Zuletzt gelesen: "Die Dinge beim Namen nennen" von Rebecca Solnit
Solnit ist US-amerikanische Journalistin, Essayistin und Aktivistin. Sie beschäftigt sich u.a. mit Feminismus, Klimawandel, Rassismus und Sexismus.
"Die Dinge beim Namen nennen" ist eine Sammlung von Essays, die Solnit überwiegend im Zeitraum der letzten 5, 6 Jahre schrieb. Sie befasst sich damit mit aktuellen gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Themen und Debatten und kritisiert insbesondere die autoritär anmutende Trump-Regierung. In den Essays geht es unter anderem um Bewegungen wie Black Lives Matter und Occupy Wall Street, um die Rechte indigener Völker, um Rassismus im US-amerikanischen Rechtssystem, und um Armut und Gentrifizierung.
An und für sich sind die Essays sehr lesenswert und ich gehe fast immer mit Solnits Analysen und Meinung konform. Allerdings mutet das gesamte Buch schon sehr amerikanisch an, wenn man also nicht allzu sehr an US-amerikanischer Politik und gesellschaftlichen Fragestellungen interessiert ist, wird man hiermit nicht unbedingt glücklich werden.
Leider fand ich persönlich auch Solnits Argumentationsweise nicht immer überzeugend, teilweise kam es mir schon so vor, als habe sie sich über bestimmte Dinge (z.B. verschiedene Formen von Aktivismus - ob prinzipiell gewaltlos oder nicht) einfach schon eine klare eigene Meinung gebildet, und diese eigenen persönlichen, durchaus teils nicht ganz unumstrittenen Grundsätze und Positionen lässt sie dann teilweise leider in ihre Essays einfließen, als handle es sich um reine Fakten. Argumentativ empfand ich sie beim Lesen mehrmals als eher schwach und nicht ganz stichhaltig, bzw. als sich in Nebenschauplätze verrennend.
Vom Aufbau her empfand ich viele der Essays auch als irgendwie "formlos", wie vor sich hingeschrieben, es fehlte mir der klare rote Faden, der logische Aufbau. Und ihre Forderung, die Dinge "beim Namen zu nennen", wurde mir persönlich etwas vergällt durch ihre eigene teils eher unpräzise Schreibweise. Allein die Verklärung vergangener Jahrzehnte empfand ich schon als teils etwas ärgerlich - politische Verfehlungen der letzten Jahre und Jahrzehnte klar anzusprechen, schön und gut, aber dass früher vieles so viel besser gewesen wäre, stimmt nun einmal auch nicht.
Oft fehlten mir dann auch tiefergehende Erkenntnisse oder zumindest Überlegungen von Substanz, so ein wenig Nabelbeschau-mäßig kamen die Essays daher: Schön und gut, dass sie sich Gedanken macht und wiedergibt, was in Politik und Gesellschaft vor sich geht, aber das Buch bleibt darin irgendwie häufig eher konsequenz- und ergebnislos.
Ich bevorzuge den Biss und die Klarheit einer Margarete Stokowski, die die Dinge tatsächlich auf den Punkt zu bringen vermag. Hinzu kommt natürlich, dass ihre Kolumnen und sonstigen Texte weniger stark US-amerikanisch gefärbt sind.
Solnit ist zweifellos eine wichtige öffentliche Persönlichkeit und Feministin, aber mich holten diese Essays einfach nicht sonderlich gut ab.
Ein Mitgrund hierfür war aber auch ganz klar die schlechte Übersetzung - ich habe das Gefühl, da ging wirklich einiges verloren. Allein die Satzstellungen waren teilweise richtiggehend gruselig und störten den Lesefluss.