Daher entsteht auch so oft Verwirrung, wenn die Rede vom aversiv abgesichertem Abbruch ist. Das meint nämlich genau das fein und emotionslos aufgebaute neutrale Abbruchssignal, das beim Nichtbefolgen eine Strafe nach sich zieht.
Das ist ein Widerspruch in sich selbst:
Aversiv kommt von Aversion, und Aversionsverhalten ist eine biologisch verankerte Verhaltensschiene bei allen Säugetieren, die auf Furcht aufgebaut ist.
Dabei wird nicht vom Denken/Überlegen beeinflusst, ob etwas als furchterregend eingeordnet wird; Es wird direkt (ohne Umwege, die eine "Bewertung" beeinflussen) von der Amygdala entschieden, ob etwas furchterregendes Flucht oder Wehr auslöst (eine dritte Reaktion auf Furcht währe Erstarren, im Sinne von Handlungsunfähigkeit, nicht im Sinne von Verharren als Möglichkeit zum Überlegen).
Sichere ich also etwas "aversiv ab", dann basiert das IMMER auf der Emotion Furcht.
Was dabei (leider) für viele Menschen nicht präsent ist:
Die Emotion Furcht hat Abstufungen, und beginnt mit einem "beeindruckt sein" (auch hier nicht im positiven Sinne von "beeindruckt sein von einer Leistung", also etwas Schönem, was ja positive Gefühle bewirkt), sondern im Sinne von "eingeschüchtert sein".
Auch bei der dadurch ausgelösten Reaktion des Flüchtens oder Wehrens gibt es dabei Abstufungen: Innehalten und vermeiden, eine begonnene Handlung fortzusetzen ist die unterste Stufe der Furchthandlung "Flucht", nämlich Meiden.
Subtiles Drohen wie Knurren, in Sprunghaltung gehen, Abschnappen sind dabei Verhaltensweisen auf der Schiene "Wehr".
Manche Hunde lassen sich nicht beeindrucken, sondern reagieren auf Aktionen, die sie beeindrucken sollen, mit Wehrverhalten. Manche führen auch völlig unbeeindruckt die Aktion fort, die sie eigentlich durch "Beeindrucken" abbrechen sollen.
In der Folge einer aversiven Konditionierung reicht es dann oft aus, durch ein einfaches, emotionsloses Signal (Markerwort/Kommando, nennt es wie ihr wollt) den gewünschten Abbruch zu erreichen.
Mitnichten heißt das, es wird keine emotionale, also furchtbasierte Reaktion beim Befolgen dadurch ausgelöst - denn das ist einfache, klassische Konditionierung: Ein zuvor neutraler Reiz (das angeblich "emotionslose" Signal) ersetzt den zuvor angewandten aversiven Reiz.
Ich vermeide aversive Konditionierung bei meinen Hunden.
Das Abbrechen von Aktionen bei meinen Hunden habe ich positiv konditioniert.
Dabei gibt es auch bei mir Abstufungen:
In leichter bis mittlerer Erregungslage funktioniert hier ein "Sitz auf Distanz"; Hat länger gedauert, und ist in kleinen Schritten aufgebaut worden.
Für Notsituationen habe ich einen Dummy-Lockruf konditioniert. Man könnte sagen, ich nutze hier "gemeinerweise" auch die genetisch verankerte jagdliche Veranlagung meiner Hunde - denn auf dieser Schiene ist es sehr leicht (wenn richtig gemacht), eine nahezu reflexartig ausgeführte Reaktion (Handlung abbrechen und zu mir laufen), ein erwünschtes Verhalten (eine Handlung) "ins Hirn zu betonieren".
Was ich niemals machen würde, wirklich niemals: Beim Kennenlernen eines Hundes quasi als "Visitenkarte" für das weitere Miteinander aversive Methoden einsetzen.
Auf dieser Basis möchte ich keine Beziehung zu meinen Hunden haben, das widerstrebt mir zutiefst.
Last not least: Wer mich im Reallife kennt, der weiß: Ich habe in meinem Alltagsumgangsköfferken sehr viele Wattebäuschchen, wirklich sehr viele ... aber nicht nur.
In einem stimme ich hier dem allgemeinen Tenor zu: Das Leben ist absolut kein Ponyhof (obwohl ich mich sehr bemühe, das Leben meiner Hunde sehr nah an diesem Ideal zu gestalten), und um mental gesund aufzuwachsen, und eine Resilienz (mentale Widerstandskraft) gegenüber negativen Umweltbedingungen entwickeln zu können, gehören ALLE 4 Quadranten.
Ich als Mensch habe es allerdings in der Hand, wann und wie ich diese Einfluss nehmen lasse auf meinen Hund, und welche Prioritäten ich dabei setze.
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