So - jetzt bin ich endlich Zuhause!
Immerhin ist mir noch eine zweite Geschichte eingefallen, auch wenn ich etwas überrascht war, dass es wirklich nicht mehr sind ^^
Ich versuche, alles gut zu schildern, damit ihr euch ein allgemeines Bild machen könnt, auch wenn es dadurch länger wird.
Geschichte Nummer 1 ereignete sich in einem Nachtdienst. Die psychiatrische Akutaufnahme befand sich nicht direkt im Haupthaus, sondern wurde erst später angebaut. Neben dem Haupteingang zum allgemeinen Klinikkomplex gibt es etwas versetzt und nicht direkt einsehbar einen zweiten Eingang, der zunächst in die psychiatrische Ambulanz führt und an deren Ende ist die große verschlossene Tür - der Eingang zu unserer geschlossenen Station.
Nun befanden sich die Personaltoiletten nicht direkt auf Station, sondern hinter der Tür im Bereich der Ambulanz. Eigentlich ist diese Nachts verschlossen. Wie sich später herausstellen sollte, wurde sie genau in dieser Nacht aber nicht wie sonst abgeschlossen - die Technik war kaputt.
Ich wollte gegen 3 Uhr nachts auf Toilette und bin also in die Ambulanz rüber gegangen. Wir waren nachts 4 Pflegekräfte und mein männlicher Kollege verließ gerade unsere einzige Personaltoilette mit dem freundlichen Hinweis, ich solle da jetzt lieber nicht rein.
Okay - die Besuchertoilette befindet sich direkt daneben. Eine Tür öffnen und es gibt jeweils eine Toilette für Männlein und Weiblein. Ich bin (doch etwas müde) also auf die Besuchertoilette für die Damen gegangen, saß dort kurz und plötzlich wurde ich unruhig.
Irgendetwas war mir gerade aufgefallen - eine Kleinigkeit, ein flüchtiger Blick auf irgendetwas, das nicht stimmte. Nur was?
In dem Moment, als mir bewusst wurde, dass die Herrentoilette von innen verschlossen war (man sieht ja das Rote am Handgriff) und da drinnen Licht brannte, stockte mir der Atem.
Der einzige männliche Pfeger im Dienst kam mir ja gerade aus der Personaltoilette entgegen. Meine beiden anderen Kollegen waren Frauen und waren beide im Dienstzimmer, als ich los bin.
Unser Dienstarzt? Auch eine Frau... es konnte definitiv niemand vom Team sein und ein Besucher oder Patient kommt da einfach nicht lang... Wer bitte schön sitzt da also nachts um 3 in der psychiatrischen Ambulanz neben mir auf Toilette?!
Ich bekam richtig Panik ehrlich gesagt. Ich hatte keine Möglichkeit, meine Kollegen zu kontaktieren und selbst, wenn ich laut rufen würde, könnte es niemand hören.
Ganz leise zog ich mir die Hose hoch, klemmte mir meinen Dienstschlüssel in die geballte Faust für den Fall, dass derjenige mich gleich versucht, draußen abzupassen und betätigte Spülung und Schloss gleichzeitig, um mir Vorsprung zu verschaffen.
Ich rannte los und noch während ich fieberhaft versuchte, diese verdammte Stationstür wieder aufzuschließen, hörte ich schon die Tür in der Toilette knallen. Da kam also wirklich jemand hinter mir her!
Blitzschnell bin ich dann noch hinter die Tür und konnte diese zuwerfen - von außen kommt man ohne Schlüssel nicht rein.
Ich rannte zu meiner Kollegin und wir riefen den Sicherheitsdienst.
Der meldete sich kurz darauf und beschrieb uns einen Mann, der ihm noch entgegen gerannt kam auf dem Weg nach draußen.
Die Beschreibung passte auf einen Patienten, der kurz zuvor entlassen wurde und dem gesamten Team angedroht hatte, sich an jedem einzelnen von uns zu rächen und uns die Kehle aufzuschneiden...
Kurz darauf wurde er übrigens Gott sei Dank in die Forensik für viele Jahre eingewiesen.
Geschichte Nummer 2 ereignete sich auch in einem Nachtdienst mitten im Winter.
Zu dem Zeitpunkt hatten wir eine uns gut bekannte Patientin auf Station. Sie war schon älter, hatte krause graue Haare und furchtbar lange Fingernägel... und eine Warze auf der Nase. Sie sah in ihren schlimmen Zeiten wirklich aus wie eine Hexe aus dem alten Märchenfilmen.
Sprach man sie an, begann ihr rechtes Auge wild zu zucken und wenn man das ignorierte, versuchte sie einem raptusartig an den Hals zu gehen.
In dieser Nacht geriet sie mit einer anderen Patientin aneinander und das ganze schaukelte sich immer weiter hoch. Sämtliche Deeskalationsversuche scheiterten und am Ende rannte sie auf dem dunklen Innenhof der Station wild im großen Kreis. Wir liesen ihr Raum und standen hinter der Scheibe. Jedes Mal, wenn sie an uns vorbei kam, warf sie sich brüllend gegen das Glas und wir entschieden uns, sie zu fixieren.
Meine Kollegin und ich liefen los, um das Bett mit den Fixiergurten zu holen und kamen ca 10m weit.
Was uns in dem Trubel der letzten Stunde entgangen war, war die Tatsache, dass für 5 Uhr eine Kontrolle des Notstromaggregats angekündigt war. Nachdem wir uns diese 10m vom Innenhof entfernt hatten, ging plötzlich im gesamten Krankenhaus das Licht aus (was normal ist, bis der Notstrom angeht). Wir wurden allerdings völlig unerwartet davon überrascht und da es Winter war, sah man seine eigene Hand nicht mehr vor Augen.
In so einer eh schon nervenaufreibenden Situation plötzlich im Stockfinsteren hilflos auf Station zu stehen, trieb uns augenblicklich den Puls in die Höhe. Meine Kollegin und ich hielten uns fest, das ganze dauert vielleicht 1 Minute aber es fühlt sich einfach an wie Stunden.
Plötzlich hörten wir hinter uns die Tür zum Innenhof... und das schnauben der Patientin, die sich jetzt in unmittelbarer Nähe zu uns wieder auf Station befand. Ich krallte mich in den Arm meiner Kollegin, versuchte nicht zu atmen und das Wimmern zu unterdrücken, dass gerade meine Kehle hoch kroch.
Ich starrte in die Dunkelheit in Richtung Innenhof und versuchte auszumachen, wo sich die Patientin lang bewegte.
In dem Moment schaltete sich der Notstrom ein und es wurde wieder hell auf Station.
Die Patientin stand nur noch 2m vor mir und starrte mich mit zuckenden Augen direkt an. In dem Moment, als sie auf mich los wollte, konnten sie meine anderen Kollegen Gott sei Dank noch festhalten und wir konnten sie letztendlich fixieren.
Ich war danach nicht mehr in der Lage, den Pflegebericht zu schreiben, weil meine Hände noch eine halbe Stunde später nicht aufhören wollten zu zittern...
Gute Nacht und schlaft gut! 