intelligenz unserer Hunde sehr interessant und aufschlussreich:
"Hunde sind insbesondere in der Lage, Erkenntnisgewinne im Zusammenhang mit Assoziationsfähigkeit, Lernen und Kommunikation zu gewinnen. Damit wären wir im Bereich der emotionalen oder sozialen Intelligenz, da Hunde über die analoge Kommunikation den Umgang mit fremden und eigenen Gefühlen praktizieren, indem sie über die ausgeprägte Fähigkeit verfügen, Emotionen in Mimik, Gestik, Körperhaltung und Stimme bei Artgenossen wie auch Menschen wahrzunehmen, zu identifizieren und ihnen kommunikativ gezielt zu begegnen. Hunde haben das Bedürfnis wie die Motivation, wiederum UNSERE Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, sie zu verstehen und sich darauf einzustellen. "
Aus: Ausdrucksverhalten beim Hund, Dorit Urd Feddersen-Petersen, Seite 114
DAS ist er große Unterschied zwischen Wölfen und Hunden, wo ein Vergleich zwischen diesen beiden Arten nicht mehr möglich, weil unsinnig ist.
DAS ist das Ergebnis der Domestikation - und nicht Hunde, die infantil sind und nicht mehr erwachsen werden können.
Zum Abschluss: Dazu war übrigens eine Veränderung im Gehirn notwendig, bzw. zwangsläufige Folge:
" Bereits Klatt fand bei seinen Untersuchungen heraus, dass die Hundegehirne um 1/5 bis 1/4 kleiner waren als die Wolfsgehirne* .... Alles in Allem könnte man sagen, dass beim Haushunde diejenigen Hirngebiete eine Zunahme erfahren haben, welche mit den höheren psyhischen Voergängen in Beziehunggebraht werden, während die Sinnesgebiete zum Teil eine recht beträchtliche Abnahme erfahren. Also Zunahme der Assoziations-, Abnahme der Projektionszentren..."
Aus: Von der Seele des Hundes, Eric H.W. Aldington, Seite 254
*Anmerkung von mir: Dieser Fakt des "kleineren Gehirns" trug z. B. auch dazu bei, die Mär vom "dümmeren, nicht erwachsen werdenden Hund" im Vergleich zu seinem Urahn, dem Wolf, entstehen zu lassen ...