Zuletzt gelesen: "Carol" von Patricia Highsmith
Ich habe dieses Buch nun zum zweiten Mal gelesen, erst jetzt aber konnte ich dieses Meisterwerk eines Liebesromans wirklich zu schätzen wissen. Ich war erstaunt über die Finesse und Tiefgründigkeit, mit der die junge Patricia Highsmith das Seelenleben ihrer Protagonistin Therese ergründet und dem Leser zugänglich macht. Die menschlichen Emotionen, oft so komplex, widersprüchlich und auch schambehaftet (Eifersucht, Schadenfreude, Gleichgültigkeit), werden von Highsmith äußerst gekonnt und bewusst beschrieben, sodass man den Selbstfindungsprozess der jungen Bühnenbildnerin Therese, viel intensiver mitempfinden kann als es andere, durchschnittlichere Romane es ermöglichen.
Die Liebesgeschichte, die sich in den repressiven 1950er-Jahren zwischen Carol und Therese entwickelt, erzählt Highsmith mit einer Sensibilität und Eleganz, die ihresgleichen sucht. In dieses Buch muss viel Herzblut geflossen sein, auch wenn Highsmith selbst sich später von dem Roman, den sie unter einem Pseudonym veröffentlichte und der sich in den 50er-Jahren wahnsinnig gut verkaufte und vielen homo- und bisexuellen Menschen Hoffnung und Zuversicht geben konnte, distanzierte, ihn sogar einmal in einem Brief an eine Freundin als schlecht geschrieben bezeichnete. Dies mag aber auch an der internalisierten Homophobie der Verfasserin liegen, die als junge Frau sogar versuchte, sich von ihrem Lesbianismus "heilen" zu lassen und in Briefen selbst erwähnte, Scham für dieses Werk aufgrund der Thematik zu empfinden.
"Carol oder Salz und sein Preis" ist in meinen Augen mehr als eine Liebesgeschichte, es ist ein kluges Portrait einer unterdrückten, nur nach außen hin tugendhaften Gesellschaft, es geht um Identitätssuche und die Opfer, die man manches Mal bringen muss, um seinem Herzen zu folgen. Meisterhaft schildert Highsmith diese intensive und lebensverändernde Begegnung zwischen zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch feststellen, nicht ohneeinander sein zu wollen.
Ein unglaublich berührendes Werk, das ohne Kitsch und Pathos auskommt und meiner Ansicht nach gar nicht in eine Schublade gesteckt werden sollte - dafür ist es einfach zu vielschichtig und zeugt von der Brillanz der Verfasserin.