Zuletzt gelesen: "Pages for you" von Sylvia Brownrigg
War nicht das erste Mal, dass ich dieses Buch gelesen habe, nach einigen Jahren griff ich nun, selbst älter und reifer geworden, dazu. "Pages for You" ist eine Liebes- und Trennungsgeschichte, die ohne Kitsch und Pathos von der ersten romantischen Beziehung der 17-jährigen Collegestudentin Flannery erzählt, welche sich in die um 11 Jahre ältere Anne, die an ihrem College als Lehrassistentin arbeitet, verliebt. Hier meiner Ansicht nach auch schon das größte Manko des ansonsten sehr lesenswerten Romans, denn wie wahrscheinlich ist es schon, dass Flannery und Anne sich auf einem großen Campus andauernd über den Weg laufen und nicht nur die frisch aus Kalifornien eingetroffene Flannery sich unsterblich in die kultivierte, unzugänglich wirkende Anne verliebt, sondern dass diese ältere Frau ihre Gefühle auch noch erwidert? Gerade Romane mit nicht-heterosexuellen Protagonist:Innen machen es sich da gerne mal zu einfach, indem unwahrscheinliche Begegnungen geschildert werden und so getan wird, als sei es gar kein Problem, unbeabsichtigt jemandem zu begegnen, der ebenfalls so empfindet. Schade daran finde ich, dass dadurch Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die aus der "Hetero-Norm" fallen, suggeriert wird, das geschehe meist "einfach so", was in vielen Fällen einfach nicht stimmt.
Aber mal abgesehen von dieser Schwäche ist dieser eher kurze, aus Sicht der nun erwachsenen, schreibenden Flannery erzählte Roman schon ein kleiner literarischer Leckerbissen, Brownrigg ist eine begabte Autorin und spielt kunstvoll und ästhetisch ansprechend mit Sprache, sodass die eigentliche Handlung zwar nie in den Hintergrund gerät, aber eigentlich doch fast ein wenig zweitrangig ist, die Leinwand, die das Grundgerüst für Brownrigg's gekonnte Schilderungen der College-Atmosphäre und der Suche nach Identität und Zugehörigkeit bereitstellt. Sie erzählt überzeugend von Flannerys tiefgehenden Gefühlen für Anne, von ihren Zweifeln, ob Anne sie wirklich genauso gerne mag, sie lässt Flannery jedes Hoch und Tief durchleben, das charakteristisch ist für eine erste, leidenschaftliche und doch von Ängsten und Unsicherheiten geprägte Liebe. Der Leser kann sich sehr gut in Flannery hineinfühlen, während er stets auf etwas Distanz zur rauchenden, literarisch versierten Anne gehalten wird, was erzählerisch äußerst viel Sinn macht, empfindet doch auch Flannery trotz aller Zuneigung und Zärtlichkeit, die Anne ihr schenkt, stets einen gewissen Rest an Distanz - es ist ein weitverbreitetes Paradox, der Wunsch, das Bedürfnis nach Verschmelzung und Einssein, während aber die tiefsten Sehnsüchte und geheimsten Gedanken des begehrten Subjekts stets verborgen bleiben, selbst vor dem hingebungsvollsten Partner.
Für mich ein sehr schöner, ruhig erzählter Roman, der doch eine intensive und eindringliche Wirkung entfaltet.