Ein Familien Hund ist fur mich ein Hund mit den man überall mit hinnehmen kann und der egal in welcher Situation ruhig bleibt .
Nimms mir nicht übel, aber ich fürchte, da machst du es dir - bewusst oder unbewusst - schwerer als nötig.
Wenn du einen großen, netten Hund möchtest, den du zu nahezu allen Anlässen mitnehmen kannst und mit dem du auch Mantrailing o. Ä. machen kannst, dann wärst du mit dem klassischen Labrador oder einem Kurzhaarcollie besser beraten - wenn die vom Züchter kommen. Denn da weiß man in der Regel, was man vom Hund erwarten kann. Und die kann man genauso wie deinen gewünschten Spezialisten auch auf einen bestimmten Geruch trainieren.
Warum ist die Wahl denn z. B. nicht auf einen Hund gefallen, der in Deutschland in einem Tierheim ist? Den könntet ihr völlig unverbindlich kennen lernen, oft ist auch was über die Vorgeschichte bekannt, die Pfleger kennen ihren Schützling und können in vielen Fällen genau sagen, ob der Hund zu euch passt oder nicht.
Bedenke: niemand weiß, welche Reize der Hund in Zypern kennen gelernt hat. Und genau das ist unheimlich wichtig. Ein Hund, der schon von Welpe an (dosiert!!!) verschiedene Dinge kennen lernt, ist später wesentlich entspannter und da ist die Chance auch höher, dass du ihn (passendes Wesen etc vorausgesetzt) überall hin mitnehmen kannst.
Mein Rüde z. B. ist grundsätzlich ein toller Hund. Im Alltag ruhig, beim Mantrailing mit Feuereifer dabei, er hat Bock auf Arbeit und macht quasi jeden Blödsinn mit, den ich ihm vorschlage. Zuhause ist er DER Kuschelhund schlechthin. Abends kommt er zu mir ins Bett, möchte sich unter der Bettdecke ankuscheln und schnarcht dann glücklich vor sich hin, bis es ihm zu warm wird. Dann rollt er sich neben meinem Kopf oder auf dem Sofa ein und schläft selig durch. Und weckt mich morgens mit charmantem Wachkuscheln.
Aber ins Restaurant mitnehmen? Mal kurz zum Bäcker mit rein? Besuch ins Haus lassen, während Hund freundlich wedelnd daneben steht? Vergiss es. Das ist mit dem Dicken nicht möglich, der findet fremde Menschen einfach überflüssig. Besonders in geschlossenen Räumen. Draußen außerhalb seines Territoriums (= unsere Nachbarschaft plus Gassiwege) sind sie ihm egal, wenn sie ihn in Ruhe lassen.
Er kommt aus Rumänien. Wie er aufgewachsen ist, weiß keine Sau. Irgendwann ist er halt im Shelter gelandet, kam mit ca. einem Jahr nach Deutschland, hat dann zwei Jahre mitten in Berlin gelebt und da hat sich dann die Spitze vom Eisberg gezeigt.
Leinenaggressiv. Sowohl Hunden als auch Menschen gegenüber.
Besuch wird verbellt und in offensiver Absicht ("Hau ab!") angesprungen. Mittlerweile - er ist nun auch geistig erwachsen - wird Besuch auch mit den Zähnen angegangen.
Er hat ein Kind (!) ins Gesicht gebissen. Weils sich in seinen Augen zu schnell und damit unberechenbar bewegt hat.
Auto fahren? Die Hölle auf Erden für ihn. Als ich ihn Anfang 2019 übernommen habe, hat er mir kurz danach den Fahrersitzgurt vom Polo zerbissen - aus Angst.
Mit so einem Hund muss man nicht nur den eigenen Alltag umplanen. Abgelegene Gassistrecken suchen, viel viel viel trainieren. Damit leben, dass man "der komische Kerl mit dem Aggrohund" ist, weil Hund auch Radfahrer gerne attackieren würde. Beim Gassi immer zu 100% beim Hund sein, wenn der im Freilauf oder an der Flexi ist, weil trotz menschen- und hundeleerer Gegend eben doch mal jemand auftauchen kann.
So ein Hund erschwert auch die Betreuung. Mal eben einem hundeUNerfahrenen Freund in die Hand drücken? No way. Selbst hundehaltende Freunde von mir trauen sich den Dicken nicht für mehr als einen Tag zu. Und in einer professionellen Hundepension wird es mit so einem Hund dann auch nicht unbedingt einfach. Die meisten bevorzugen "nette" Hunde, die sowohl mit Rüden als auch mit Hündinnen klarkommen. Ich hab bei mehr als 10 Hundepensionen angefragt und nur eine einzige Zusage bekommen.
Das muss man auch bedenken. Ein netter, einfacher Hund kommt eher in einer normalen Hundepension unter. Oder kann für ein paar Tage auch mal bei Freunden geparkt werden. Oder eben bei den Eltern.
Ich liebe meinen Terrorkrümel, ich liebe sein "Jekyll and Hyde"-Gedöns. In meinem Alltag, wenn alles seinen gewohnten Lauf nimmt, ist er ein absolutes Goldstück und keiner käme auf die Idee, dass die halbe Portion, die da selig eingerollt auf dem Sofa döst, doch so schwierig sein kann.
Ich war auch recht unerfahren, als ich ihn übernommen habe. Dachte mir, "püh, Leinenaggression, du beliest dich einfach und dann läuft das schon!". Joa - am Arsch. Der Dicke ist jetzt seit 2,5 Jahren bei mir, Mitte Januar sinds ziemlich genau 3 Jahre. Ich arbeite seit Tag 1 an seinen Problemen - damals noch auf eigene Faust und recht planlos, jetzt hab ich seit Anfang des Jahres die passenden "Werkzeuge". Ein halbes Jahr lang haben wir intensiv mit unserer Hundetrainerin gearbeitet, um die Alltagsprobleme abzuschwächen.
Und: weißt du, wie viel Zeitaufwand im Mantrailing eigentlich steckt?
Ich mache mit meinem Dicken (trotz und wegen seiner Probleme) seit Ende 2019 Mantrailing. Erst in der Hundeschule - zum Reinschnuppern. Aber das war Massenabfertigung, innerhalb einer Stunde je Woche kannst du das gar nicht richtig lernen, weil die Trainer auch gar nicht die Details durchsprechen können. Da kommts auf unheimlich viele Feinheiten an. Was sagt dir der Hund gerade? Ist er noch auf der Spur oder geht er einfach irgendeinem Geruch nach? Wann arbeitet der Hund und wann ist's eher Gassi am Arbeitsgeschirr und langer Leine?
Und gerade bei solchen "Problemhunden" wie meinem ists auch unheimlich wichtig, dass sich die Gruppe, mit der du trainierst, auf deinen Hund einstellen KANN und WILL.
Mein Rüde hat beim ersten Probetraining im Verein der Versteckperson in den Schuh gebissen, weil sich die Person in den Augen meines Hundes auf bedrohliche Art und Weise bewegt hat. Tatsächlich hat die Person nur den Fuß gehoben, um aus der Schlaufe der Schleppleine zu steigen. Aber: die Leute wussten schon, dass mein Hund "ne Macke" und Probleme mit gewissen Dingen hat. War ok - damals hab ich mich erschrocken, tausendfach entschuldigt und hab felsenfest damit gerechnet, dass ich danach nicht mehr zum Probetraining kommen darf. Heute schmunzeln wir darüber. Auch, weil mein Hund durch das Training mittlerweile um Welten entspannter in solchen Situationen ist.
Ich weise neue Versteckpersonen heute noch darauf hin, dass mein Hund nicht angefasst, nicht angeschaut, nicht gelobt wird. Nur Futter hinstellen. Wenn ich lobe und das OK gebe, darf die VP auch loben. Früher hätte das meinen Hund massiv verunsichert, heute ist ihm das wurscht und er freut sich einfach, dass er seinen Job gut gemacht hat.
Mantrailing ist Teamarbeit. Gerade im Verein oder in einer Staffel. Das Mantrailing, das in vielen Hundeschulen angeboten wird, ist als oberflächliche Beschäftigung ok. Aber ein Jagdhund wird sich mit 1x 10 Minuten arbeiten nicht zufrieden geben. Der ist da maximal erst warmgelaufen.
Ich stehe sonntags ab 9 mit den Kollegen am Treffpunkt, verstecke mich für andere Hunde, laufe bei anderen Teams mit ... der eigene Hunde arbeitet effektiv 2-3x für 5-15 Minuten. Je nach Kenntnisstand, Wetterlage (an heißen Tagen gibts logischerweise keine super langen Trails), Tagesform des Hundes usw. Die "alten Hasen" unserer Gruppe sind dann auch mal länger unterwegs, aber das ist dann nicht die Regel. Das sind meist auch die Hunde, die eh Einsätze laufen.
Meistens sind wir dann so gegen 14 Uhr fertig. Dann sind die Hunde müde, jeder war mehrfach dran, jeder hatte nach jedem einzelnen Trail eine detaillierte Nachbesprechung. Manchmal sitzen wir dann noch gemütlich bei den Autos rum, trinken mitgebrachten Kaffee und knabbern Kekse, während wir das Training noch mal durchsprechen oder einfach so plaudern.
Und je nach Verein gibt's dann eben nicht nur Training, sondern man hilft dann eben auch mal bei externen Veranstaltungen als Parkeinweiser, beim Kuchenstand oder als Ersthelfer (natürlich nur mit entsprechender Ausbildung!) aus. Es gibt bei uns vereinsinterne Fortbildungen, die dann auch mal ein ganzes Wochenende dauern.
Es ist ein sehr zeitaufwendiger Sport. Es gibt auch Wochenenden, da passt mir das Training gar nicht in den Kram, weil die Arbeitswoche schon so anstrengend war.
Niemand hier will dir etwas Böses. Ich genauso wenig. Die Leute wollen dir nur in aller Deutlichkeit klar machen, dass dein Plan womöglich nicht der beste ist und du dir viele Dinge vermutlich zu einfach vorstellst. Die Leute wollen dich schlicht davor bewahren, sehenden Auges ins Messer zu laufen - weil das weder dir noch dem zukünftigen Hund gut tut.