Für mich gibt es keine „Must Reads“. Ob ein Buch passt oder nicht, muss jede für sich entscheiden. Außerdem hängt es für mich auch sehr von der jeweiligen Lebensphase ab, in der ich die Bücher lese, ob sie bei mir „andocken“ oder nicht. Der „Herr der Ringe“ hat mir seinerzeit vermutlich den Allerwertesten gerettet und wird für mich immer die wichtigste Leseerfahrung in meinem Leben sein. Auch wenn ich objektiv betrachtet Besseres gelesen habe.
Trennung von Künstler und Werk: Das ist für mich komplex. Wenns um Lesen zum Wissenserwerb geht, lese ich durchaus bewusst Bücher von Denkern, die mich abstoßen. Während des Studiums habe ich „Mein Kampf“ gelesen und mich durch den kompletten „Untergang des Abendlands“ gequält
, gerade neulich habe ich mir das „Okkulte Denken“ von Nick Land vorgenommen.
Emotional macht es mir dann schon etwas aus, wenn ich herausbekomme, dass im belletristischem Bereich jemand gegen mein Moralempfinden lebt. Wenn ich es mitbekomme. Da ich weder Zeitschriften lese noch Magazine gucke, ist das meistens sehr spät, wenn überhaupt. Es sorgt aber nicht dafür, dass ich ein von mir als gut empfundenes Buch im Nachhinein umdefiniere.
Bei Rowling habe ich den Bonus, dass mich Harry Potter ab Band 4 nicht mehr mitgerissen haben und auch die Bücher unter dem Pseudonym Galbraith stark nachgelassen haben. Und die Filme brauche ich eh nicht, bin kein Filmfan.
Bei Neil Gaiman tut es mir mehr weh. Da bin ich für mich auch noch nicht zu einem endgültigem Schluss gelangt, aber derzeit nehme ich von weiterem Erwerb seiner Bücher Abstand. Gleiches gilt für Sergej Lukianenko, dessen Unterstützung von Putin für mich indiskutabel ist.
Ganz schlimm finde ich es, wenn sich für mich fragwürdige Ansichten dann direkt in Werk ausdrücken. So hat es mir Dan Simmons verhagelt, obwohl seine Hyperion Bücher für mich immer noch mit das Beste sind, was es im Bereich Science Fiction gibt.
Mir fällts aber extrem schwer, mich in einer „So Jemanden darf man auf keinen Fall unterstützen!“ Haltung wiederzufinden. Objektiv betrachtet unterstütze ich direkt oder indirekt durch mein bloßes Leben hier in diesem Staat und diesen Wirtschaftsverhältnissen so viele Sachen, die ich menschlich widerwärtig finde und das wird weiter zunehmen. Ich hab daher nicht die Selbstgewissheit für verbindliche moralische Urteile über Menschen, die gerade aktuell in der Kritik stehen.
Die Grenze bleibt für mich also emotional und individuell. Und schwierig.