Zuletzt gelesen: "Schlampen mit Moral" von Dossie Easton und Janet W. Hardy
In dem Ratgeberbuch, welches 1997 erstmals veröffentlicht wurde, geht es um ethische Polyamorie, also "ethical non-monogamy". Das Buch soll Anregungen liefern, mit Vorurteilen ausräumen, und zu offenen, ehrlichen, respektvollen Liebesbeziehungen beitragen, die nicht-monogam sind, was immer das im konkreten Fall heißen mag.
Ich bin, was das Buch betrifft, etwas zwiegespalten. Die Autorinnen leben selbst schon lange polyamourös und sind somit sehr überzeugte Verfechterinnen dieser Lebensweise, auch wen sie betonen, dass selbstgewählte Monogamie natürlich eine genauso legitime Entscheidung sei. Dennoch empfand ich das Buch für einen Ratgeber in dieser Hinsicht schon ein wenig arg "poly-verherrlichend". Die Träume von einem "Schlampen-Utopia", in dem es für jeden körperliche und emotionale Liebe und Nähe im Überfluss gibt, man familiäre Strukturen aufbauen und dabei moralisch aufrichtig gegenüber all seinen Partner:innen bleiben kann, nun ja - es ist schön und gut, dass die Autorinnen hierfür Beispiele bringen, aber mal ehrlich, wie oft ist denn so ein harmonisches Miteinander der Fall? Fand ich ein wenig arg romantisierend-verklärend, zumal die Autorinnen für mich leider nicht schlüssig und nachvollziehbar genug darlegen konnten, was genau denn nun der Mehrwert polyamouröser Beziehungsgeflechte ist. Ich hätte mir da einfach stichhaltigere Argumentationen gewünscht, anstatt dieses doch sehr allgemein gehaltene "Sie verdienen alles, und Ihre Partner verdienen alles". Vielleicht muss man da auf seiner polyamourösen Reise bereits ein Stück weiter sein, um sich damit zufriedengeben zu können.
Es gibt Kapitel über Kommunikation, Konflikte und Eifersucht, die durchaus nützliche Hilfestellungen beinhalten und auch praktische Übungen und Tipps bieten - zur ehrlichen, gelungenen, wertschätzenden Kommunikation mit dem/den Partner:Innen, zur Bewältigung negativer Gefühle, zur konstruktiven Lösung von Meinungsverschiedenheiten und Konflikten, aber etwas wirklich "Bahnbrechendes" war hier nicht dabei, eher Dinge, die eigentlich heutzutage ohnehin jeder schon weiß - Ich-Botschaften anstelle von Vorwürfen, Verantwortung übernehmen für die eigenen Gefühle, gemeinsam mit dem/den PartnerInnen Vereinbarungen treffen, die für beide akzeptabel sind, und sich auch an diese halten - das alles hat Hand und Fuß, ist aber zugleich nichts Neues und vor allem nichts, was speziell auf Poly-Beziehungen gemünzt ist.
Und ich bin wahrhaft nicht prüde, aber die ständige Betonung von körperlicher Liebe und Lust und Leidenschaft begann irgendwann tatsächlich, mich ein wenig zu stören, ein ganzes Kapitel, das Gruppenerfahrungen wie Orgien, S*x-Parties etc. gewidmet war, habe ich mir auch komplett geschenkt und fand es auch etwas unpassend für einen Polyamorie-Ratgeber - dafür wäre es mir lieber gewesen, das Buch wäre stärker auf emotionale Verbindungen eingegangen, auf die Herausforderungen und Konflikte in Polybeziehungen, auf die doch oftmals beschränkten Zeit- und Energieressourcen, die im Buch zwar kurz thematisiert werden, aber eben nur kurz und knapp, als handle es sich dabei lediglich um Lappalien, obwohl doch genau das ein Knackpunkt ist, der in nichtmonogamen Beziehungsgeflechten meiner Ansicht nach besondere Beachtung verdienen würde.
Das Buch enthält durchaus zum Nachdenken anregende Ansätze und die grundsätzliche Einstellung der Autorinnen, den Lebensmenschen mit Respekt, Würde, Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit zu begegnen, ist ein wirklich schöner - aber es fehlt an konkreten Strategien, an einer in sich geschlossenen, wirklich überzeugenden Argumentation. Natürlich kann es für zwischenmenschliche Beziehungen keine ganz genauen Handlungsanweisungen geben, Menschen sind schließlich keine Maschinen und zudem ist jeder Mensch einzigartig, aber etwas mehr "Verwertbares" wäre doch toll gewesen.