Wird zum Kläffer

  • Ich bin am Verzweifeln. Jetzt klappt es zwar mit dem Gassigehen viel besser und wir haben auch mit der Hundeschule begonnen. Die ersten Einzelstunden waren vielversprechend. Doch dann die erste Gruppenstunde: Mit unserem Junghund sollten wir in die Welpenstunde, da es Nachholbedarf gibt, weil er noch nicht richtig sozialisiert ist, da aus Tierrettung in Spanien (wurde mit 5 Wochen ins Auffanglager gebracht, dort war er 4 Monate, danach 1 Monat auf Pflegestelle und jetzt fast einen Monat bei uns). Aus Unsicherheit bellt er alle Hunde an, flippt an der Leine richtig aus. Die Trainerin sagt, einfach ignorieren und Weitergehen, falls das nicht möglich, ihn wegschubsen, zur Not, bis er liegt. Das gefällt mir gar nicht, zumal wir beide bei den anderen Hundehaltern als Pflegel dastehen. Im Laufe der Unterrichtsstunde hat er sich etwas beruhigt und auch ganz gut mitgemacht. Aber im Alltag merke ich, daß er jetzt häufiger wegen Kleinigkeiten bellt, sei es, wenn die Nachbarn ihr Haus verlassen, den Müll rausbringen, oder wir Kinder auf 30 Meter Entfernung sehen oder oder. Das ist mir total unangenehm und ich weiß gar nicht, wie wir das in den Griff bekommen können. Ich will nicht, daß man unseretwegen die Straßenseite wechselt. Reichen da Geduld und Konsequenz? Hat jemand ernstzunehmende Ratschläge für uns Anfänger??

    Danke im Voraus.

  • Hallo erst mal!

    Du meine Güte, der Ratschlag der Hundetrainerin geht ja mal gar nicht. Du hast da schon den richtigen Instinkt, dass schubsen gegen Unsicherheit nicht hilft. Selber ruhig bleiben, ignorieren und ggf. in Ruhe weitergehen helfen in der Regel mehr.

    Aber dein Hund ist nach dem, was du über ihn schreibst - ohne dass ich in der Hinsicht jetzt ein Experte wäre - nicht der "ganz normale" Junghund. Du sagst, er kam schon früh in ein Auffanglager, wuchs die ersten Monate dort auf... viel kennen wird er da nicht, kann er ja gar nicht. Vor allem lernt sein Gehirn, da er womöglich im dafür besten Welpenalter auf verschiedene Umweltreize nicht ausreichend sozialisiert wurde, etwas langsamer und weniger generalisierend als wenn eine umfassende Sozialisierung stattgefunden hätte. Sprich, er muss quasi bei jedem Ding, das ihn verunsichert, einzeln lernen, dass es okay ist. Also nicht "ein fremder Mensch ist okay, also sind alle okay", sondern "dieser fremde Mann mit schwarzem Hut ist HEUTE okay, aber morgen mit Regenschirm vielleicht bedrohlich, jene fremde Frau mit Kind ist nett, aber wenn das Kind im Kinderwagen sitzt, ist die Situation wieder gruuuuselig."

    Er wird halt länger brauchen, muss Situationen immer und immer wieder und in unterschiedlichen Variationen als positiv erleben um sie dauerhaft positiv zu verknüpfen, und wie gut er das letztendlich packen wird, hängt ganz stark von dir ab. Wenn du selber verunsichert bist und dir das Verhalten deines Hundes peinlich ist, wird er es schwer haben. Und hier spreche ich wirklich aus Erfahrung, denn ich hab auch so nen Kandidaten, der recht früh als Welpe ohne Mutter in der Tötungsstation sass, und der heute als Erwachsener manchmal auch noch etwas mühsam sein kann, wenn ihm eine Situation, die er nicht einschätzen kann, nicht behagt. Es hat lange gedauert, bis wir richtig Fortschritte machten, was vor allem daran lag, dass ich aus Unwissenheit schlecht mit seinem Verhalten umgehen konnte. Wenn dir jeder erzählt, dass dein Hund ein Flegel und ein Tyrann sei und man es selber nicht besser weiss, baut das im Verhältnis zum Hund ziemlichen Druck auf.

    Was auf Dauer wirklich half, war, selber gelassener zu werden (also sich keine Gedanken zu machen, was die Leute denken, oder noch besser: mit den Nachbarn reden, erklären warum der Hund so ist und dass du mit ihm daran arbeitest, und ansonsten so tun, als sei alles ganz normal), und vor allem viiiiel Vertrauen aufbauen, mit dem Hund üben, ihn ruhig und gelassen in neue Situationen führen, in kleinen Schritten. Vielleicht auf dem Hundeplatz erst mal 20 Minuten nur zugucken lassen anstatt gleich mitzumachen. Ihn lernen lassen, sich zu entspannen und neue Sachen erst mal auf sich zukommen zu lassen. Ihm zeigen, dass das alles eigentlich totaaal unspektakulär ist, weil du dich ja schliesslich auch nicht aufregst (das tust du allerdings, wenn du mit Schubsen und Scham auf sein Theater reagierst, denn dann bestätigst du ihn ja darin, dass etwas nicht stimmt).

    Schau mal in den thread *Zeigen und Benennen*. Darin geht es darum, dem Hund beizubringen, dass er Sachen, die ihm unheimlich sind, gezielt anschaut und dafür belohnt wird. Könnte mir vorstellen, dass das auch für deinen Hund eine hilfreiche Übung wäre, die ihm sogar Spass macht.

    Bleib geduldig, arbeite an einer vertrauensvollen Bindung zu deinem Hund, verschaffe ihm schöne Erlebnisse ("aha, wenn da Kinder rennen, freut sich mein Mensch und versteckt mir einen Keks im Gras, und ein paar von den Kindern kommen sogar her und verstecken Kekse im Gras, ist ja lustig") und freu dich mit ihm über seine Fortschritte. Vor allem suche dir vielleicht eine andere Hundeschule, die sich der Problematik von Sozialisierungsdefiziten besser bewusst ist und gezielt mit euch daran arbeiten kann.

    Dein Hund ist nämlich kein Flegel, sondern eher ein Kaspar Hauser, der allmählich auf den Trichter kommt, sich die Dinge, die er nicht versteht, durch Bellen auf Abstand zu halten (und von seinem Menschen unbewusst darin bestärkt wird).

    Ich wünsch euch beiden viel Glück und trotzdem viel Freude aneinander. Dein Hund ist noch jung, und eine gute Beziehung kann auch einiges auffangen.

  • Oh, danke erstmal für Deine umfangreiche Antwort!

    Ich würde gerne auch ein Foto einstellen, hab aber noch keine Ahnung, wie das funktioniert. Ich nutze den kostenfreien Zugang. Wir haben einen Mischling, der auf den ersten Blick gerne als Golden Retriever durchgehen könnte, ist aber sehr dünn und ich weiß nicht, ob das noch wird. Er bekommt hochwertiges Welpenfutter (laut Empfehlung der Tierschutzorganisation, wo wir ihn her haben).

    Tja, da haben wir die Situation eindeutig unterschätzt. Am Anfang war er eher ruhig, blieb bloß stehen oder setzte sich hin, wenn ihm etwas nicht paßte, aber inzwischen bellt er für meinen Geschmack viel zu häufig. Wir haben selbst zwei Kinder 7 + 8 Jahre, die aber sehr vorsichtig und ruhig mit ihm umgehen. Zu Hause klappt es ja auch einwandfrei. Nur unterwegs nicht. Manchmal werden Fußgänger bloß angeknurrt, da fällt das Ignorieren und Weitergehen leicht. Aber manchmal bellt er sich richtig ein und wenn es ein Hund ist, stellt er sich sogar auf die Hinterbeine so daß ich handeln muß, denn so kann ich gar nicht mehr weitergehen.

    Es macht mich fertig, daß es jetzt erst anfängt, richtig kompliziert zu werden. Letzten Sonntag haben wir uns in einem Park auf die Bank gesetzt, Leute angeschaut. Das lief soweit gut, "nur" die Hunde wurden runtergeputzt. Ich kann ja nicht jedem sagen, daß der unsicher ist und aus Spanien kommt. Genauso verhält es sich übrigens mit den Nachbarn, einer ist eingeweiht aber die anderen reden nicht mit uns und sind wohl eh schlecht auf das Thema zu sprechen, da Hund jetzt auch deren Katzen bellend aus unserem Garten vertreibt (das kann ich ja noch verstehen ;)

    Und außerdem kann ich doch nicht jedem Passanten unsere Geschichte erzählen und ihm nen Keks in die Hand drücken :???: Also ich bin echt ratlos.

  • :smile: Also ehrlich gesagt, deine "Geschichte" oder die deines Hundes würde mich auch nicht interessieren. Ist lieb, aber ehrlich gemeint! Jetzt ist jetzt und du bist gefragt! Du solltest nun voll hinter deinem Hund stehen. Er braucht von dir das Gefühl, das alles in Ordnung ist und du alles regelst. Mache viel mit ihm und habe Geduld. Du wirst sehen, dann wird's immer besser. In kleinen Schritten, aber das wird! :gut:

  • Um den Hund Sicherheit zu geben, wie er sich richtig verhält, ist es oft sinnvoll einen Clicker zu benutzen und ihm für richtiges Verhalten gezielt und verständlich zu belohnen.


    Wie alt ist denn jetzt euer Hund genau?

  • Er ist ca. im Januar geboren...

    Trainerin hat gemeint, bloß kein Mitleid zeigen. Es ist schwer, wenn man sich an einen "Profi" wendet und dann Probleme hat, das umzusetzen, weil es einem widerstrebt.

    Wie sieht es denn z.B. aus mit Hinsetzen lassen, wenn Passant in Sicht, und Leckerli geben, wenn er ruhig bleibt? Klar, bei den richtig großen Attacken hilft das nicht mehr, aber mich machen ja schon die vielen kleineren fertig.

    Clicker hört sich gut an. Werde ich gleich mal googlen.

    Und wie kann ich hier mal ein Foto von unserem einstellen?

  • Also meine Meinung zu dem Thema:

    Der Hund sollte schon wissen, dass ich das Verhalten nicht möchte. Allerdings wird ein Abbruch des Verhaltens ja nicht die Gefühlswelt vom Hund umkrempeln. Teilweise sogar das Gegenteil bewirken.

    Sprich: bloß weil du ihm das verbietest und er nichts mehr macht, wird er Passanten nicht anfangen zu lieben. Es kann sogar noch schlimmer kommen, weil er die Bestrafung mit den "Objekten" verknüpft. Er wird noch unsicherer. Er wird auch noch unsicherer, weil du ihm Druck machst.

    Meine Lösung wäre: In so wenig Konfliktsituationen gehen wie möglich, um solche Abbruchszenarien nicht mehr machen zu müssen.

    Dafür verstärkt Szenarien schaffen, indem du mit ihm Üben kannst, wo er nicht ausrastet und aufnahme fähig ist (das ist er auf keinne Fall, wenn er ausrastet). Wie in dem vorherigen T von dir beschrieben z.B. Leute aus entfernung schön füttern.

    Außerdem würde ich mir überlegen, ob ich nicht übe einen Bogen zu gehen bzw. absitzen lasse. Da ist der Hund manchmal besser zu handeln und für den Hund kommt ein Routineverhalten rein, an dem er sich orientieren kann.

    Leinenagression gegenüber Menschen erinnert mich auch oft an Leinenagression gegenüber Hunden, ich würde die gleichen Trainingsansätze wählen. Von P. McConnell das Buch Alter Angeber gibt einen guten Einblick und einfach Trainingsansätze.

  • Hallo Tommiwuff,

    ich kann dein Problem recht gut nachvollziehen, da auch unser Titus (knappe fünf Monate alt, Labbi-weißer Schäferhund-Mix), den wir erst seit ein paar Tagen aus dem Tierheim geholt haben, sich richtig in die Leine legt und Gas gibt (sprich:bellt, das Nackenfell aufstellt etc.). Uns wurde gesagt, dass er aus einer Familie kommt, die ihn abegeben haben, da die Leute mit ihm und einem Kleinkind recht überfordert waren. Titus ist alles in allem auch ein echter Schatz, aber er flippt halt gerne schon mal aus, wenn wir andere Hunde treffen :-) Was uns akut einigermassen hilft, ist 1. Ruhe bewahren (es ist wirklich nicht so einfach wie gesagt...), 2. versuche ich, einen Bogen um andere entgegenkommende Hunde zu machen, damit Titus nicht frontal auf sie zugehen muss, 3. wenn einer wirklich direkt auf uns zukommt und ich merke, dass er sich anspannt, dann gehe ich mit ihm in eine ganz andere Richtung, wenn er folgt, lobe und bestätige ich ihn. Generell arbeiten wir gerade auch daran, ihm mit dem Signal "Alles okay", das ich ihm sehr ruhig sage, wenn er sich wegen irgendwelchen Sachen arg erschrickt oder wenn er "über-wachsam" ist (wir wohnen in einem Mehrparteienhaus, d.h., er muss sich auch daran gewöhnen, dass hier Leute kommen und gehen). Wenn er dann ruhig bleibt, gebe ich ihm ein Leckerlie. Wir sind gerade dabei, uns eine gute Hundeschule zu suchen, damit Titus lernt, besser mit anderen Hunden umzugehen und vor allem wir am anderen Ende der Leine mal von einer kompetenten Fachperson gesagt bekommen, ob wir uns korrekt verhalten oder Titus eher noch andere Signale unsererseits benötigt, damit er sich besser fühlt. Es gibt hier auch noch einen Thread, der sich speziell der Leinenagression widmet und echt lesenswert ist....
    Achja, was bei uns auch ganz gut hilft (und Titus ist echt beleidigt, wenn ich das durchziehe): Nebenan wohnen zwei richtige Kläffer und wenn die mal wieder anschlagen, dann macht Titus ganz gerne mal mit. Wenn ich ihn dabei komplett ignoriere, wird er grummelig und jammerig, hört dann aber auch ganz schnell wieder auf, weil er anscheinend merkt "ach, Frauchen findet das auch nicht schlimm, was da drüben abgeht und es gibt anscheinend keinen Grund, selbst rumzubellen". Ich bin wirklich stolz darauf, wie schnell er es zu lernen scheint... Es geht zwar in kleinen Schritten, aber immerhin.... :D
    Also: Viel Erfolg und nur die Ruhe bewahren. Und bitte nicht schubsen oder so, dann bekommt er ja nur das Gefühl, dass es wirklich schlimm sein muss, was um euch rum passiert. Auch den Tipp mit einigen eingeweihten Passanten finde ich super, am Besten welche, die regelmäßig bei euch vorbeilaufen, aber auch eure Freunde, die Hundi am besten noch nicht so gut kennt.... :-)

  • Zitat

    Und außerdem kann ich doch nicht jedem Passanten unsere Geschichte erzählen und ihm nen Keks in die Hand drücken Also ich bin echt ratlos.

    Das mit dem Keks war ein Beispiel für eine Uebungssituation, in welcher man ihm z.B. fremde Kinder schmackhaft machen könnte. Muss man nicht so machen, aber man kann.

    Auch musst du nicht jedem Passanten deine Geschichte erzählen. Warum sind dir die Passanten denn so wichtig? Wenn sie nichts sagen, ist es gut, wenn einer doof kommt, überhört man es, und wenn jemand fragt, warum der Hund so nen Terz macht, kann man ihm ne sachliche Erklärung sicher zumuten. Und wen die Story nicht interessiert, der soll's halt bleiben lassen. Solche Leute brauchen dich dann auch nicht zu interessieren.

    Es fällt eben auf, dass es dir sehr unangenehm ist, mit dem tobenden Hund aufzufallen, was ich durchaus nachvollziehen kann. Wenn z.B. die Nachbarn nicht mehr mit einem reden, wäre es aber doch sicher nicht verkehrt, mal (ohne Hund) das Gespräch zu suchen. Weiss ja nicht, wie deine Nachbarn drauf sind, aber vielleicht finden sie es ja gar nicht so schlimm wie du denkst, oder vielleicht werden sie freundlicher, wenn sie hören, dass du ja nicht mit Absicht den Hund auf ihre Katzen hetzt sondern mit ihm übst, die Katzen nicht zu verbellen.

    Und klar ist Mitleid fehl am Platz. Aber Verständnis dafür, wo das Verhalten herkommt und unter welchen Umständen der Hund lernen kann, es besser zu machen, erleichtert die Sache doch ungemein. Der Hund braucht einem nicht leid tun, aber man kann deswegen trotzdem fair sein und seine Vorgeschichte im Training berücksichtigen. Ich habe diese "Hund ist Hund, und es ist egal, warum er Fehlverhalten zeigt, Hauptsache er stellt es ab"-Ansätze in Hundeschulen auch schon erlebt, aber konnte damit nichts anfangen.

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