Es gibt auch bei Hunden mit Angst-Problematik eine ganze Bandbreite an Charakteren. Viele brauchen einfach ganz viel Zeit und Geduld, damit sie irgendwann von selbst Fortschritte machen. Aber es gibt tatsächlich auch Hunde, die sich, wenn man sie lässt, so dermaßen in ihre Vermeidungsstrategien reinsteigern, dass sie von selbst nie Fortschritte machen würden. Wenn man einem solchen Hund die Gelegenheit gibt, mit seiner Vermeidungsstrategie Erfolg zu haben, führt das viel eher dazu, dass er vor immer mehr Sachen die Bremse reinhaut und sich immer früher und vehementer verteidigt, einfach nur, weil er es kann. Also ja, es gibt durchaus Hunde mit Angstthematik, die neben Einfühlsamkeit auch eine gewisse Geradlinigkeit, deutliche Regeln, Grenzen und sanften Zwang brauchen, um Fortschritte zu machen. Allerdings muss man da schon auch der Typ Mensch für sein, das so klar und emotionslos rüberzubringen, ohne ein riesen Mitleid auszustrahlen. Könnt ihr das?
Davon abgesehen verstehe ich nicht so ganz, warum ihr so ein Problem im Maulkorb seht. Die Leute dort kennen ihre Hunde in der Regel sehr gut. Und die wissen auch, dass ein Maulkorb auf dem Hund die Vermittlungschancen nicht unbedingt steigert. Das Tierheim wird die Hündin also nicht aus Jux und Tollerei mit Maulkorb ausstaffieren, da wird es mit Sicherheit schon Vorfälle in die Richtung gegeben haben. Wieso die geschehen sind, ist dann auch erstmal egal, kein halbwegs gutes Tierheim wird da ein Risiko eingehen. Stell dir mal vor, am Ende bekommt die Hündin, von der von Anfang an gesagt wurde, dass sie bissig sei, Auflagen, weil sie - Überraschung - tatsächlich bissig war. Wie gut die Vermittlungschancen dann noch stehen, kann man an einer Hand abzählen.
Und mit den allermeisten Maulkörben kann man einem Hund übrigens wunderbar Leckerlies geben. Braucht halt ein bisschen Übung. Aber da müssten die Tierheim-Mitarbeiter euch beraten können, die müssten da entsprechende Erfahrungen mit haben.
Ich sehe die größte Schwierigkeit in eurer Situation tatsächlich darin, dass ihr der Einschätzung des Tierheims nicht so recht zu vertrauen scheint. Dabei scheinen eure Einschätzungen des Hundes doch gar nicht so weit auseinander zu liegen. Bei dem, was du schreibst, kann ich mir auch vorstellen, dass ihr einfach etwas aneinander vorbei redet. Ich kenne es hier vor Ort: Die Mitarbeiter sind im Stress, haben einen Haufen Arbeit, müssen zwanzig Dinge gleichzeitig im Kopf haben. Da ist beim kurzen Plausch mit irgendeinem Gassigänger meist gar nicht die Zeit, um die Persönlichkeit irgendeines Hundes umfassend zu analysieren und zu erklären. Wenn du ehrliches Interesse an der Meinung des Tierheims hast und mehr über die Gründe, wieso das Tierheim diese Hündin so einschätzt, erfahren möchtest, würde ich dir deshalb raten, einfach mal einen Termin auszumachen, um genau das ganz in Ruhe zu besprechen. Dann kannst du immer noch entscheiden, ob du diesen Weg weiter gehen möchtest oder nicht.