Jetzt sind wir in dieser Diskussion bei den ganz vielen Ausnahmen und Variationen hinsichtlich der Frage nach Angemessenheit im Verhalten.
Meine Ausgangsfrage im Threadtitel war: Gibt es das beim Hund?
Meine These: Ja die gibt es, unbedingt.
Es gibt eine intrinsische Motivation bei Haushunden, die genetisch veranlagt ist, als Erbe von ihren Urahnen, den Wölfen.
Welpen lernen im Spiel mit ihren Geschwistern, und auch anderen zu ihrer Familie gehörenden Mitgliedern, was Angemessenheit im Umgang mit einem Artgenossen ist, und was nicht angemessen ist.
Ausnahme im Spoiler
Wolfswelpen entwickeln keine Aggression im Spiel mit ihren Wurfgeschwistern, die so hoch wird, dass sie sich gegenseitig schwer verletzen.
Insofern ist das Verhalten von Welpen bestimmter Rassen, die schon früh getrennt werden müssen weil sie sich sonst gegenseitig schwer verletzten würden, ein Ergebnis der Selektion durch den Menschen, und absolut artuntypisch.
Dazu zählt das Erlernen der Beißhemmung, aber auch das canidentypische, sehr breite Drohverhaltensspektrum hat seine Begründung im Vermeiden von beschädigenden Auseinandersetzungen.
Welpen entwickeln in der spielerischen Interaktion ein Gefühl für Angemessenheit im Verhalten - und das ist der Punkt: Angemessenheit ist immer mit Gefühlen verbunden, es gibt kein Verhalten ohne Gefühle (Ausnahme: Beutefangsequenzen - aber das ist ein anderes Thema).
Gerade beim Drohverhalten gibt es eine Verhaltensreaktion, die genetisch veranlagt ist:
Grundsätzlich bewirkt eine erfolgreiche Drohung den Abbruch einer Auseinandersetzung.
Eine erfolgreiche Drohung bewirkt eine Verhaltensänderung beim Bedrohten, die ein Fortsetzen des Konfliktes unnötig macht.
Das ist aus meiner Sicht eine natürliche Grenze für Angemessenheit im Verhalten:
Es ist angemessen, einen Konflikt als beendet zu empfinden, und ihn auch zu beenden ohne weitere Eskalation, wenn der Bedrohte eine Verhaltensänderung zeigt, die das Fortführen des Konfliktes unnötig macht.
Ein einfaches Beispiel: Zwei Hunde setzen sich körperlich auseinander, im Verlauf unterwirft sich einer der beiden aktiv, indem er sich auf den Rücken wirft, oder geworfen wird und sich ergibt (weshalb dies oftmals begleitet wird von hohen, fiependen Lauten, während der andere Hund über ihm steht).
Diese aktive Unterwerfung beendet eine Dominanzklärung; Der Unterwürfige bestätigt sein Gegenüber in seiner Überlegenheit.
Es bedarf keiner Fortsetzung, der Unterwürfige wird z. B. nicht durch Bisse kampfunfähig gemacht, sondern der dermaßen als überlegen erklärte Sieger untermauert evtl. noch mal durch Knurren seiner "Siegerposition", lässt aber dann vom Unterwürfigen ab, und lässt ihn ziehen.
Diese - oft als "ritualisierte Drohverhaltensgesten" bezeichneten Verhaltensweisen sind bei allen Haushunden zu sehen - und sie scheinen einen natürlichen Verhaltenskodex vorzugeben, der eine natürliche Messlatte darstellt was angemessen ist, und was nicht.
Das wird bestätigt durch den Fakt, dass sich bei den 10-(statistisch erfasst) bis 14 (geschätzte Dunkelziffer) Millionen Haushunden allein in Deutschland der weitaus überwiegende Teil ein Verhalten zeigt, welches im Allgemeinen als "beschädigungsvermeidend", im Besonderen gerade im Umgang mit aggressiv auftretenden Kleinhunden gegenüber Großhunden als absolut deeskalierend bezeichnet werden kann.