Häufiges Gähnen beim Hund: Stress od. Beschwichtigungsgeste?

  • Hallo!
    Gähnen beim Hund hat, wie schon vielfach richtig geantwortet, mehrere Bedeutungen und ist Situationsabhängig. Folgendes ist für dich wichtig, wenn du wissen willst, ob du deinen Hund gerade überforderst und er aus Stress als Übersprungshandlung gähnt:

    Gähnt dein Hund mehr als 1x in der Minute?
    Ist das Gähnen vermehrt beim Training, in bestimmten Situationen beim Gassi (fremde Umgebung, laute Gegend, viele Menschen/Hunde/Eindrücke)?
    Gähnt der Hund vielleicht im Kombination mit kratzen, putzen oder schütteln (alles mögliche Übersprungshandlungen)?
    Gähnt er, wenn er gerade ein Kommando ausführen soll, beim freudigen "begrüßen" nach dem alleine sein usw.?
    Sind die Ohren angelegt und ist die Kopf- und Körperhaltung eher leicht gebücht, statt aufrecht und selbstbewusst?

    Das alles sind weitere Hinweise. Mit der Zeit wirst du besser unterscheiden können, wann dein Hund Stress empfindet. Nicht immer ist es Schuld des Herrchen, denn Stess kann alles verursachen. Versuche dann Ruhe in deinen Hund zu bekommen und z.B. "Ruheleine" zu üben: In verschiedenen Situationen (von Reizarm bis Reizstark) die Leine auf den Boden zu legen, sich drauf zu stellen, hinzusetzen und nichts zu tun. Und das so lange, bis der Hund entspannt. Leine auf den Boden heißt dann immer: Wir beleiben jetzt hier, kein Grund zur Aufregen, du kannst runter kommen und dich ausruhen.

  • Man sollte erstmal unterscheiden, ob alleine oder in Gesellschaft gegähnt wird.

    - Gähnen kann eine Übersprungshandlung darstellen
    - Gähnen kann aufgrund von Müdigkeit auftreten
    - Gähnen kann zum Druckausgleich im Mittelohr dienen
    - Sauerstoffmangel weiß ich gar nicht, war mal eine bestimmte Zeit in aller Munde....wenn ich das
    richtig verstanden habe, geht es v.a. Dingen darum "das Hirn abzukühlen"
    - wichtig sind in dem Zusammenhang auch die sogenannten "Spiegelneurone" und damit auch die
    Empathie einen Lebewesens.

    und und und und...

    Hier ein Auszug aus einem Artikel, den ich passend finde:

    Zitat

    Um das bloße Nachäffen der Gähnbewegung auszuschließen, spielte die Verhaltensforscherin den Hunden lediglich Gähngeräusche vor, sowohl von Fremden als auch von ihren Haltern.

    Der unbekannte Gähnsound ließ die meisten Hundeprobanden kalt. Gähnte hingegen das eigene Herrchen oder Frauchen, reagierten sie fünfmal häufiger mit Gegengähnen.

    Karine hält dieses Ergebnis für ein Indiz, dass Hunde ihrem Besitzer Empathie entgegenbringen. Sie plant, mit Hilfe von Gähntests besonders empathische Hunde auszuwählen, um sie als Therapiehunde einzusetzen.

    Neben Mitgefühl gibt es noch eine andere Erklärung für das Gähnphänomen. Vielleicht ahmen die Hunde nur nach, was sie vor ihrem geistigen Auge sehen. Es ist bekannt, dass sie sich zur Stimme ihres Besitzers das passende Gesicht vorstellen können.

    Aus der Süddeutschen Zeitung, LINK: http://www.sueddeutsche.de/wissen/verhalt…de-an-1.1353434

    Und ein Artikel aus dem Stern:

    Zitat


    Wieso gähnt man mit?
    Es gibt verschiedene Theorien, wieso ein Gähnen überhaupt ansteckt. So spekulieren einige Forscher, dass auf diese Weise die Denkleistung erhöht wird. Steigt die Gehirntemperatur, soll der Gähn-Reflex dazu führen, dass vermehrt kühles Blut gen Kopf gepumpt wird. Ein ansteckendes Gähnen könnte demnach die Aufmerksamkeit in einer kompletten Gruppe erhöhen. Ein US-Forscherteam um Steven Platek von Drexel University in Philadelphia sieht die Gründe dagegen eher in der Psychologie des Menschen. Sie konnten zeigen, dass Menschen die besonders einfühlend sind, häufiger mitgähnen als wenig empathische Zeitgenossen.

    Biologisch hängt der Prozess der Nachahmung vermutlich mit den sogenannten Spiegelneuronen zusammen, mit denen zumindest Menschen- und Affenhirne ausgestatten sind. Diese Art der Nervenzellen ist nicht nur aktiv, wenn man selbst etwas tut, sondern auch, wenn man jemand anderen bei einer Handlung beobachtet. Diese Nervenaktivität wird als erster Schritt hin zur unbewussten Imitation gewertet.

    Auch Hunde besitzen ein Einfühlungsvermögen
    Senju und seine Kollegen vermuten, dass auch Hunde über eine grundlegende Form von Empathie verfügen müssen, um menschliche Handlungen deuten zu können. Wie sich dieses Einfühlungsvermögen bei Hunden entwickelt hat, ist noch nicht geklärt. Denkbar sei eine evolutionäre Anpassung der Hunde an die Menschen, sagen die Forscher. Das Gähnen könnte aber auch ein erlerntes Verhalten sein, etwa wenn ein Hund einen Menschen wiederholt beim Gähnen beobachtet hat. Schließlich könnten die Hunde mit dem reflexartigen Verhalten auch auf die ungewohnte Versuchssituation reagiert haben, schreibt Senju. So sei Gähnen als Reaktion auf Stress bereits von anderen Tierarten bekannt.

    Aus: Der Stern, LINK http://www.stern.de/wissen/natur/v…mit-633642.html

    Mega spannend! Danke für die tolle Frage!!!

  • Gähnen ist kein Beschwichtigungssignal... zumindest nicht so, wie von Rugaas beschrieben.
    Es kann zwar beschwichtigend auf andere Hunde wirken, aber das wird vielmehr ein Effekt davon sein, dass Hund beim Gähnen automatisch den Blick abwendet (bzw. Augen schließt)
    Gähnen wird also nciht bewusst eigesetzt, um andere zu beschwichtigen.
    Vielmehr ist es (neben dem Müdigkeitsgähnen) ein autonomes Stressignal: es sagt lediglich, dass der Hund gerade einen innerlichen Konflikt durchlebt.

    Ein Beispiel: Meine Hündin steht vor dem Sofa(auf dem ich liege) und gähnt: Wahrscheinlich ist sie sich nicht sicher, ob sie einfach hochspringen soll oder warten soll, bis ich sie aufs Sofa bitte.
    ...auch Langeweile ist ein innerlicher konflikt: "mach ich was, oder bleib ich liegen?"

    Also: die Dosis macht das Gift. wenn der Hund häufig am Gähnen ist, sollte man sich schon fragen, ob ein Stressor vorhanden ist, den man beseitigen kann (v.a. beim Training)

  • Das erste Mal hab ich es von einer vertrauenswürdigen Trainerin gehört...
    Im deutschen ist die Variante als Beschwichtigungssignal sehr verbreitet. auf einigen englischsprachigen Internetseiten wird es aber zunehmend als "inner conflict" beschrieben
    zB http://www.caninenannyservices.com/UnderstandingDogBehavior.html
    ich kann sie ja mal fragen, ob sie ne bessere Quelle dafür kennt, finde den Link jetzt nciht so pralle

    Mir erschien jedenfalls der innere Konflikt viel logischer, weil ich meine Hunde auch noch nie in einer Konfliktsituation untereinander gähnen sehen habe. Dafür aber oft in solchen inneren Konfliktsituationen: beim Training; vorm Sofa; bevor es Futter gibt, Kommando "Bleib" etc.

  • Danke für die vielen ausführlichen Antworten. Werde ich mir noch alles durchlesen.

    Das mit dem "inneren Konflikt" könnte auf ihn schon zutreffen. Ich habe auch das Gefühl, dass er sehr oft genau dann gähnt, wenn er nicht weiß, wie er jetzt reagieren soll oder was er mit sich anfangen soll.

    Wenn er gähnt, dann meistens, wenn man mit ihm wie mit einem kleinen Kind redet und auch, wenn ich z.B. seinen Dummy befülle und er weiß, dass wir jetzt dann raus gehen zum spielen und es ihm vielleicht zu lange dauert (hat vielleicht auch mit seiner Frustrationstoleranz zu tun).
    Also vor allem wenn er auf irgendwas mal länger warten muss (Spaziergang, Spiel, etc.) - dann gähnt er doch sehr häufig.

    In Situationen, wo gerade viel los ist (also wenn viele Leute da sind, etc.), habe ich ihn noch nicht gähnen gesehen.

  • Zitat

    Danke für die vielen ausführlichen Antworten. Werde ich mir noch alles durchlesen.

    Das mit dem "inneren Konflikt" könnte auf ihn schon zutreffen. Ich habe auch das Gefühl, dass er sehr oft genau dann gähnt, wenn er nicht weiß, wie er jetzt reagieren soll oder was er mit sich anfangen soll.

    Wenn er gähnt, dann meistens, wenn man mit ihm wie mit einem kleinen Kind redet und auch, wenn ich z.B. seinen Dummy befülle und er weiß, dass wir jetzt dann raus gehen zum spielen und es ihm vielleicht zu lange dauert (hat vielleicht auch mit seiner Frustrationstoleranz zu tun).
    Also vor allem wenn er auf irgendwas mal länger warten muss (Spaziergang, Spiel, etc.) - dann gähnt er doch sehr häufig.

    In Situationen, wo gerade viel los ist (also wenn viele Leute da sind, etc.), habe ich ihn noch nicht gähnen gesehen.

    klingt für mich auch nach Übersprungshandlung (ist ja nix anderes wie Abbau eines inneren Konflikts).

  • Hallo,
    ich bin bisher stille Mitleserin und hab jetzt nicht mehr alle Antworten vor Auge. Mir ist vorhin eingefallen, dass ich neulich was zum gähnen von Hunden im Radio gehört habe.

    Hunde gähnen auch aus Empathie bei Menschen mit. Vielleicht ist das bei eurem unter anderem ja auch so. Hab gleich nochmal einen schönen Link zu einem Artikel klick

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