Ich fürchte auch, mit der ganzen Aktion vorher steigerst du ihre Aufregung nur noch weiter, und was sie dann abliefert ist eine Mischung aus großer Freude (Streß!) und dem Unterwürfigkeitspinkeln ("Bitte friß mich nicht, Fremder!") eines unsicheren jungen Hundes. Für letzteres spricht sehr, daß sie genau dann loslegt, wenn sie angefaßt wird. Also in dem Moment, in dem die "Gefahr" akut und ihr die Situation unheimlich wird, beugt sie mit dieser totalen Unterwürfigkeitsgeste sozusagen jedem Ärger vor. Daß wir Menschen sowas anders verstehen als ein Artgenosse, weiß ein Hund ja blöderweise nicht.
Kommt mir enorm bekannt vor: meine sensible Terrierhündin hat in den Alter dasselbe getan und pinkelt sogar heute, mit zweidreiviertel, noch in einer einzigen Situation: wenn fremde, große Männer sich über sie beugen, um sie zu streicheln. Da benutzt sie das Pinkeln ganz klar, um den gefährlichen Riesen zu zeigen ,daß sie "welpenhaft" klein und harmlos ist.
Bei uns hat sie übrigens nie gepinkelt, egal, wie lange wir weg waren. Es waren/sind immer diese "Vorstellungssituationen", genau wie bei deinem Hund: Aufregung, Freude und Fremde.
Geholfen hat uns da am besten, jede überflüssige Spannung rauszunehmen. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, wer denn nun Besuch zuerst begrüßen "darf" und erst recht keine solchen Rituale eingeführt. Das hätte die Aufregung und Erwartung ja immer nur weiter aufgebaut. Bei uns gibt's zwei Möglichkeiten: entweder es kommt jemand wie der Paketbote, der sie nichts angeht, dann sitzt sie inzwischen auf der Treppe frei ab, darf also dabeisein, hat aber mit der Situation sonst nichts zu tun. Dann pinkelt sie natürlich nicht.
Kriegen wir gemeinsam Besuch, begrüßen wir den auch gemeinsam, in den frühen Pinkelphasen möglichst schon an der Gartenpforte. Ich bitte die Besucher, den Hund dabei nicht zu bedrängen, also einfach den kurzen Moment abzuwarten, bis sie von selbst kommt und aktiv um Zuwendung bittet. Dann sitzen wir meist alle schon, die erste Aufregung ist vorbei, und alles geht pinkelfrei. Das klappte immer besser, und heute zeigt das Sensibelchen diese Unterwürfigkeits-Geste nur noch dann, wenn es sich "überfallen" fühlt, und das kann man vermeiden.
Wir sind also sozusagen den umgekehrten Weg gegangen: So wenig spezieller Aufstand wie möglich, und erst recht kein Wegsperr-Ritual zum gezielten Spannungsaufbau, wenn es klingelt. Hund ist ganz selbstverständlich dabei, aber nicht der Mittelpunkt, fühlt sich also nicht bedrängt und muß nicht so beschwichtigen. Pinkelte sie doch mal, wurde es eben weggewischt, und fertig. Vorher spazierengehen, daß die Blase leer ist, ist sicher generell nützlich, aber es wird das Pinkeln an sich nicht verhindern: das macht sie ja in dem Moment absichtlich, wird also notfalls auch noch den letzten Reservetropfen rausdrücken.
So hat meine Hündin diese generelle Begrüßungs-Pinkelei mit dem Älterwerden so gut wie ganz abgelegt, auch wenn es bei dem Sensibelchen ungewöhnlich lange gedauert hat - normalerweise endet sowas ja schon mit dem Welpenalter. Jetzt benutzt sie sowas nur noch in (aus ihrer Sicht!)Extremsituationen: eben dieser große Unbekannte, der sie anfassen will. Da geht sie nach wie vor auf Nummer Sicher, und damit kann ich gut leben - ich denke, wenn sie noch etwas älter und sicherer ist, wird auch das aufhören.
Mein Fazit aus den Pinkel-Jahren wäre also: je weniger Theater man um die ganze Besuchs-Sache macht, desto weniger pinkelt der Hund.