Gestern beendet: "Schoscha" von Isaac B. Singer.
Ein Flohmarkt-Fund, der sich als Juwel erwiesen hat.
Das Buch hat autobiographische Züge und beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts im jüdischen Teil von Warschau. Wie auch der Autor wächst der Protagonist in einer tiefreligiösen Familie auf; der Vater ist Rabbiner und besteht auf die Einhaltung jedes noch so kleinen religiösen Gesetzes und Dogmas.
Diese Welt wird langsam von der Moderne abgelöst, der Protagonist stellt althergebrachte Regeln und Traditionen in Frage. Er liest Philosophen, hat Frauengeschichten und versucht, seinen Platz im Leben zu finden. Währenddessen schaut die Welt mit Sorge auf die Entwicklungen in Deutschland und den grassierenden Antisemitismus.
In seiner körperlich und geistig zurückgebliebenen Kindheitsfreundin Schoscha findet er seine große Liebe - trotzdem ist das Buch zum Glück alles andere als eine rührselige Liebesgeschichte.
Der Autor Isaac B. Singer war mir bisher völlig unbekannt. Er ist bislang der einzige jiddische Autor, der den Literaturnobelpreis gewonnen hat. Er erzählt von einer Welt, die mir bislang ebenso unbekannt war: vom jüdischen Leben in Warschau, wo Jiddisch die Alltagssprache war und viele Menschen kaum Polnisch sprachen, obwohl sie polnische Staatsbürger waren. Quasi eine komplett eigenständige Stadt mit wenigen Berührungspunkten zum polnischen Teil der Stadt.