Große Aufregung vor jedem Spaziergang

  • Erste Regel ist ja nun mal: Unter Stress klappt es nicht mit dem Lernen.

    Der Hund hat massiven Stress, also kannst du in der Situation gar nix machen. Man müsste (leicht gesagt aus der Ferne) grundsätzlich an dem Thema Stress arbeiten.

    Aber in der Situation selbst würde ich gar nix üben wollen. Am besten das Stress-Muster durchbrechen, Auslöser erst mal minimieren. Wenn es so schlimm für ihn ist, dass die anderen vor ihm dran sind, warum muss das dann so sein? Geh doch mit ihm zuerst, und gut ist. Warum muss er unbedingt warten?

    Wäre das ein Junghund - aber so?

    In meiner Erfahrung legt sich sowas nicht, wenn man einen großen Wind drum macht, sondern am ehesten, wenn man es akzeptiert - erst dann ist der Mensch in der Lage wirklich kleine Schritte zu machen und nicht zu viel zu wollen.

    Und um Gottes Willen , auch mit dem Clicker nicht da direkt drangehen, sondern einfach mal schauen, ob du über den Clicker in völlig anderem Kontext einen Zugang zu ihm findest. Das kann dir irgendwann auch bei dem Warte-Problem helfen - vielleicht.

    Mich erinnert das an die Arbeit mit einem "Kleber" - so nennt man Pferde, die nicht vom Stall bzw. den anderen Pferden wegwollen. Das ist extrem langwierig, und jeder Druck und Frust macht es sofort wieder schlimmer.

  • @wilderbse, vielen lieben Dank. Eni und ich, wir kämpfen schon lange, haben uns aber immer wieder zusammengerauft. Er ist ja erst mit knapp sieben Jahren zu mir gekommen, jetzt ist er neun.
    Er kann nichts für sein Verhalten, das halte ich mir immer wieder vor Augen. Er tuts ja nicht mit Absicht, sondern weil er nicht anders KANN.

    Erste Regel ist ja nun mal: Unter Stress klappt es nicht mit dem Lernen.

    Der Hund hat massiven Stress, also kannst du in der Situation gar nix machen. Man müsste (leicht gesagt aus der Ferne) grundsätzlich an dem Thema Stress arbeiten.

    Eneas ist schnell überfordert, wenn er seinen Grips betätigen muss.
    Was Ares, Phelan und Zaidit mit Leichtigkeit lernten/lernen, ist für ihn mühsam. Mit meiner damaligen Trainerin gab es einige interessante Situationen, die zeigten, wie schwer er sich tut.
    Auf diese Weise mach ich es ohnehin nicht mehr. Mich plagt jetzt noch das schlechte Gewissen.

    Wenn es so schlimm für ihn ist, dass die anderen vor ihm dran sind, warum muss das dann so sein? Geh doch mit ihm zuerst, und gut ist. Warum muss er unbedingt warten?

    Wäre das ein Junghund - aber so?

    In meiner Erfahrung legt sich sowas nicht, wenn man einen großen Wind drum macht, sondern am ehesten, wenn man es akzeptiert - erst dann ist der Mensch in der Lage wirklich kleine Schritte zu machen und nicht zu viel zu wollen.

    Mir ging es eher darum, Eneas zu vermitteln: nö, du kriegst jetzt nicht deinen Willen und kommst als erst raus.
    Mich hat das Verhalten nie wirklich gestört, nur als sich ein paar Mal so sehr hineingesteigert hat, dass er zitternd und kreischend vor mir stand, wollte ich es angehen.
    Ich akzeptiere und mag ihn so wie er ist. Es gibt nur einen Bereich, in dem sich noch was tun MUSS, aber das ist eine andere Geschichte.
    Ich will uns beiden nur das Leben etwas leichter machen.

  • Mir ging es eher darum, Eneas zu vermitteln: nö, du kriegst jetzt nicht deinen Willen und kommst als erst raus.

    Ich glaube, dass ist genau die falsche Denke bei so einem Hund.

    So macht man die Situation zu einer Konfrontation, und das stresst den Hund nur noch mehr.

    Ich glaube einfach nicht, dass Hunde so ticken "Ich will jetzt als erstes raus". So kompliziert denken Hunde doch nicht. Und warum auch?
    Der ist einfach unter Stress, warum auch immer, und dann kommt der Stress mit dir oben drauf. Also wird di Situation von mal zu mal negativer und stressiger.

    Wenn er zuerst dran ist, ist er dann ok, wenn du mit den anderen danach gehst?

  • Hast du die Möglichkeit, den Hund örtlich gar nicht erst in die Situation kommen zu lassen? Konkret meine ich damit, dass, wenn du die Hunde zum Beispiel immer im Eingangsbereich fertig machst, du das jetzt bei Eneas woanders hin verlagerst und den Eingangsbereich zur Tabu-Zone erklärst. Ich würde Eneas auch nicht mehr erlauben, beim Fertigmachen der anderen Hunde zuzuschauen, sondern das möglichst nicht sichtbar für ihn zu machen.

    Grund dafür wäre, ihm so noch eine Brücke zu bauen, um aus diesem ritualisierten Verhalten herauszukommen, indem eben keine örtliche Verknüpfung mehr besteht.

    Ansonsten würde ich auf kleinschrittiges Desensibilisieren setzen und zwar bei allen Hunden. Und das ist wirklich viel Arbeit, aber ich würde wirklich damit anfangen, bei allen Hunden Leine dran, Leine wieder ab und es passiert nichts. In verschiedenen Konstellationen, mal werden die anderen beiden angeleint, mal einer von ihnen, mal Eneas.
    Solange, bis der Vorgang für alle super entspannt ist und Eneas nicht mehr in so ein massives Stressverhalten hochfährt.

    Würde dann schrittweise den Abstand zum Eingangsbereich verringern, also die Tür mal einen Spalt auflassen, einen Schritt näher rangehen und so weiter.

    Ruhiges Verhalten würde ich immer ruhig loben, sobald Eneas ein Stresslevel besitzt, bei dem er ansprechbar und lernbereit ist, würde ich ihm auch durchaus mal verbal eine Grenze setzen, wenn er sich reinsteigert und gucken, wie er reagiert.

  • Von tierärztlicher Seite wurde aber alles abgeklärt, oder?

    Ja, Eneas hat "nur" unspezifische Rückenprobleme, die wir aber mit regelmäßigen Osteopathieeinheiten gut in den Griff bekommen haben.
    Hand aufs Herz: Eneas ist auch ein unabhängiger Hund, der wenig Interesse an der Zusammenarbeit mit dem Menschen hat. Könnte er nach Lust und Laune durch die Wälder streifen und Wild reissen, wäre er glücklich. "Dumm" ist er ja nicht, nur etwas begriffsstutzig.

    Ich glaube, dass ist genau die falsche Denke bei so einem Hund.

    So macht man die Situation zu einer Konfrontation, und das stresst den Hund nur noch mehr.

    Ich glaube einfach nicht, dass Hunde so ticken "Ich will jetzt als erstes raus". So kompliziert denken Hunde doch nicht. Und warum auch?
    Der ist einfach unter Stress, warum auch immer, und dann kommt der Stress mit dir oben drauf. Also wird di Situation von mal zu mal negativer und stressiger.

    Wenn er zuerst dran ist, ist er dann ok, wenn du mit den anderen danach gehst?

    Ich weiß es nicht...mir hat eine Trainerin das eingebläut. Ihm Regeln und Grenzen setzen, warten lassen, nicht nach seiner Pfeife tanzen...blablabla. Das hat uns weitergebracht, seither hat sich vieles verbessert.
    Wenn Eneas zuerst dran war, ist es besser, ja.

    Ansonsten würde ich auf kleinschrittiges Desensibilisieren setzen und zwar bei allen Hunden. Und das ist wirklich viel Arbeit, aber ich würde wirklich damit anfangen, bei allen Hunden Leine dran, Leine wieder ab und es passiert nichts. In verschiedenen Konstellationen, mal werden die anderen beiden angeleint, mal einer von ihnen, mal Eneas.
    Solange, bis der Vorgang für alle super entspannt ist und Eneas nicht mehr in so ein massives Stressverhalten hochfährt.

    Die anderen Hunde sind i.d.R. ruhig. Oft muss ich sie sogar abholen, da sie noch dösend in ihren Betten liegen. Es ist nur der Eneasl, der tobt und sich kaum einkriegt.
    Vielen lieben Dank für deinen Beitrag, Grisa! Ich habe lange gegrübelt und ich werde mit Eni einfach zuerst rausgehen. Solange er sich nicht zu sehr reinsteigert, ist es ja gut. Der kreischt seit neun Jahren...jamei, dann soll er halt kreischen.
    Zaidit und Phelan sind entspannt. Gott sei Dank hat sich keiner das von Eneas abgeguckt od. lässt sich davon anstecken...

  • Ich finde es total nett, wie viele Gedanken du dir machst und wie viel Mühe, drauf zu kommen, wie du die Situation verbessern kannst - echt super! Dass du mit ihm zuerst raus gehst, finde ich auch für euch beide besser und das vorgeschlagene, ganz behutsame Desensibilisierungsprogramm hört sich auch voll toll an.
    Ich wünsche dir, dass du einen guten Weg findest, dem Eneas begreiflich zu machen, was du von ihm willst, das war bei meiner Duna auch bisher immer am schwierigsten. Kaum habe ich das geschafft, haben die unterschiedlichsten Dinge meist sofort funktioniert.
    Vielleicht berichtest du gelegentlich mal, wie es so weiter geht, das würde mich freuen.
    Und kraul ihn unbedingt von mir :herzen1:

  • Ja, Eneas hat "nur" unspezifische Rückenprobleme, die wir aber mit regelmäßigen Osteopathieeinheiten gut in den Griff bekommen haben.

    Bei den Stichworten "nicht bzw. nicht gut lernen können" und "schnelle Überforderung durch Eindrücke" bin ich hellhörig geworden, deshalb meine Frage. :smile:
    Hier hilft es, wenn ich jegliches Aufdrehen bereits sehr früh abfange. Beginnend damit, dass die Spaziergänge nicht erst dann gemacht werden, wenn mein Hund bereits dringend raus muss, über einen ganz ruhigen Aufbruch.
    Wenn ich einfach aufstehe, meine Jacke anziehe, den Hunden die Chance gebe, umherzulaufen, sie zu mir rufen muss, um ihnen die Geschirre anzuziehen, zur Tür gehe und sie anleine, fährt mein Rüde hoch und kommt draußen auch nicht mehr runter, weil dort alles noch viel aufregender ist. Das Umherlaufen meiner Hündin, das Klappern der Marken, Berührungen mit der Leine und die Möglichkeit, selbst hin und her zu laufen (und bei mir, meiner Hündin oder an der Tür ganz leicht "anzustoßen"), bevor es losgeht, stressen ihn schon zu sehr und er hat anschließend Probleme mit der Leinenführigkeit und eine kurze Zündschnur, weil sich die Aufregung potenziert.

    Setze ich beide Hunde in ihren Körben ab, ziehe die Geschirre ganz ruhig getrennt an, bestätige das Warten unaufgeregt und engmaschig (Korb, Tür, Anleinen, Stopps auf dem Weg zur Straße), lasse beide Hunde mit ein wenig Abstand laufen und halte seine Aufmerksamkeit konstant bei mir, bleibt er ruhig, aufmerksam und ist leinenführig und entspannt.
    Oft lasse ich beide Hunde direkt vor der Tür auch noch 2-3 Stückchen Trockenfutter suchen, bevor es losgeht, damit der Hibbel in Gedanken nicht schon zwei Schritte weiter ist, sondern sich auf das Hier und Jetzt konzentriert.

    Insgesamt verlaufen die Spaziergänge hier immer so, wie sie starten.
    Clickern könnte ich den ruhigen Aufbruch nicht. Der Clicker ist für meinen Hibbel mit positiver Erwartungshaltung und hoher Konzentration verbunden. Bei einem Click während des Aufbruchs würde ihm deshalb ebenfalls das Hirn wegfliegen. Mit gutem, aber nicht zu hochwertigem Futter und einer leisen und ruhigen Stimme funktioniert es hingegen sehr gut.
    Ebenso würde Desensibilisierung nicht funktionieren, weil die Neigung zum schnellen Hochfahren nicht ausschließlich erlernt, sondern auch ein ganzes Stück individuelle Veranlagung ist, die ich nicht wegtrainieren kann. Das wäre ähnlich, als würde ich darauf setzen, dass der Jagdtrieb verschwindet, wenn sich meine Hunde nur lange genug flüchtende Hasen und Rehe angucken.

  • Ich weiß es nicht...mir hat eine Trainerin das eingebläut. Ihm Regeln und Grenzen setzen, warten lassen, nicht nach seiner Pfeife tanzen...blablabla. Das hat uns weitergebracht, seither hat sich vieles verbessert.

    Ja klar - BEVOR der Hund in der Stresslage ist. Oder in anderen Situationen, in denen nicht Stress das Problem ist.

    Regeln ist ja auch was anderes als Konfrontation.

    Clickern könnte ich den ruhigen Aufbruch nicht. Der Clicker ist für meinen Hibbel mit positiver Erwartungshaltung und hoher Konzentration verbunden. Bei einem Click während des Aufbruchs würde ihm deshalb ebenfalls das Hirn wegfliegen. Mit gutem, aber nicht zu hochwertigem Futter und einer leisen und ruhigen Stimme funktioniert es hingegen sehr gut.

    Ich würde auch nicht versuchen, diese Situation zu clickern, sondern den Clickern halt allgemein nutzen, um den Hund zum "Denken" zu bringen.
    Mit einem Stresshund würde ich ausschließlich Ruhe-Übungen klickern, nix mit viel Aktivität. z.B. Blickkontakt.

    Aber wenn er als erster ruhiger ist, würde ich das so machen, und ganz langsam desensibilisieren, Erwartungen abbauen, die Ortsverknüpfung aufheben - das gabs ja tolle Tipps hier.

  • Bei den Stichworten "nicht bzw. nicht gut lernen können" und "schnelle Überforderung durch Eindrücke" bin ich hellhörig geworden, deshalb meine Frage.

    In welche Richtung hast du denn da gedacht? Schilddrüse...?

    Wenn ich einfach aufstehe, meine Jacke anziehe, den Hunden die Chance gebe, umherzulaufen, sie zu mir rufen muss, um ihnen die Geschirre anzuziehen, zur Tür gehe und sie anleine, fährt mein Rüde hoch und kommt draußen auch nicht mehr runter, weil dort alles noch viel aufregender ist. Das Umherlaufen meiner Hündin, das Klappern der Marken, Berührungen mit der Leine und die Möglichkeit, selbst hin und her zu laufen (und bei mir, meiner Hündin oder an der Tür ganz leicht "anzustoßen"), bevor es losgeht, stressen ihn schon zu sehr und er hat anschließend Probleme mit der Leinenführigkeit und eine kurze Zündschnur, weil sich die Aufregung potenziert.

    Kommt mir bekannt vor, so ähnlich läufts es hier auch ab...Eneas hilft es, wenn ich ihn im noch ruhigen Zustand auf seinem Platz od. auf der Couch anleine und wir dann direkt rausgehen.

    Danke für deinen Beitrag, @Juno2013! Auch von dir kann ich einiges mitnehmen. In solchen Situationen lässt er sich nur auf sehr hochwertiges Futter ein, TF zB frisst er dann nicht- keine Zeit...nach zehn Minuten ungefähr ist er wieder im hier und jetzt.
    Loben muss ich ihn an dieser Stelle trotzdem: er gibt sich Mühe mit der Leinenführigkeit, zieht nicht und reagiert auf Ansprache.
    Ich lasse es nicht mehr soweit kommen, dass er mir vor der Haustüre fast zusammenklappt.

    @frauchen07, Dankeschön für deine Beiträge!

    Ja klar - BEVOR der Hund in der Stresslage ist. Oder in anderen Situationen, in denen nicht Stress das Problem ist.

    Ich erinnere mich an ihre vorwurfsvollen Worte, als ich ihr erzählt habe, dass Eni fiebt, bevor ich mit ihm rausgehe:
    "Du gehst aber nicht nur mit ihm zuerst raus, nur weil er unbedingt will, oder?!"
    Sie hat mir ans Herz gelegt, Eneas warten zu lassen- schließlich soll es nicht nach seiner Nase gehen...

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