Ob Tonto (der übrigens der jüngere Bruder ist) tatsächlich Theologie studiert hat, wird doch gar nicht erwähnt. Und auch Hanni kann nicht genau das geworden sein, was die Mutter sich gewünscht hatte - schließlich wissen wir von Anfang an, dass er Frau und Kinder hat.
Ich bin jetzt durch und ich bin froh, dass am Ende immer noch viel mehr Fragen offen bleiben als beantwortet werden. Ich hatte allerdings keine Unterhaltungslektüre erwartet. Mich hat auch das ganze religiöse Gedöns kein bischen gestört, ich habe es eher als den Hintergrund einer gelungenen vielschichtigen Erzählung wahrgenommen: ein Anachronismus, der nur so lange funktioniert, wie er jeden Kontakt zur realen Welt vermeidet. Immerhin sind Katholiken in England zwar häufiger als man annehmen sollte, aber sie sind aus historischen Gründen eine lange Zeit versteckt lebende Minderheit. Ich glaube, diese Sichtweise macht auch die ansonsten wirklich elend lange Beschreibung des Spaziergangs vom verstorbenen Pfarrer sinnvoll.
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Da ist das ganze noch mal eingedampft: er verlässt die vermeintliche Sicherheit des österlichen Rückzugsortes und erlebt eigentlich nicht viel, aber dieses "nicht viel" zerstört seinen anachronistischen Glauben. Dass diese Zerstörung beim nächsten Besuch dieses Ortes (den man auch als Versuch der Rettung dieser geradezu mittelalterlich anmutenden Glaubensstruktur ansehen kann) auch an anderen Stellen wirksam wird, wurde ja schon gezeigt. Allerdings sind die Gegenspieler (die quasi satanistischen drei Einheimischen) nicht minder anachronistisch.
Auf der psychologischen Ebene bin ich immer noch der Ansicht, dass die Erzählperspektive nicht wirklich dem "gesunden" Kind zugeordnet wurde. Als am Ende die Notiz des Psychologen erwähnt wurde, hat mich das nur in meiner Ansicht bestätigt: Es hab ein paar wenige Stellen im Buch, an denen das Alter von Tonto zum Zeitpunkt dieser letzten Fahrt erkennbar wurde und jedesmal war ich erstaunt, dass der Junge da schon 16 gewesen sein muss. Aber ich hatte beim Lesen immer den Eindruck, dass der Erzähler ein allerhöchstens 12jähriges Kind ist (also so alt wie er bei der vorigen Fahrt noch mit dem alten Pfarrer war).
Irgendjemand hat weiter vorn versucht, das Buch einzuordnen. Wenn ich dem ein Label geben müsste, dann wäre es "magischer Realismus". Das greift für mich noch am besten, aber wie jedes Label wird es dem Ganzen natürlich nicht gerecht. Denn gleichzeitig ist es ein quasi negativer Entwicklungsroman oder so. Für mich macht das den Reiz aus, ich habe das wirklich gern gelesen und werde auf jeden Fall auch "Devils Day" lesen.
Aber vorher mach ich Pause von der christlichen Düsternis und verschlinge etwas zum "einfach-nur-weglesen". :)