Zuletzt gelesen: "Qualityland" von Marc-Uwe Kling
Am ehesten kann man diesen Roman wohl als dystopische Zukunftssatire bezeichnen: Kling schreibt in "Qualityland" über das so umbenannte Deutschland in einer automatisierten, digitalisierten, ökonomisierten Zukunft, in der Roboter vielfach die menschliche Arbeitskraft ersetzen, intelligente Androiden dazu imstande sind, bessere Romane zu schreiben als Tolstoi und Kafka und sogar für politische Ämter kandidieren, und Menschen schon mehr in einer virtuellen als in der echten Realität leben. In Qualityland ist alles nicht nur super oder spitze, sondern "bestens" - erlaubt sind nämlich nur Superlative - , Menschen bekommen von Drohnen automatisch Ware geliefert, die sie gar nicht bestellt haben - weil die Systeme alle Daten über alle Menschen sammeln, wird einfach errechnet, was jeder Mensch braucht oder sich wünscht und das wird ihm dann eben zugeschickt - und ernstzunehmende Nachrichten sind nur noch als eine Art kurzer Unterbrechung der Dauerwerbung, welche die Bewohner QualityLands auf allen Kanälen zumüllt, zu haben.
In dieser tristen Zukunftswelt , in der alles angeblich am obergeilsten ist, die Menschen aber zunehmend leer und sinnbefreit herumirren wie Zombies, lebt Peter Arbeitsloser - in QualityLand werden die Menschen nach dem Beruf des gleichgeschlechtlichen Elternteils benannt - und führt ein bescheidenes Dasein als Level-10-Mensch, der eine Schrottpresse für defekte Maschinen betreibt. Anstatt diese zu verschrotten, behält er sie aber, so sammeln sich bei ihm unter anderem ein Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung und eine E-Poetin mit Schreibblockade.
Peter fängt an, sich Fragen über die Richtigkeit und Sinnhaftigkeit dieses gesellschaftlichen Systems zu stellen, als er einen Delfinvibrator geliefert bekommt, den er nicht zurückgeben kann, weil er sich laut seinen Daten ja angeblich genau so ein Teil gewünscht hat. Das Buch handelt von seinem kleinen Widerstand gegen das System, welcher mehr oder weniger große Wellen schlägt.
Das klingt ziemlich irrwitzig, aber gleichzeitig auch nicht ganz abwegig - leben wir doch schon in Zeiten, in denen uns Algorithmen vorschlagen, was wir angeblich sehen möchten, und wo Daten für viele multinationale Großkonzerne das Allerwichtigste sind. Marc-Uwe Klingt treibt es in seinem Roman natürlich auf die Spitze und entwirft eine Gesellschaft, in der die Menschen so leidenschaftslos und schablonenartig daherkommen wie die Künstlichen Intelligenzen, die ihnen mehr oder weniger den Rang als "Krone der Schöpfung" abzulaufen drohen.
Leider blieb das Buch für mich in seinem Potential nicht voll ausgeschöpft: Die Idee ist originell und erfrischend, aber dermaßen schwarz-weiß-gezeichnet umgesetzt, dass das Lesevergnügen darunter einfach leidet. Es liest sich eher wie ein Drehbuch oder ein Script zu einem Comedyprogramm denn wie ein ernstzunehmender Roman. Die Protagonisten bleiben einem fern, man fiebert nicht mit, es wirkt alles sehr "runtergeschrieben". Zusammengehalten wird der Roman durch den Versuch, den Leser durch Witze bei Laune zu halten - und ja, es gibt die ein oder andere Passage, an der ich laut auflachen oder zumindest in mich hineinschmunzeln musste, aber das war's dann auch und genug andere Witze waren so flach und abgelutscht, dass ich mich eher langweilte.
Für mich ist das leider wieder mal so ein Roman, wie es sie unter zeitgenössischen deutschen Autoren häufiger mal gibt: irgendwie sehr flach bleibend, an der Oberfläche kratzend, wenig ausgereift, stilistisch übermäßig simpel gehalten. Man kann es nett runterlesen und die Gesellschaftskritik springt einem ja förmlich entgegen, aber es fehlt schlicht an Raffinesse und Würze, an Grauschattierungen - die für mich einen Roman erst wirklich lesenswert machen.