Beiträge von Estandia

    Die großen Themen des Buches sind: Glaube und Religion, Kultureller Austausch und Missverständnisse,

    Eine Frage: wie gut kann man das Missionsthema abstrahieren? Besteht die Gefahr, dass ein Leser sich überwiegend über dieses Thema aufregt und die Geschichte deshalb nicht offen genug lesen kann?

    Ansonsten klingt das nämlich interessant...

    Peters Mission ist sehr nuanciert und beschränkt sich vollends auf die Außerirdischen, die ihn aktiv (er)suchen. Dadurch, dass deren Sprache komplett anders ist, das sieht man auch im Buch selbst durch andere Zeichen, ist auch die Kommunikation zwischen Peter und den Aliens sehr reduziert und Peter fängt an Psalme zu vereinfachen, er abstrahiert selber sehr stark, damit die Aliens ihn in der Wortwahl sowie in der Konzepterklärung verstehen können. Die Aliens kommen von sich aus zu ihm, haben sogar von sich aus nach einem Pastor gefragt, weil sie gern mehr über das "Buch der seltsamen neuen Dinge" erfahren möchten. Peter ist auch nicht der erste Geistliche auf dem Planeten. Seine Mission unter den Aliens ist ganz ruhig und verständnisvoll, sehr introspektiv, überhaupt nicht unverschämt oder überheblich. Er hinterfragt die ganze Zeit wie man die eigene Weltanschauung jemandem näherbringt, der diese Weltanschauung körperlich (durch Aussehen und Sprachfähigkeit) wie mental gar nicht erfassen kann. Z.B. gibt es auf dem Alienplaneten keine Schafe, auch das Konzept eines Hirten ist den Aliens unbekannt. Peter hat somit sehr wenig "Substanz" zum Ausführen seiner Mission.

    Die anderen (menschlichen) Mitarbeiter auf dem Planeten folgen entweder anderen Religionen/Glaubensbekenntnissen oder sind Atheisten o.ä. Peter missioniert dort niemanden, die Leute wissen nur, dass er der Pastor ist. Die Auswahl dieser Mitarbeiter ist ebenso ein interessantes Konzept, es gibt keine zwischenmenschlichen Dramen, keine Waffen, keine Gewalt, die Menschen finden Erfüllung in ihren wechselnden Tätigkeiten, sind aber ansonsten wenig daran interessiert wirklich enge Bindungen einzugehen und haben auch sonst keine familiären Verbindungen, nur Peter hat eine Ehefrau auf der Erde, was viele überrascht.

    Und dann gibt es halt noch Peters persönliche Reise, er reflektiert durchweg, er zweifelt, er tauscht sich permanent mit seiner Frau aus, die ebenso in der Kirche tätig ist, Wohltätigkeitsarbeit leistet, sich um andere kümmert und dann selbst schwere Zeiten durchmacht und eigentlich davon ausgeht, Peter würde sofort zur Erde zurückkommen, wenn etwas nicht stimmt.

    Ein sehr menschliches Buch, ich habe mich weder bevormundet noch überfordert gefühlt.

    Rumaan Alam – Leave the world behind / Inmitten der Nacht

    "Amanda und Clay wollen mit ihren beiden Kindern eine unbeschwerte Ferienwoche auf Long Island verbringen. In einem Haus am Ende der Welt, weit weg von allem. Doch mitten in der Nacht steht dort plötzlich ein älteres, schwarzes Ehepaar vor der Tür. Die beiden behaupten, das Haus gehöre ihnen. Sie berichten, dass ganz New York im Dunkeln liege, das Leben an der Ostküste komplett lahmgelegt sei. Hier draußen jedoch, an diesem abgeschiedenen Ort, ohne Internet, Handy- oder Fernsehempfang, wissen Amanda und Clay nicht, was sie davon halten sollen. Stimmt das, was die beiden behaupten? Können sie ihnen trauen? Was passiert da gerade in der Welt?"

    Solider, dichter, recht ruhiger Mystery-Thriller mit Horror-Elementen. Ich mochte es sehr, um Längen besser als Tremblays "Cabin at the End of the World", das ja auch mit einem ähnlichen Home-Invasion-Szenario beginnt. Ich habe Leave the World behind unter dem Aspekt des "allwissenden Erzählers" gelesen und fand die Art und Weise faszinierend, gerade in Anbetracht der Dinge, die nebenher passieren, von denen die Hauptcharaktere keine Ahnung haben. Die Diskussion um Rasse, Klasse, Status, etc. empfand ich als gut eingewoben, stand aber mMn nicht im Vordergrund. Ein paar Szenen fand ich echt beunruhigend, da hatte ich echt Spaß beim Lesen.

    Michel Faber – The Book of Strange New Things / Das Buch der seltsamen neuen Dinge

    "Der junge Pastor Peter Leigh wird auf die Reise seines Lebens geschickt: Er soll den Einwohnern eines fernen Planeten seinen Glauben näherbringen. Die Mission verlangt von Peter ein enormes Opfer, denn seine Frau Bea muss auf der Erde zurückbleiben und durchlebt dort eine schwierige Zeit. Noch nie in der Geschichte der Menschheit musste eine Liebe eine derart große Distanz überbrücken. Wird es gelingen?"

    Ich beschreibe es mal grob als ein Buch, das tiefgreifende Fragen über Liebe, Glauben, Kommunikation und den Platz der Menschheit im Universum erforscht und dabei Science-Fiction mit einem introspektiven menschlichen Drama verbindet...

    Es gibt drei grundsätzliche Settings in der Geschichte, die nicht unterschiedlicher voneinander sein könnten: unsere Erde, von deren Zustand Peter durch die Nachrichten seiner Frau erfährt, die USIC-Basis auf dem Planeten, die Peter eigentlich nur für die menschliche Interaktion, duschen, essen und schlafen nutzt und zuletzt seinen Platz in der Alien-Siedlung, wo er das Wort Gottes verbreitet und mithilfe der Einwohner eine Kirche errichtet.

    Die großen Themen des Buches sind: Glaube und Religion, Kultureller Austausch und Missverständnisse, Die Natur der Kommunikation, Liebe, Distanz und Entfremdung, Menschliche Verbundenheit im Angesicht der Krise, Kolonialismus und ethische Ausbeutung

    Ich mochte vor allem die Diskussion um das Thema Religion in einer komplett anderen Umgebung. Wo es (noch) nicht mal ausreichend Worte gibt, um Passagen aus der Bibel zu erklären, da sie Konzepte enthalten, die es in der Alien-Welt einfach nicht gibt. Ebenso fand ich das Thema Entfremdung aufgrund der Distanz zwischen Peter und Bea interessant. Während sie ihm von Zerfall und Niedergang schreibt, hat Peter mehr und mehr Probleme sich, auch als Geistlicher, in Bea's Situation zu versetzen und sich um die gleichen Dinge zu sorgen.

    Mit Ehemann und den zwei Kindern in einem schicken AirBnB-Ferienhäuschen irgendwo auf Long Island in tiefster Einöde. Keine Nachbarn und der nächste Supermarkt weit weit weg. Bestes Wetter, bester Pool im Garten, bestes Ferienfeeling.... und natürlich gaaanz schlechter Handyempfang ...

    Laura Purcell – The Corset / Das Korsett

    "Als ihre gemeinnützige Arbeit Dorothea Truelove zum Oakgate-Gefängnis führt, freut sie sich über die Gelegenheit, die Theorie der Phrenologie zu erforschen. Kann die Form des Schädels eines Menschen ein Licht auf seine dunkelsten Wesenszüge werfen? Doch als Dorothea die junge Schneiderin Ruth Butterham trifft, stellt sie sich ganz andere Fragen: Ist es möglich, mit Nadel und Faden zu töten? Denn Ruth schreibt ihre Verbrechen einer übernatürlichen Kraft zu, die ihren Stichen innewohnt. Die Geschichte, die sie über ihre tödlichen Kreationen zu erzählen hat – von Bitterkeit und Verrat, von Tod und Kleidern – wird Dorotheas Glauben an die Wissenschaft erschüttern. Ist Ruth verrückt? Nur ein Opfer? Oder eine eiskalte Mörderin?"

    Ein knackiger, fieser historischer Gothic-Thriller, der im viktorianischen England spielt. Die Geschichte wird abwechselnd von zwei Frauen erzählt: Ruth Butterham, eine 16-jährige Näherin, die wegen Mordes inhaftiert ist, und Dorothea Truelove, eine wohlhabende junge Frau, die im Rahmen ihrer Wohltätigkeitsarbeit Gefangene besucht. Ruth behauptet, dass ihre Näharbeiten übernatürliche Kräfte haben - insbesondere, dass die von ihr genähten Kleidungsstücke, vor allem Korsetts, denjenigen, die sie tragen, Schaden zufügen oder sogar zum Tod führen können. Dorothea, die sich für Phrenologie und die Erforschung krimineller Seelen interessiert, steht Ruths Behauptungen zunächst skeptisch gegenüber, wird aber zunehmend in ihre dunkle Geschichte hineingezogen.

    Ruth's Geschichte ist von Anfang bis Ende nicht ohne und steht in starkem Kontrast zu Dorotheas Welt, hieran werden vor allem die Themen Armut und Reichtum, der Klassenunterschied und das Rechtssystem erforscht. Ruth steht stellvertretend für die armen, minderjährigen, billigen Arbeitskräfte jener Zeit, die fortwährend Ausbeutung erfahren. Dorothea lebt ebenso in einer rigiden Welt mit festen sozialen Regeln, ihr Vater kontrolliert alles und dann ist da auch noch das Thema mit der mysteriös verstorbenen Mutter... Den übernatürlichen Aspekt der Geschichte mochte ich sehr, ab der Hälfte nimmt das Buch Fahrt auf und das Ende kam mit einigen Twists. Ich fand das Korsett im Tempo und Geschichte noch ein bisschen besser als Die stillen Gefährten, wobei letzteres aber wesentlich atmosphärischer ist.

    Kanae Minato – Confessions / Geständnisse

    Yuko Moriguchi ist alleinerziehende Mutter und Lehrerin an einer japanischen Mittelschule. Als die Umstände es nicht mehr anders zulassen, bringt sie einmal in der Woche ihre vierjährige Tochter mit in die Schule. Einige Schüler nehmen sich der kleinen Manami an, während Yuko an diesen Tagen einer regelmäßigen Lehrerkonferenz beiwohnen muss. Doch wenige Wochen später Manami stirbt auf dem Schulgelände, sie ertrinkt im Pool, weil sie im Bereich der Schwimmhalle den Hund der Nachbarn durch den Zaun füttern wollte. Ein tragischer Unfall, sagt die Polizei. Yuko jedoch, nachdem sich ihre Trauer in Wut gewandelt hat, sinnt auf Rache. Denn ihre Tochter wurde ermordet – von zwei Schülern in ihrer Klasse. Und jetzt ist der Tag, an dem sie gestehen wird, dass sie weiß wer und auch was diesen Schülern blüht.

    Huiuiui, ein bitterböses Buch, um Rache, Schuld, Trauma, die Folgen von Vernachlässigung und moralische Korruption. Schon sehr spezifisch für die japanische Kultur, dessen Schulsystem und die garstigen Dynamiken zwischen Schülern/Lehrern/Eltern. Das Buch hat 6 Kapitel und jedes beleuchtet Manami's Tod, wie es dazu kam und was danach geschah, aus der Sicht von Personen, die mehr der minder involviert waren und mit ihrem Tun oder ihrer Unterlassung die Katastrophe in Gang gesetzt haben. Yuko eröffnet und schließ das Tribunal, das Ende fühlt sich nach Genugtuung an, wenn auch moralisch total verwerflich.

    Jodi Picoult – The Book of Two Ways / Umwege des Lebens

    Dawn Edelstein befindet sich mitten auf dem Heimflug zu ihrem Mann und ihrer Tochter, als das Bordpersonal Sicherheitsmaßnahmen einleitet, die Passagiere anweist sich anzuschnallen und auf eine Bruchlandung vorzubereiten. Dawn überlebt die Katastrophe, in den furchtbarsten Momenten ihrer größten Angst jedoch denkt sie nicht an ihren Mann und ihre Tochter, sondern an den Menschen, den sie 15 Jahre zuvor verlassen musste. Archäologe Wyatt Armstrong, der immer noch in Ägypten Ausgrabungen leitet und mit dem sie eine intensive Vergangenheit verbindet. Dawn muss sich am Absturzort entscheiden, ob sie nach Boston zu ihrer Familie oder nach Kairo fliegt. Dawn stellt sich die Frage, was wäre gewesen wenn. Wer wäre sie heute, hätte sie sich vor 15 Jahren anders entschieden...

    Grundsätzlich arbeitet das Buch mit zwei Zeitebenen, ähnlich dem altägyptischen "Zweiwegebuch ins Jenseits", das die zentrale Metapher für die Geschichte darstellt. Der Wasserweg (Boston) beschreibt Dawns jetziges Leben als Sterbebegleiterin mit Ehemann Brian und Tochter Meret, der Landweg (Ägypten) beschreibt Dawns Rückkehr zu Wyatt und den Ausgrabungsstätten, an denen sie einst zu Studienzeiten mit ihm als Mentor "Das Buch der zwei Wege" studiert hat. Eingewoben darin Erinnerungen an die Vergangenheit sowie eine fortschreitende Sterbebegleitung einer ihrer Patientinnen. Am Ende "fließt alle Zeit (mit allen Enthüllungen) zusammen" und Dawn muss sich entscheiden, wer sie ist und wer sie sein will.

    Die großen Themen des Buches sind Wahlmöglichkeiten und alternative Leben, Leben, Tod und Sterblichkeit, Das Leben nach dem Tod, Bedauern und die nicht eingeschlagenen Wege, Liebe und Beziehungen, Identität und Selbstentdeckung. (Content Warning ist glaube ganz sinnvoll, es geht wirklich viel um den Tod, in all seinen Facetten und aus allen Perspektiven, Dawn's Arbeit als Sterbebegleitung kann einem ganz schön in die Nieren gehen)

    Der Schreibstil (der englischen Version) ist fantastisch, herzzerreißend, traurig, tiefgründig, melancholisch, bisweilen leichtherzig und lustig, immer sehr dicht bei den Charakteren, nie unglaubwürdig oder überzogen und generell tief geerdet. Ich mochte beide Erzählstränge gleich gern, die schiere, fassbare Komplexität von Dawns Beziehungen mit ihrem Mann und ihrer Teenager-Tochter sowie ihrem Bruder Kieran sind spannend und nachvollziehbar, die Narrative in und um Ägypten, die Ausgrabungen, das heiße Land, die Menschen, Wyatt, die Sarkophage und Mumien, sind dank perfekter "Show, don't tell"-Manier problemlos vorstellbar.