Die Theorie werden dir sicher Berufenere erklären - ich kann dir nur aus der Praxis sagen, daß der COI allein noch nicht ausschlaggebend sein muß.
Islandpferde zum Beispiel haben einen COI, der kaum noch vorstellbar ist: einmal stammen sie von den wenigen Ponies ab, die die Wikinger vor einem Jahrtausend per Langboot auf die Insel geschafft haben, danach kam nur noch sehr, sehr wenig Fremdblut dazu (offiziell sogar gar keins, aber das ist eine Legende). Im achtzehnten Jahrhundert tötete dann ein Vulkanausbruch alle Pferde bis auf ein paar hundert, von denen nur ganz wenige Zuchttiere waren - und von diesen wenigen Tieren stammt die gesamte heutige Population ab. Die guten Reitpferde-Stämme entstanden sogar noch aus extremer Linien- und Inzestzucht über Generationen, weil's in den abgelegenen Tälern oft gar nicht anders ging.
Tausend Jahre Superinzucht - und das Ergebnis ist ein besonders fittes, gesundes und widerstandfähiges Tier, weil noch ein zweiter Faktor dazukam: ebenso superstrenge Selektion. Jedes Pferd, das nicht in jeder Beziehung total fit war, überstand die Extremwinter draußen nicht. Jedes, das unter den knallharten Bedingungen nicht ungewöhnlich leistungsfähig und - willig war, endete sofort auf dem Teller.
Das Ergebnis ist tatsächlich ein besonders gesundes, vitales und langlebiges Pferd mit einem aberwitzigen COI. Eine Ausnahme von der allgemeinen Fitneß gibt es leider: das inzuchtgeschwächte Immunsystem hat hier oft Schwierigkeiten mit Allergenen, gegen die die Pferde in tausend Jahren Island keine Resistenzen entwickeln konnten.
Meine eigene alte Import-Stute wäre da ein Musterbeispiel: sie hat einen Ahnenschwund, der selbst ein europäisches Königshaus erblassen lassen würde, war in ihren 24 Jahren noch nie krank, brauchte auch unter hoher Belastung nie Hufeisen und ist heute noch topfit - aber Sommerekzem hat sie eben doch. Der eng verwandte Import-Wallach einer Freundin, der auch aus extremer Inzestzucht stammt, ist vor einem Jahr an Altersschwäche gestorben - mit fast 43 Jahren...
Auf Hunde übertragen hieße das: es käme auf den Züchter an, wie hoch der COI wäre, den ich tolerieren würde. Bei jemandem, der seine eigenen Hunde arbeitet, auch mal harter Belastung (z.B. Jagd) aussetzt und nur die Fitten in die Zucht nimmt, würde ich auch noch einen Welpen aus ziemlich enger Linienzucht nehmen, bzw: Ich hab's getan und bereue es absolut nicht.
Kämen die angebotenen Welpen aber von jemandem, der eben nicht mit ihnen arbeitet, etwaige Schwachstellen also gar nicht kennen KANN und dann vielleicht auch noch wenige Erfahrung mit der Rasse und den entsprechenden Linien hat, sondern nur möglichst oft Schönheits-Champions im Pedigree vorweisen möchte, würde ich einen ganz großen Bogen um diesen Wurf machen.