Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum es irgendwie ehrenwerter ist, einen Jagdhund aus Zypern in ein Leben zu zwängen, das überhaupt nicht zu ihm passt, als einen Jagdhund aus Deutschland
Es geht mir nicht darum eine ehrenwerte Aktion zu leisten, sondern wollte ich Hamlet einfach. Die Orga hat auch Tiere in DE, aber als ich auf deren seit egeguckt habe bin ich halt auf Hamlet gestoßen, der ja aus Zypern kommt.
Ich lebe - ganz grob - in vergleichbaren Verhältnissen wie du, städtisch, aber nahe am Stadtrand, in meinem Falle ohne Auto, Mehrfamilienhaus ohne Garten. Meine Pudelhündin ist im Alltag immer dabei. Gemeinsame Arbeit und Hundetraining machen mir Freude, wir waren in verschiedenen Sportarten erfolgreich unterwegs. (Jetzt ist sie Seniorin.)
Kein Züchter in Deutschland würde mir einen Jagdgebrauchshund verkaufen, aus guten Gründen. Ich könnte dem Hund nicht das bieten, was er braucht und sein starker Jagdtrieb, der ihn von Grund auf prägt, wäre mir nur lästig und hinderlich. Anstatt seine Anlagen zu fördern, müßte ich lebenslang dagegen arbeiten. Gegeneinander arbeiten macht keinen Spaß. Miteinander arbeiten und Talente fördern dagegen sehr. Wenn die herausragenden Talente meines Hundes für mich aber unerwünschte Eigenschaften sind, sind Konflikte programiert.
Das ist der Punkt, auf den Frau+Hund hinauswollte: Du würdest genausowenig einen Jagdgebrauchshund vom Züchter bekommen wie ich.
Aber über den Auslandstierschutz sind solche Hunde problemlos für jedermann verfügbar. Passen sie deshalb besser für Menschen wie dich und mich? Brauchen sie nichts weiter als Liebe und etwas Training, um zu uns und in unser Leben zu passen?
Nein, natürlich nicht! Ein Jagdhund aus dem Tierschutz hat doch denselben Anspruch, mit all seinen Anlagen und Ansprüchen ernstgenommen zu werden wie einer vom Züchter.
Unter den Jagdhunderassen gibt es kooperative und eigenständige Jäger. Vorstehhunde wie Setter zählen zu den kooperativen Jagdhunden, die gemeinsam mit dem Menschen jagen und die eher über einen guten antrainierten Gehorsam zu führen sind. Bracken und Laufhunde, zu denen Hamlet gehört, zählen dagegen zu den selbstständigen Jägern. Die machen draußen ihr eigenes Ding und vergessen den Menschen vollständig, wenn Gerüche und Wild locken. Wild gibt es hier nicht überall und jederzeit, Gerüche aber immer und ausnahmslos.
Eine Freundin von mir hatte eine französische Laufhündin (Ariegeois) aus dem Tierschutz. Sie war sehr lieb, aber alles andere als ein "treuer Begleiter". Draußen versank sie vom ersten Moment an in ihrer Geruchswelt, und der Mensch am anderen Ende der Leine existierte für sie nicht mehr. Ohne Leine wäre sie von Geruch zu Geruch sonstwohin gelaufen. Auf städtischen Spazierwegen und in öden Grünanlagen wohlgemerkt, wo es weit und breit weder Hase noch Reh gibt.
Meine Pudelin schnüffelt auch gerne, behält mich dabei aber immer im Auge und folgt mir. Sie kann weitgehend ohne Leine laufen. Das erwarte ich auch so von meinem Hund. Ich nehme einfach mal an, auch du hast ein ähnliches Bild vor Augen, wenn du dir gemeinsame Gänge mit deinem zukünftigen Hund vorstellst.
Bei der Hündin meiner Freundin ein Ding der Unmöglichkeit. Und wir reden da nicht nur vom Ausflug in Wald und Flur, sondern vom kurzen Gassi ums Eck.
Ein treuer Begleiter im Alltag, den man überall hin mitnehmen kann - das klingt für die meisten Menschen nicht nach einer hohen Anforderung, sondern nach Basis. Das ist doch nichts Besonderes, das kann jedes Schoßhündchen. Tatsächlich ist das aber eine große Leistung: 24/7 dicht mit dem Menschen zusamenleben, viele verschiedene Reize und Geräusche aushalten, Menschen, andere Hunde, Autos usw tolerieren, sich in wechselnden Umgebungen (Sitter, Arbeitsplatz, Restaurant, Freunde) angepasst verhalten - das ist sehr viel verlangt, ganz besonders für Hunde aus dem Tierschutz, die nicht von Anfang an daran gewöhnt wurden. Da muß man oft große Abstriche machen, nicht nur für eine Phase der Eingewöhnung, sondern lebenslang.
Man kann natürlich auch das große Los ziehen und der Hund macht alles mit wie geplant. Man weiß es aber vorher nicht.
Ein naheliegender Gedanke ist es dann, einen jungen, noch formbaren Hund aufzunehmen. Ein junger Hund ist aber kein unbeschriebenes Blatt. Er bringt nicht nur seine Genetik mit, die sich nicht wegtrainieren läßt. Auch seine Erfahrungen prägen ihn - bei Tierschutzwelpen ist es oft vor allem ein Mangel an Erfahrungen, der Probleme verursacht. Das Stichwort lautet hier Deprivation. Ein junger Hund, der bis dahin nur aufbewahrt wurde, kommt mit den Reizen hier oft schlecht zurecht und das führt zu oft lebenslangen Einschränkungen.
Zu sehen ist das in Beschreibungen und Videos der Tierschutzorgas oft nicht, denn da wird der Hund ja in seiner bisher gewohnten Umgebung gezeigt und beschrieben, in der er sich unbefangen verhält.
Die goldene Regel für einen Importhund: Alles kann, nichts muß. Wenn etwas funktionieren muß, weil du keinen Plan B und C hast, dann solltest du keinen Direktimport nehmen. Es wäre dem Hund gegenüber nicht fair.
Dagmar & Cara