Beiträge von Estandia

    Bobby Palmer – Isaac and the egg / Isaac und das Ei

    Isaac Addy hat seine Frau verloren. Als die Tage ohne sie immer schlimmer werden, findet er sich schließlich auf einer Brücke wieder, klettert schon über die Brüstung und brüllt seine Wut und Verzweiflung über den Fluss in den angrenzenden Wald hinein. Da brüllt etwas aus dem Wald zurück und Isaac will nachsehen, was da zwischen den Wurzeln so weiß schimmert. Springen kann er später ja immer noch.

    Auf einer Lichtung findet er ein Ei, gut einen halben Meter groß, übernatürlich weiß und flauschig mit einem wirren Haarschopf. Isaac nimmt "Ei" mit nach Hause und fortan treibt "Ei" sein Unwesen im Haus und Isaac an den Rand seiner weggeschlossenen Erinnerungen ...

    Mit Debütromanen ist es ja manchmal so eine Sache, dass der Autor ganz viel sagen will und darüber Sinn und Struktur vergisst. Das ist hier nicht der Fall. Die Geschichte bleibt dicht bei Isaac und seinem Ei, hat wenige Nebencharaktere, was aber Isaacs Zurückgezogenheit geschuldet ist. Isaac geht es nicht gut, er trauert, er leidet, er vernachlässigt sich, er hat Gedächtnislücken, er will sich auch mit vielen Dingen nicht auseinandersetzen müssen. Der Tod seiner Frau hat ihn gebrochen und hilflos zurückgelassen, das Haus ist immer noch so voll von ihr und ihren Dingen. "Ei" zwingt ihn sich damit zu befassen, die Interaktionen zwischen den beiden sind saukomisch und die Wohngemeinschaft könnte nicht ulkiger sein.

    Natürlich steht "Ei" für eine ganze Reihe an Dingen und Themen, die das Buch erforscht. Das ist nicht immer einfach, oft sehr herzzerreißend aber nie schwermütig. Die Aufklärung hatte noch mehr Facetten als ich vermutet hatte. Die letzten Seiten haben es dann noch mal in sich und die Geschichte findet ein rundes, überzeugendes Ende. Für ein Erstlingswerk großartig.

    Louise Erdrich – The Sentence / Jahr der Wunder

    "Eine kleine unabhängige Buchhandlung in Minneapolis wird von November 2019 bis November 2020 von der nervigsten Kundin des Ladens heimgesucht. Flora stirbt am Allerseelentag, aber sie will den Laden einfach nicht verlassen. Tookie, die nach jahrelanger Haft einen Job als Buchverkäuferin gefunden hat, muss das Geheimnis dieses Spuks lösen und gleichzeitig versuchen, all das zu verstehen, was in Minneapolis während eines Jahres der Trauer, des Erstaunens, der Isolation und der wütenden Abrechnung geschieht."

    Ich empfand dieses als Offenbarung, eine wahre Schatztruhe, gefüllt mit vielen interessanten Geschichten, quirligen Charakteren, so viel Liebe und Verehrung für die eigene Herkunft, für die Menschen in den verschiedenen indigenen Communities aber vor allem für einen selbst, das eigene Leid, die eigene Schuld, die eigenen Wünsche und Geister, die einen verfolgen.

    Tookies Erzählweise ist intim und rau, mit einer Mischung aus Humor, Sarkasmus und sehr emotionalen Momenten. Sie ist eine komplexe Figur mit einer scharfen, aufmerksamen und manchmal selbstironischen Stimme, was ihren Erlebnissen einen sehr ehrlichen, reflektierenden Ton verleiht. Ich habe mich sehr an Morowa Yejide's Creatures of Passage und Waubgeshig Rice's Moon of the crusted Snow erinnert gefühlt.

    Während das erste halbe Jahr noch davon handelt, wie Tookie ihr Dasein in ihrer Community händelt, wie sie in dem kleinen Buchladen aufblüht und durch die Bücher, die sie empfiehlt ihre eigene Geschichte erzählen kann, passiert in der zweiten Hälfte schließlich Corona und das Leben dreht sich um Masken, Spaghetti und Abstand. Und dann passiert George Floyd. Und man ist mit Tookie dabei, mit all den anderen Minderheiten, die auf die Straße gehen, die auf Polizeigewalt treffen, die nicht mehr hinnehmen können, was ihnen Tag für Tag angetan wird. Und Tookie muss sich mit der Frage auseinandersetzen, wie viel Schuld ihr eigener Ehemann hat, ein ehemaliger Polizist, der auch an ihrer Verhaftung beteiligt war.

    Die großen Themen des Buches sind das Übernatürliche und die Spiritualität, Trauer und Schuld, Ethnie und Identität, historischer und sozialer Kontext, die Macht der Bücher und des Geschichtenerzählens, Erlösung und Transformation. Ich kann das englische Hörbuch nur wärmstens empfehlen, es wird von Louise selbst gesprochen.

    Das Gebinde Amontillado

    Hieß das nicht immer das Fäßchen? :???: Was für eine seltsame Übersetzung...

    Ich hab mich die ganze Zeit beim Lesen der Geschichte auch gefragt, warum "Gebinde" :denker: ... scheinbar wurden in dieser 2017er-Auflage (orig. 2012) die eher seltenen Übersetzungen genutzt. Genau wie Ascher statt Usher. Ich hatte auch für die ersten Geschichten jeweils eine (irgendeine) Audio-Version gehört, aber da gehen die Übersetzungen auch echt weit auseinander, so dass man den Text nicht mal halbwegs parallel hätte lesen können.

    Edgar Allen Poe – Horrorgeschichten

    Etwas für die dunkle Jahreszeit :ugly:

    Enthalten sind die Geschichten

    • Der Fall des Hauses Ascher
    • Das verräterische Herz
    • Ligeia
    • Die Maske des roten Todes
    • Manuskriptfund in einer Flasche
    • Berenice
    • Grube und Pendel
    • Das Gebinde Amontillado
    • Der schwarze Kater
    • Das vorzeitige Begräbnis
    • Das ovale Porträt

    Die Geschichten sind an sich alle nicht sehr lang und wenn man mehrere hintereinander liest, so erkennt man schnell, dass sich (Spannungs)Aufbau und Themen ähneln und wiederholen. Überraschend aber fand ich, da ich noch nie irgendwas von Poe gelesen habe, die wirklich sehr dunklen und teils echt fiesen Themen, die erforscht werden. Oft geht es um den Tod, mentale und körperliche Gebrechen, Obsessionen, Gewalt, Rache und den mannigfaltig beschriebenen Niedergang der eigenen Psyche.

    Rebecca Wait – I'm sorry you feel that way / Meine bessere Schwester

    "Als Erwachsene müssen die Schwestern Alice und Hanna mit vielem fertigwerden – nicht nur mit Enttäuschungen in der Arbeit und in der Liebe, sondern auch mit immer komplizierteren Spannungen und Unausgesprochenem in der Familie. Ihr Leben sieht dem, das sie sich immer vorgestellt hatten, erschreckend unähnlich. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zu versuchen, ihre zerrüttete Beziehung zueinander zu reparieren und einen Weg zu finden, mit ihrer dominanten Mutter umzugehen. Sie müssen herausfinden, ob das Leben wirklich mehr ist als eine Tragödie mit ein paar lustigen Momenten – wie Hanna es ausdrücken würde."

    Thalia beschreibt das Buch als "fesselnden und psychologisch packenden Roman über komplexe Familienverhältnisse und die Tücken von Geschwisterbeziehungen", was wirklich gut hinkommt. Hier wird eine Familie in wechselnden Sichtweisen seziert, die versucht einen schwierigen, sehr steinigen Weg zu meistern. Das Buch behandelt Themen wie Familienloyalität, psychische Gesundheit, Generationentraumata und die Komplexität der Selbstidentität. Es befasst sich mit der Schwierigkeit, familiären Mustern zu entkommen, insbesondere angesichts der elterlichen Manipulation und unbehandelter psychischer Probleme. Durch die gegensätzlichen Perspektiven von Alice und Hanna untersucht der Roman, wie zwei Menschen dasselbe Trauma erleben und dennoch mit völlig unterschiedlichen Perspektiven daraus hervorgehen können.

    Darüber hinaus ist der Roman eine fesselnde Erkundung der menschlichen Widerstandsfähigkeit. Er schildert den Schmerz und manchmal auch den (schwarzen) Humor, wenn es darum geht, sich aus toxischen Kreisläufen zu befreien, und untersucht gleichzeitig die Bande, die Menschen an ihre Familien binden, selbst wenn diese Bande Leid mit sich bringen.

    Ich war von allen Charakteren fasziniert, gerade von der manipulativen, toxischen Mutter und ihrer Geschichte. Das Aufwachsen der Geschwister ist super komplex und interessant, die sozialen Interaktionen miteinander und der Mutter sind oft angespannt und unangenehm, die Schulzeit schwierig durch Defizite aus der Kindheit. Die Nebencharaktere wie der Bruder, der Vater oder romantische Beziehungen der Geschwister sind facettenreich und spannend.

    Lucy Barker – The Other Side of Mrs Wood

    "Mrs. Violet Wood ist Londons führendes Medium, eine Frau von höchstem Ehrgeiz, deren einzigartige Fähigkeiten ihr die Bewunderung und das Vertrauen der Londoner Elite eingebracht haben. Mrs. Wood ist in der Tat eine kluge und begabte Seherin, die wie keine andere vorhersagen kann, was ihre wohlhabenden Gönner aus dem Jenseits hören wollen.

    Doch die Zeiten ändern sich. Erstens hat ein neugieriger Zeitungsmann damit begonnen, falsche Medien in ganz London zu entlarven. Viele von Mrs. Woods Freunden sind seinen gnadenlosen Anschuldigungen zum Opfer gefallen. Schlimmer noch, obwohl Mrs. Woods monatliche Séancen immer noch gut besucht sind, hat sie festgestellt, dass es schwieriger geworden ist, neue Kunden zu gewinnen. Es gibt Gerüchte aus Amerika über Medien, die Vollgeister materialisieren. . . . Wie lange wird sich ihr Publikum noch mit wackelnden Tischen und Kerzentheatralik zufrieden geben?

    Dann, bei einer von Mrs. Woods routinemäßigen Versammlungen, hört sie das schrecklichste aller Geräusche - ein Gähnen. Als ein süßes Mädchen mit einem unheimlichen Talent für das Handwerk vor ihrer Tür auftaucht, beschließt Mrs. Wood, dass ein Schützling genau das Richtige wäre, um ihre Marke aufzupeppen. Aber ist Emmie Finch wirklich das naive Mädchen, das sie zu sein scheint? Oder hat Mrs. Woods eigener Untergang endlich an die Tür geklopft?"

    Wunderbare, mit schwarzem Humor durchzogene, viktorianische Gothic Fiction. Eine sehr konsequente, ganz bei sich bleibende Charakterstudie. Mrs. Wood ist fantastisch, für alles was sie verkörpert, die Nebencharaktere sind komplex und interessant, die Dialoge teils saukomisch und sehr herzlich. Ich fand auch die vielen Hunde und Katzen, die vorkamen, super. Da haben Mrs. Woods Besucher Pullis mit Katzenhaaren an oder zu Hause wartet eine Schar Terrier, mir war das total sympathisch.

    Das Buch erforscht die Themen Ehrgeiz, Authentizität und Täuschung, Glaube und Skepsis, vor allem aber die weibliche Handlungsfähigkeit in einer von Männern dominierten Gesellschaft, in der Mrs. Wood und Emmie Finch ihre Fähigkeiten nutzen, um in einer Welt, die sie oft unterdrückt, unabhängig zu werden. Ganz stark fand ich die Darstellung von Freundschaften unter den Frauen und die Unterschiede zum Klientel. Das Ende war sehr herzerwärmend.

    Habt ihr schon mal eine Euthanasie zuhause erlebt oder Berichte gehört, wie es abgelaufen ist?

    Wir haben Böki zu Hause gehen lassen. Hier in der Hauptstadt gibt es Felmo. Den Service hab ich praktisch für alles Notwendige die letzten zwei Jahre genutzt. Eingeschläfert wurde wie viele es schon beschrieben haben, wir haben eine ganz tolle TÄ gehabt, die alles erklärt hat und alles lief ganz ruhig ab. Die Bestattungsfirma kam relativ zeitnah danach, auch ganz liebe, angenehme Leute.

    Die großen Themen des Buches sind: Glaube und Religion, Kultureller Austausch und Missverständnisse,

    Eine Frage: wie gut kann man das Missionsthema abstrahieren? Besteht die Gefahr, dass ein Leser sich überwiegend über dieses Thema aufregt und die Geschichte deshalb nicht offen genug lesen kann?

    Ansonsten klingt das nämlich interessant...

    Peters Mission ist sehr nuanciert und beschränkt sich vollends auf die Außerirdischen, die ihn aktiv (er)suchen. Dadurch, dass deren Sprache komplett anders ist, das sieht man auch im Buch selbst durch andere Zeichen, ist auch die Kommunikation zwischen Peter und den Aliens sehr reduziert und Peter fängt an Psalme zu vereinfachen, er abstrahiert selber sehr stark, damit die Aliens ihn in der Wortwahl sowie in der Konzepterklärung verstehen können. Die Aliens kommen von sich aus zu ihm, haben sogar von sich aus nach einem Pastor gefragt, weil sie gern mehr über das "Buch der seltsamen neuen Dinge" erfahren möchten. Peter ist auch nicht der erste Geistliche auf dem Planeten. Seine Mission unter den Aliens ist ganz ruhig und verständnisvoll, sehr introspektiv, überhaupt nicht unverschämt oder überheblich. Er hinterfragt die ganze Zeit wie man die eigene Weltanschauung jemandem näherbringt, der diese Weltanschauung körperlich (durch Aussehen und Sprachfähigkeit) wie mental gar nicht erfassen kann. Z.B. gibt es auf dem Alienplaneten keine Schafe, auch das Konzept eines Hirten ist den Aliens unbekannt. Peter hat somit sehr wenig "Substanz" zum Ausführen seiner Mission.

    Die anderen (menschlichen) Mitarbeiter auf dem Planeten folgen entweder anderen Religionen/Glaubensbekenntnissen oder sind Atheisten o.ä. Peter missioniert dort niemanden, die Leute wissen nur, dass er der Pastor ist. Die Auswahl dieser Mitarbeiter ist ebenso ein interessantes Konzept, es gibt keine zwischenmenschlichen Dramen, keine Waffen, keine Gewalt, die Menschen finden Erfüllung in ihren wechselnden Tätigkeiten, sind aber ansonsten wenig daran interessiert wirklich enge Bindungen einzugehen und haben auch sonst keine familiären Verbindungen, nur Peter hat eine Ehefrau auf der Erde, was viele überrascht.

    Und dann gibt es halt noch Peters persönliche Reise, er reflektiert durchweg, er zweifelt, er tauscht sich permanent mit seiner Frau aus, die ebenso in der Kirche tätig ist, Wohltätigkeitsarbeit leistet, sich um andere kümmert und dann selbst schwere Zeiten durchmacht und eigentlich davon ausgeht, Peter würde sofort zur Erde zurückkommen, wenn etwas nicht stimmt.

    Ein sehr menschliches Buch, ich habe mich weder bevormundet noch überfordert gefühlt.