Beiträge von l'eau

    sexualtrieb würde ich unter selbstwert einordnen. Der rüde/die Hündin die sich fortpflanzen darf, hat eine besondere stellung im Rudel.

    Ist halt bloß nicht von Wölfen auf Hunde so übertragbar ...

    Zumal im Wolfsrudel idR die Fähe und der Rüde, die sich Fortpflanzen dürfen, die Eltern des restlichen Rudels sind. Und Eltern haben ja nun auch in den meisten Menschenfamilien eine besondere Stellung.


    Wölfe haben wohl kaum den Menschen als sozialen Partner angesehen,

    Doch. Der Urahn vom heutigen Wolf und Hund hat genau das gemacht. Er hat sich dem Menschen als Partner genähert und wurde vom Menschen als solcher aufgenommen. Das enge Verhältnis von Mensch und Hund ist nur aufgrund der unglaublichen Ähnlichkeit in den Sozialstrukturen des Urahns und des Menschen zustande gekommen.

    Eventuell wird das Verhältnis in den Anfängen noch nicht so eng gewesen sein wie heute, aber es hat sich rasend schnell so eng entwickelt.

    Natürlich gibt's auch die Hunde, die rein zum Spaß nen bissl hetzen oder aus Langeweile, dennoch gibt's ja trotzdem noch die, wo es ein elementarer Bestandteil der Genetik und des Wesens ist.

    Stimmt. Bei Jin gibt es definitiv einen sichtbaren Unterschied zwischen ernstem Jagen und zum Spaß Hetzen.

    Wobei interessanterweise Coursing mehr in die erste Kategorie gehört, obwohl ihr da freilich klar ist, dass sie nur einem leblosen Gegenstand nachjagt. Aber nicht umsonst sage ich, dass Coursing mehr sowas wie ihr Beruf ist, was sie sehr ernst nimmt. Derweil Agility ihr - selbstgewähltes (!) - Lieblingshobby ist.

    denn genau können wir die individllen Bedürfnisse der Hunde nicht erkennen.

    Warum sollte es nicht möglich sein, die individuellen Bedürfnisse seines Hundes zu erkennen? Klar, manchmal mag man daneben liegen - so wie es auch in der zwischenmenschlichen Kommunikation zu Missverständnissen kommen kann. Aber so schwer ist es meistens nicht zu erkennen, was ein Hund möchte - schon gar nicht, wenn es einer ist, mit dem man eine enge Beziehung pflegt (weil er mit einem zusammen lebt).

    Hund und Mensch haben sich in 20.000 (?) Jahren des Zusammenlebens stark aneinander angepasst, so dass wir uns relativ gut gegenseitig verständlich machen können.

    Wo ich mir eh immer Frage wieso rein positives Arbeiten mit Training ohne Grenzen gleich gesetzt wird? Ich kenne keinen positiv arbeitenden Trainer der keine Grenzen etapliert. Das wird halt anders gelöst.

    hm, meine (zugegeben geringe) Erfahrung mit rein positiven Trainern ist, dass dort Grenzen entweder über positive Abbrüche (wie dem Geschirrgriff), Ignorieren oder über Management (z.B. (Schlepp-)Leine) geregelt werden.

    Alles Punkte, die bei uns nicht (ausreichend und/oder befriedigend) funktionieren würden.

    Für l'eau s gruppenfotosituation wäre zb ein bo Ansatz zu sagen, ok sitzen hast du keinen Bock drauf, ich nehm auch nen Steh, nen Platz oder nen Hasen.

    ähm, Jin hätte nichts davon gemacht. Sie wollte einfach lieber am Rand schnuppern. Jedes Kommando, was sie daran gehindert hat, war also grad an ihrem Bedürfnis vorbei.

    Es ging mir bei dem Beispiel aber auch gar nicht darum, dass Jin und ich da grad unterschiedliche Bedürfnisse hatten, sondern um die unterschiedliche Reaktionen von Jin und dem Border auf meine Korrektur - die eindeutig an Jin gerichtet war, bei ihr nur als Erinnerung des Kommandos ankam, derweil der Border, obwohl ich ihn nicht anschaute, sich davon bestraft fühlte.

    Vielleicht habe ich auch zu wenig Ahnung um zu erkennen, wie man es anders hätte machen können, für uns hat es so aber funktioniert.

    Das ist der Punkt. Nicht jeder Hund ist gleich. Und nicht jeder Mensch ist gleich. Nicht jede Beziehung ist gleich.

    Bei dem einen Hund wird man die Beißhemmung ganz "einfach" über Schmerzenslaute in den Griff bekommen, bei einem andren durch anbieten einer Alternative (anstatt Mensch doch bitte Spielzeug ankauen) und bei wieder einem andren braucht's halt auch mal eine deutliche Ansage, damit er Hund versteht, was Mensch meint.

    Und all diese Möglichkeiten werden noch durch den Menschen beeinflusst. Derweil der eine die Schmerzenslaute absolut glaubhaft rüberbringt, kann ein andrer das gar nicht (weil es eben in dem Punkt, in dem man schon eingreifen sollte, noch gar nicht weh tut - das evtl. auch durch eine eigene hohe Schmerzgrenze verursacht). Ein andrer bringt wegen so einer (in seinen Augen) Kleinigkeit keinen authentischen Anschiss rüber. usw. usf.

    Es ist auch was anderes, ob einem (einfach weil es menschlich ist) mal ein lautes/scharfes "Nein" rausrutscht / man mal wütend wird oder ob man sich bewusst dafür entscheidet, seinen Hund primär über Wasserflasche & aversives Halsband o.Ä. "trainiert".


    Mir persönlich ist Fairness einfach super wichtig (auch gegenüber anderen Menschen) und dass man als Mensch seine "überlegene" Position reflektiert und nicht missbraucht und gewaltfrei bleibt.

    Warum ist ein lautes/scharfes Nein unfair? warum darf das nur "rausrutschen"? Manchmal ist das eben angebracht. Natürlich nicht unbedingt bei so einem sensiblen Hund, wie du deine Hündin beschreibst. Aber bei "härteren" Hunden macht man damit nix kaputt. Im Gegenteil.

    Beispiel:
    Vor einiger Zeit sollte es ein Gruppenbild u.a. mit dem Border unserer Agi-Trainerin geben. Jin fand das ziemlich öde und ist aufgestanden. Ich sagte: "Sitz!" (minimale Strenge in der Stimme). Der Border der Trainerin guckte direkt ganz "schuldbewusst", ihm war das also schon deutlich unangenehm. Derweil Jin sich mit einem "Wenn du unbedingt drauf bestehst"-Blick wieder setzte.


    Es ist nicht das Bedürfnis eines jeden Hundes in einer (überspitzt gesagt) rosa-roten Wattebauschwelt zu leben. Und es gibt nicht nur schwarz oder weiß. Man kann auch einen liebevollen Umgang mit dem Hund haben, viel positiv trainieren und trotzdem dort wo es angebracht ist Strafen anwenden.

    die Abbrüche um das Bedürfnis "Entspannter Spaziergang" zu erreichen würde ich z.B. eindeutig als BO-Erziehung deklarieren ;)

    so seh ich das eben auch. Es ist normaler Bestandteil sozialer Kommunikation, dass es auch mal ein "böses" Nein gibt. Es ist das Bedürfnis aller Lebewesen zu wissen, in welchem Rahmen sie sich "bewegen" dürfen - und diesen Rahmen kann man eben nicht "erklickern" oder nur sehr langwierig, so dass der Hund relativ lang im Unklaren ist, was genau erwartet wird. Aus eigener beruflicher Erfahrung kann ich sagen, dass das keine schöne Situation ist. Lieber einmal klar sagen, was Sache ist, als ewig lang den Punkt suchen zu müssen.

    Ab und an wird er sicherlich auch schon Erfolg mit einer Täuschung gehabt haben. Na und? Sei's drum.

    ja, wenn es bei ab und an bleibt. Bleibt es bei Jin nicht. Die sieht dann überall etwas und ihre Anspannung wird immer größer - also nix mit entspanntem Waldspaziergang.

    Daher bei ihr Abbruch oder Belohnung für's selbstständige Abwenden. Hat unsre Waldspaziergänge wieder entspannter gemacht.

    Das Problem ist ja, dass es im Wald überall spannend riechen kann. Nicht nur Wildspuren - evtl. hält sich grad Wild auf in dem Gebüsch 10m weiter im Unterholz oder hat dort genächtigt. Oder es raschelt 20m weiter im Wald - Maus, Vogel, Eichhörnchen? Egal - alles spannend, alles toll. Joa, so ist das mit einem sensiblen/reizoffenem Hetzjäger, der durchaus alle seine Sinne zur Jagd zu nutzen weiß...