Ach je, ich denke, da kommt gerade einiges zusammen bei dir. Ein pubertierender Retriever allein kann schon Nerven kosten, aber in Kombination mit einer Trennung, Umzug und allem drum und dran ist das einfach wirklich viel.
Kann es sein, dass es gar nicht unbedingt am Hund liegt, sondern an der Gesamtsituation?
Ich mein, dein Leben und deine Zukunftspläne wurden vor nichtmal 5 Monaten vermutlich einmal ordentlich über den Haufen geworfen. Plötzlich musst du dich neu orientieren, neue Ziele suchen, dich in einer neuen Umgebung und einem neuen Alltag zurechtfinden und bist dazu noch allein für ein ziemlich forderndes Hundekind verantwortlich, obwohl das wahrscheinlich nie so geplant war. Dass das alles zusammen sehr belastend ist, ist meiner Meinung nach total verständlich. Und ich finde, da darf man auch mal überfordert sein. Mit dem Hund, mit dem eigenen Leben und mit den Gefühlen.
Deshalb mal ab von der aktuellen Situation: Kannst du dir grundsätzlich vorstellen, in Zukunft allein für einen Hund verantwortlich zu sein? Also unabhängig von den aktuellen Themen, die dein Hund mitbringt?
Einen Hund als Einzelperson zu halten ist natürlich Mehrarbeit. Klar, man hat Freunde, die einem mal was abnehmen können, aber das geht halt auch nur mit entsprechender Planung und letztendlich bleibt doch die meiste Arbeit an einem selbst hängen.
Weniger offensichtlich, aber umso zentraler finde ich jedoch die (un)geteilte Verantwortung. Man ist halt nicht mehr als Team, sondern allein für alles verantwortlich. Da ist niemand, an den man einen Teil der Verantwortung abgeben kann, der mit einem gemeinsam an einem Strang zieht oder der bei Problemen, sei es erziehungstechnisch oder gesundheitlich, „mit im Boot“ sitzt.
So eine alleinige Verantwortung kann eine Chance sein, zu wachsen. Oder sie kann einem einfach „zu viel“ sein. Das kann dir hier niemand beantworten, sondern musst du für dich selbst ausloten, liebe @TE.
Wenn du sagst, du möchtest das langfristig wirklich nicht, dann kontaktiere zügig den Züchter und sprich mit ihm über eure Situation.
Wenn deine Erkenntnis ist, dass du das eigentlich schon leisten wollen würdest, wären nur die aktuellen (durchaus einschränkenden) Themen nicht: Dann gib nicht zu früh auf. Denn die Themen, die du nennst, sind für mich speziell in eurer Situation nichts, was man nicht mit etwas Wohlwollen, Geduld und gutem Training in den Griff bekommen kann.
Sieh mal: Diese ganze Umstellung der letzten Monate war sicher nicht nur für dich belastend, sondern auch (wenn nicht sogar noch viel mehr) für deinen Hund. Der musste auch umziehen. Der hat auch eine Bezugspersonen verloren und wurde aus seinem gewohnten Umfeld und Alltag gerissen. Sogar zweimal. Und jetzt hat er ein Frauchen im Gefühlschaos, das total gestresst, unglücklich, überfordert und verzweifelt ist - und versteht nicht mal, wieso. Und das alles in einer Lebensphase, in der er nicht mal weiß, wer er selbst wirklich ist und wie das Leben funktioniert.
Dass er da an dir klammert, gestresst ist und auch mal aggressiv reagiert, finde ich gar nicht so überraschend. Wahrscheinlich seid ihr gerade beide ordentlich überfordert mit der Welt und pusht ihr euch da unabsichtlich gegenseitig hoch. Und aus der Spirale müsst ihr raus kommen.
Mein erster Schritt wäre deshalb, gemeinsame Quality Time zu verbringen. Ganz ohne Anforderungen an den Hund oder dich. Einfach etwas, bei dem keiner von euch funktionieren muss und was euch beiden Spaß macht. Vielleicht ein gemeinsamer Ausflug? Tricks üben? Ein Kurs in der Hundeschule?
Im zweiten Schritt würde ich mir einen Trainer suchen, der sehr positiv arbeitet. Nicht weil ich prinzipiell gegen aversives Training bin, sondern weil der Fokus auf Strafen, wenn ihr eh schon in so einer Stress- und Negativspirale seid, echt kontrapruduktiv sein kann. Wenn du eh schon geladen bist, rutschen da nämlich schnell auch negative Emotionen mit. Und negative Emotionen sind genau das, was ihr beide gerade nicht braucht. Sucht dir lieber jemanden, der dich mit seiner super positiven und wohlwollenden Einstellung dem Hund gegenüber ansteckt und euch ganz kleinschrittig zu neuen Erfolgserlebnissen verhilft. Das ist vielleicht nicht auf Dauer das einzig Wahre, aber für jetzt gerade meiner Meinung nach der bessere Weg.
Und ansonsten: Sei nachsichtig mit dir und mit deinem Hund. Ihr habts gerade wahrscheinlich beide nicht leicht.