Auf Schleppleine verzichten wir aktuell. Zum einen, weil Bolti Geschirre haßt, und zum anderen, weil der Trainer, nachdem ich aktuell arbeite, von ihnen abrät.
Was ist denn da die Begründung des Trainers für?
Da er aber vor allem in letzter Zeit, seit er noch mehr an der Leine (bei Leinenfreizeit: 3m, bei Leinenführigkeitsübung: knapper Meter) gehen muß, ständig wie der Blitz zur Seite nach Mäusen springt, statt zu schnüffeln, gestaltet sich das echt schwierig…
Ich will mich da jetzt nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Wie gesagt, mit Islandhunden kenne ich mich nicht so aus. Aus meiner Perspektive mit Mudi-Mix (hier klang ja an, dass die sich recht ähnlich seien) würde ich aber vermuten, dass das Jagen eigentlich gar nicht das Problem ist. Ich kenne es zumindest von meinem so, dass der bei Stress auf jeden Jagdreiz anspringt: Wild, Mäuse, Autos, Fahrradfahrer, Vögel, Schmetterlinge, Fliegen, wehende Blätter - die Liste ist lang. Wenn derselbe Hund entspannt ist, beschränkt sich sein Jagdtrieb aber auf "das 5 Meter entfernten Reh verdutzt angucken und dann beim Wegrennen beobachten". Jagdverhalten hat nicht immer was mit überbordendem Jagdtrieb zu tun. Gerade bei Hüterlis ist das oft nur ein Ventil für ihren Stress.
Und wenn ich dann lese, dass der Hund kaum freie Bewegung bekommt und eigentlich dauerhaft an ner recht kurzen Leine hängt (wenn ich das richtig verstehe?), dann verstärkt das meine Vermutung sehr. Weil kurze Leine ist - ob leinenführig oder nicht - brutal anstrengend für einen Hund. Entweder er soll leinenführig laufen und dann ständig an dir orientiert sein oder er braucht zwar nicht leinenführig laufen, aber erlebt einen Frust nach dem anderen, weil er ständig irgendwo nicht ran kommt, wo er jetzt gerne hin will. Das schlaucht Hunde - und so stresssensible Kandidaten erst recht.
Wobei ich die Erfahrung gemacht habe, daß er sich an der Schleppleine (also wenn ich kein Programm biete) eben wieder voll in den Mäuselrausch steigert, was ja eben auch wieder Kopfarbeit ist…
Es ist natürlich irgendwo ne Gradwanderung (wenn so ein Islandhund ansatzweise ähnlich meinem Mudi-Tier ist: Gewöhn dich schon mal dran
).
Aber nen Hund, der durch viele kleinen Dinge zu viel Frust im Alltag erlebt und der zu viel Impulskontrolle aufbringen muss als er leisten kann, den kriegst du durch Begrenzungen, die noch mehr Frust erzeugen, nicht ruhiger. Da befindest du dich eher in einer Abwärtsspirale. Hund hat Druck im Kopf - du begrenzt - Hund hat noch mehr Druck im Kopf - du begrenzt noch mehr usw.
Versuch doch mal, dich gedanklich von Kopfarbeit als "der Hund löst Aufgaben" zu verabschieden. Klar ist Mäuseln auch irgendwo Kopfarbeit, klar pusht das und klar sollte er sich da nicht reinsteigern (und es am Besten irgendwann ganz lassen).
Aber es ist meiner Erfahrung nach trotzdem ein Unterschied, ob Kopfarbeit überwiegend positive Gefühle auslöst oder ob es für den Hund einfach nur frustrierend und anstrengend ist. Auf lange Sicht solltest du natürlich beides in den Griff kriegen - für jetzt gerade sehe ich aber bei letzterem die deutlich größere Baustelle.
Also ganz kurz zusammengefasst: Ich würde schauen, wo dein Hund gerade Frust erlebt und/oder sich zurücknehmen muss und das mal überdenken. Gar nicht unbedingt im Training, sondern vor allem im Alltag.