Da fällt mir ein, dass ich tatsächlich noch keinen einzigen Franzen Roman gelesen habe... 
Ich überlege schon seit Tagen, ob ich dir Franzen empfehlen würde oder nicht. Ich feiere ihn ja, und ich glaube, sein schriftstellerisches Können wäre für dich ebenfalls Genuss. Ich weiß aber nicht, ob dir seine Romane inhaltlich gefallen könnten. Würde dir empfehlen, mit "Freedom" zu beginnen - oder eventuell mit "Crossroads. A Key to all Mythologies Vol. 1", aber da musst du dann eben auf den zweiten Teil der angekündigten Trilogie warten, so wie ich seit mittlerweile fast einem Jahr.
So, zuletzt gelesen - "Desperate Characters" von Paula Fox
""God, if I am rabid, I am equal to what is outside." p. 151"
Auf das Buch kam ich lustigerweise durch eine Netflix Serie, nämlich "You - Du wirst mich lieben". Da fand ich Staffel Eins unfassbar stark und die Protagonistin, eine junge aspirierende Schriftstellerin namens Guinevere Beck, sucht in dem Buchladen ihres späteren Partners und Mörders Joe ausgerechnet nach diesem Roman, welcher eines ihrer Lieblingswerke ist.
Seitdem ich diese Serie also gesehen hatte, war im Hinterkopf immer mein Gedanke, eines Tages müsse ich Paula Fox unbedingt lesen.
Tja, das habe ich nun. Und passenderweise hat "Desperate Characters" in der von mir bestellten Auflage sogar ein Vorwort von niemand Geringerem als Jonathan Franzen
Er lobt ihr herausragendes schriftstellerisches Können und äußert auch Bedauern darüber, dass dieser dünne, aber nichtsdestotrotz für ihn sehr "wuchtige" Roman, nicht populärer ist, denn er sei vielen anderen "great american novels" deutlich überlegen. Gleichzeitig denkt er in dem Vorwort auch über mögliche Gründe dafür nach, die ich beim Lesen der Lektüre selbst dann besser nachvollziehen konnte.
"Desperate Characters" ist so ein Buch, auf das man sich wirklich einlassen muss - und das es einem dabei nicht immer ganz einfach macht. Es liegt eine unterschwellige Hoffnungslosigkeit und Bedrohlichkeit darin, Fox schafft eine Atmosphäre, die eigentlich auch häuslich-aufgeräumt, unaufgeregt wirken könnte - aber durchzogen ist das scheinbare Ehe-Idyll des Anwaltes Otto Bentwoods und seiner Ehefrau Sophie dabei stets vom existenziellen Horror des Menschseins. Die eigentliche Handlung des Romans kann hier quasi auch auf einer Meta-Ebene verstanden werden: Sophie stellt einer im Garten herumstreunenden Katze etwas Milch hin und möchte die in ihren Augen so bemitleidenswerte Kreatur streicheln - dabei wird sie von der Katze gebissen und in den wenigen Tagen, in denen dieser Roman sich abspielt, durchlebt sie daraufhin eine emotionale Achterbahnfahrt mit der ständigen Sorge, mal ganz präsent, mal kaum, das Tier könne tollwütig gewesen sein. Dadurch wird dem Ehepaar das Wissen um die Vergeblichkeit des angestrengten dauerhaften Versuchs, sich von der Wildnis "da draußen" abzugrenzen und zivilisiert-kultiviert zu leben und dadurch auch eine Identität zu haben, die sich von der wilder Tiere unterscheidet, zwar nicht unbedingt offenbar, doch an ihren Konflikten und Problemen mit sich selber, miteinander und mit Dritten (wie Ottos ehemaligem Geschäftspartner Charlie, mit dem es nicht wirklich im Guten auseinanderging) bekommen durch den zumindest in ihrem Unterbewusstsein präsenten Kampf um Identität und Abgrenzung und Gewissheiten eine verzweifelte Dynamik.
Paula Fox schreibt sehr scharfsinnig und seziert hier das Innenleben vor allem von Protagonistin Sophie auf eine sehr gekonnte und wortgewaltige Weise. Gleichzeitig hat der Roman auch auf gesellschaftlicher Ebene etwas zu sagen, denn dem Wohlstand und materiellem Erfolg von Sophie und Otto stehen ihre in armen Verhältnissen lebenden Nachbarn gegenüber, sowie all jene Menschen, die in sozialen Schichten unterhalb der Bentwoods verkehren, und auch hier sind Sophie und Otto von einer diffusen Aura der Bedrohung umgeben, des Verlusts von Privilegien durch gesellschaftlichen Umbruch und Wandlung.
Ich würde nicht sagen, dass "Desperate Characters" zu einem Liebling von mir geworden ist, vielleicht müsste ich dafür das Buch wie Jonathan Franzen viel, viel öfter lesen. Dennoch ist es ein Werk, dessen "Impact" man nicht leugnen kann. Es lässt sich gut in einem Rutsch durchlesen, liegt aber schwer im Magen, da es doch anspruchsvolle Kost ist, die erst einmal gründlich verdaut werden muss.