Mein Problem mit der Showzucht und dem überwiegenden Fokus auf Ausstellungsergebnisse bei einer Linie ist nur, dass ich mit einer gewissen Bandbreite optischer Varianz innerhalb einer Rasse gut leben kann. Ob die Zuchttiere da immer die Ohren 100%ig richtig angesetzt haben oder ob die Abzeichen komplett 'korrekt' sind, ist mir relativ egal, ganz platt gesagt. Ich glaube, es war @flying-paws, die in einem anderen Thread mal Bilder eingestellt hatte, wie sehr sich Border Collies im ISDS in Ohrenhaltung, Fell, Farbe, etc. unterscheiden können: das find' ich – gerade im Hinblick auf eine breite genetische Basis – klasse! Es ist doch Blödsinn, einen guten Hund aus der Zucht auszusortieren oder eine optische Abweichung wie Stehohren bei gewünscht kippohrigen Rassen als 'schweren Fehler' abzuwerten, wenn der Hund davon keinen Nachteil hat und man sich langfristig so den Genpool immer kleiner bastelt, weil man einem eng gesteckten optischen Ideal näherkommen will. :/
Und eine streng an Showkriterien ausgerichtete Zucht ist für diese Vielfalt innerhalb der Rasse nun mal kontraproduktiv, weil z.B. ein Hund mit optischen 'Fehlern' für eine ambitionierte Ausstellungskarriere nicht geeignet ist, nicht gezeigt wird und seltener oder gar nicht zur Zucht eingesetzt wird.
Womit ich allerdings nicht gut leben kann, ist, wenn sich ein Hund Rasse X nicht wie Rasse X verhält, weil die rassetypischen Eigenschaften nicht überprüft wurden. Wo genau der Hund dann zeigt, dass er die gewünschten Eigenschaften mitbringt, ist mir nicht ganz egal, aber da sehe ich deutlich mehr möglichen Spielraum.
Beispiel: Natürlich wäre es ideal, wenn ein Aussie Hüteerfolge vorweisen kann, bevor er in die Zucht geht. Aber hauptsache, es wird überhaupt irgendwas mit dem Hund gemacht, wo man überprüfbare Aussagen über das Wesen und den Charakter treffen kann... Mir ist's 10x lieber, wenn der Aussie vielleicht nicht auf Trials unterwegs ist, aber dafür als Rettungshund ausgebildet ist oder im Obedience Klasse 3 geführt wird, als wenn er 'nur' Showergebnisse vorweisen kann. Ersteres sagt mir zumindest mehr über Trainierbarkeit, Nervenstärke und Belastbarkeit als letzteres. (So war mein – unglücklich gewähltes
– Beispiel mit dem Retriever gemeint: Hauptsache, man macht überhaupt irgendwas mit dem Hund, wo man eine Aussage über den Charakter treffen kann, selbst wenn es nicht das 'Original-Aufgabengebiet' der Rasse ist. Besser als gar nix zu prüfen und nur die Optik zu bewerten, sozusagen.)
Insofern tendiere ich persönlich zur Arbeitslinie bzw. kann deutlich besser nachvollziehen, warum man nur das Nötigste an Ausstellungen absolviert und sich dann auf Leistungsprüfungen konzentriert. Wie gesagt, vermutlich färben meine Erfahrungen mit Aussies meine Sichtweise auf das Thema ganz stark und bei anderen Rassen fällt das nicht so deutlich auseinander; und vielleicht ist es auch ein bisschen persönliche Präferenz, ob man sagt "Aussehen und Wesen sollten in der Zucht zu genau gleichen Teilen wichtig sein" oder ob man dem einen oder dem anderen einen leichten Vorzug gibt, wie ich das tue.