Von Kito habe ich hier im Forum ja schon häufiger berichtet. Hier eine kurze Zusammenfassung:
Kito kam mit 1/2 Jahr von der Straße in eine Tierschutzorga, wo er 1 Jahr in einem Haushalt in Deutschland lebte ohne dass er sich anfassen ließ. Er hat sich bei jedem Besuch in seine Kiste verzogen, hat nur gefressen, wenn er alleine im Raum war, hat sich ansonsten aber (wie ein Schatten) im Haus bewegt und im Garten auch mit den anderen Hunden gespielt (auch nur, wenn kein Mensch dabei war).
Ich arbeite nun seit fast 2 Jahren mit ihm. Fast täglich bin ich in der Pflegestelle und Kito hat enorme Fortschritte gemacht. Es schien alles ewig zu dauern, aber nach 1/2 Jahr ging er mit auf Spaziergänge und ließ sich draußen auch mal richtig streicheln, nach 1 Jahr lief er draußen im Feld fast nur ohne Leine und ließ sich im Haus auch mal in der Tür blicken, wenn Besuch da war und mittlerweile lässt er sich draußen von Menschen die er regelmäßig trifft anfassen, bleibt bei Besuch im Raum, fährt Auto und ist viel entspannter geworden.
Alles Neue macht ihm Stress, aber ich versuche ihn langsam auch an mehr unbekannte Situationen heranzuführen. Irgendwann möchte ich ihn auch ganz übernehmen - zur Zeit habe ich das Gefühl ihm mein Leben noch nicht zumuten zu können.
Sein Hauptproblem sind Menschen. Läuft er frei, weicht er aus und nähert sich dann von hinten zum Schnüffeln. Er nimmt von Fremden Leckerli und bleibt gut ansprechbar. An der Leine versucht er auszuweichen, lässt sich aber an einzelnen Menschen recht ruhig vorbeiführen. Hektisch wird er an der Leine, wenn Menschen direkt hinter uns her laufen, uns Gruppen begegnen oder mehrere Menschen aus unterschiedlichen Richtungen kommen.
Seit 3 Monaten besuche ich mit ihm einen Basiserziehungskurs in einer Hundeschule. Der erzieherische Aspekt dabei ist drittrangig, denn die Grunderziehung hat er genossen und ist seinen "Mitschülern" diesbezüglich weit vorraus. Mir ging es darum Leinensituationen mit fremden Menschen zu üben, eine neue Situation kennenzulernen und ihn wieder mehr zu fordern, denn im gewohnten Umfeld läuft ja alles gut.
Nun ist im Plan des Kurses ein Stadtgang vorgesehen, inklusive Besuch eines großen Centers, Fahrstuhlfahen und Cafébesuch. Ich konnte mir Kito einfach nicht dabei vorstellen - bzw. ich habe ihn mir als zitterndes Häufchen Elend vorgestellt. Um besser einschätzen zu können wie er sich in der Stadt verhält (er kennt bisher nur Dorf und Feld), bin ich heute mit ihm an den Rand der Fußgängerzone gefahren.
Vom Parkplatz aus sind wir durch einen kleinen Park gegangen und haben dann eine kleine Seitengasse betreten, die schon recht gut frequentiert war - kein Gedränge natürlich, aber immer mehrere Menschen in Sichtweite und immer wieder Passanten, die überholt haben oder uns entgegen kamen.
Kito war sichtlich gestresst, je mehr Menschen, desto höher der Stresspegel: Hecheln, Zittern, Schwanz eingeogen, hektisches Hin- und Herblicken und Zerren an der Leine. Dabei war er aber ansprechbar, ich konnte ihn absitzen lassen und er hat Leckerli angenommen.
Ich habe daraufhin die Gasse wieder verlassen und bin zurück in den ruhigeren Park, wo ich mich auf eine Bank gesetzt habe. Auch dort liefen immer wieder Passanten vorbei und er hat sich irgendwann unter die Bank verzogen, wo er immernoch sehr angespannt alles im Blick hatte. Nach einiger Zeit haben wir noch eine Runde durch den Park gedreht, wo er sich tatsächlich etwas entspannt hat (Schütteln, Schwanz ging hoch, er konnte mal an einem Halm schnüffeln und hat auf meine Spielaufforderung reagiert).
Ich stelle mir nun die Frage wo der geeignete Stresspegel ist um ihn gezielt an die Stadtsituation zu gewöhnen. Klar ist, wenn Kito völlig in Panik verfällt und nicht mehr ansprechbar ist, dann ist es eindeutig zu viel. Klar ist aber auch, dass er sich an eine stressige Situation nur gewöhnen kann, wenn er sie erlebt - natürlich in einer angemessen abgeschwächten Form. Er ist von seiner ganzen Art her ein kleiner Hektiker und wenn ich bei jedem Trainingsschritt gewartet hätte, bis er völlig entspannt ist, würde ich wohl immernoch auf dem Boden in seinem Zimmer sitzen. Ich bin eigentlich immer ein Stück über seine Comfortzone hinausgegangen, wodurch seine Entwicklung aber insgesamt sehr positiv war.
Was meint ihr: Würdet ihr regelmäßig Zeit auf der Parkbank verbringen oder auch mal gezielt Abstecher in den Bereich der Fußgängerzone machen? Ist es zielführend ihn eine kurze Zeit dem erhöhten Stresspegel auszusetzen um ihn sich dann im Park entspannen zu lassen? Was sind in euren Augen die Verhaltensmerkmale, die euch zeigen, dass der Hund noch in der Lage ist das ganze positiv zu verarbeiten? Reicht ein: Er frisst seine Leckerlis noch?
Und: wie oft würdet ihr so ein Stadttraining ansetzen? Er muss das Ganze ja auch verarbeiten, was ist also am effektivsten?
Bisher war unser Training so an den Alltag gebunden, da habe ich mir um solche Dinge wenig Gedanken gemacht. Ich bin kleinschrittig vorgegangen, habe so oft wie möglich trainiert, aber immer nur relativ kurz um ihn nicht zu überfordern.
Ich denke den Stadtgang mit der Hundeschulgruppe werden wir uns sparen... 