Beiträge von lilactime


    Bin auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wieso das beim Erscheinen so an mir vorbeigehen konnte, noch auf etwas gestoßen: Das Archiv der „SWR-Bestenliste“.

    Das Archiv kenne ich - es ist mir nur (wie erwähnt) zu unübersichtlich. :smile:

    Aaaaber deinem Perlentaucher-Tipp bin ich mal nachgegangen.

    Das ist was für mich, danke!

    .....

    Ich lese momentan "Altes Land" von Dörte Hansen und bin total verliebt in ihre Bissigkeit.

    Kennt ihr eine umfangreiche, gute Webseite für Literaturbesprechungen/Kritiken, möglichst auch rückwirkend...also mit vorgestellten Büchern nicht nur der letzten 10-15 Jahre?

    Ich kenne die SWR Bestenlisten, sich da durchzuwühlen wäre aber eine Lebensaufgabe.

    Zwar notiere ich mir häufig Bücher, die für mich interessant klingen, das sind dann aber eben Glückstreffer.

    Würde mir gerne eine umfassendere Wunschliste anlegen.

    Der Voyeurismus kam mir auch lediglich beim Hinterfragen der Gründe in den Sinn. Als Theorie in Bezug zum Lustgewinn beim Lesen.

    Es gibt natürlich den Gewinn der Erkenntnis, der Horizonterweiterung bei Abschluss eines Buches.

    Das ist ja aber eher sekundär.

    Mit Lustgewinn meinte ich die primäre Motivation, die einen am Lesen hält, von Seite zu Seite treibt.

    Ich halte diese für nochmal etwas anderes.

    Beim Lesen verschafft Lesen ja ein gutes Gefühl - nicht erst im Hinblick auf die Schlusserkenntnis.

    "Dagegen halten bei jeder modernen Tendenz zu all diesen unmenschlichen Regungen" (sorry, abraxas61, Zitat funktionierte nicht)

    Das ist auf jeden Fall ein wertvoller Antrieb, stimmt.

    Erst wenn man informiert darüber ist, was möglich war, kann man sich dem in der Gegenwart mit vollster Überzeugung entgegenstellen.

    Außerdem lassen sich bestimmte Muster und Strömungen, die sich zu wiederholen drohen, leichter enttarnen wenn man um ihre Ursprünge weiß.

    Ein Gedankengang:

    Ich lese sehr sehr viel an Literatur, die direkt oder indirekt mit dem 3. Reich zu sammenhängt.

    Momentan ist es "Jeder stirbt für sich allein" von Hans Fallada. Ich merke, obwohl ich das Buch sehr gut fand, dass es mir schwer fällt, die letzten 100 Seiten in Angriff zu nehmen.

    Spoiler anzeigen

    Der Rest des Buches wird wohl fast ausschließlich im Gestapo-Gebäude ("Prinz Albrecht Straße") in Berlin angesiedelt sein.

    Der Roman orientiert sich an einer wahren Begebenheit, was noch mehr Schwere in die Zeilen drückt.

    Das Vorgehen in den Kellerräumen der Gestapo (Verhöre, Folter, Entmenschlichung) wird explizit beschrieben.

    Immer wieder komme ich auf Literatur zurück, die sich mit dem dritten Reich/II. WK beschäftigt, immer wieder zieht mich das an.

    Im besten Fall (so meine Überlegung) ist der Grund dafür, dass meine Fassungslosigkeit und mein Unverständnis so groß ist, dass ich immer und immer wieder den Versuch unternehme, mehr zu erfahren um besser zu verstehen.

    Allerdings kam mir auch ein anderer möglicher Grund in den Sinn:

    Ich lese aus eigenem Antrieb und nach eigener Wahl. Ein solches Lesen hat immer einen Lustgewinn als Grundlage. Sonst würde das schließlich keiner machen - ein Belohnungseffekt muss vorhanden sein.

    Was also ist der Lustgewinn bei der Auswahl dunkelster, auf einem realen Hintergrund basierender Literatur?

    Irgendwie scheint mir das eine Zwickmühle.

    Die Antriebe hin zu einer bestimmten Literaturgattung sind bestimmt vielfältig. Neben einem Verstehenwollen, einem Wissensdurst, einem Interessenschwerpunkt kommt mir aber auch immer eine Art Elendsvoyeurismus in den Sinn.

    Man sitzt quasi 80 Jahre später in schönster Sicherheit auf seinem Sofa und lässt sich die 12 Jahre literarisch aufmarschieren, die ein riesiges Potential an realem Horror mitbringen.

    Ist das nachvollziehbar, dieses Problem?

    Was sagt ihr dazu?

    Wie haltet ihr das eigentlich mit eurer Büchersammlung generell?

    Legt ihr Wert auf gebundene Ausgaben oder besonders ansprechende Covergestaltung?

    Habt ihr ein System im Regal/habt ihr überhaupt Bücherregale?

    Geht ihr pfleglich mit euren Büchern um?

    Zu meiner Schande: Ich gehe furchtbar mit Büchern um.

    Meist kaufe ich antiquarisch, Zustand ist mir egal.

    Hab ich ein Buch gelesen, sieht es versehrter aus, als es Not täte.

    Irgendwelche Flecken, Knicke, Wasserschäden (Badewanne)...ich bekomme es nicht hin, da etwas achtsamer zu sein.

    Da ich Bücher zudem nur ein einziges Mal lese (wenige Ausnahmen), behalte ich nur Werke, die mich wirklich überzeugt haben und gebe den Rest weg (sofern nicht komplett vermackelt).

    Regale sind schon lange voll, daher baue ich Türmchen.

    Manchmal schäme ich mich echt für meine Lieblosigkeit.

    Andererseits hat das Buch für mich nach dem Lesen eben auch seinen Zweck erfüllt. Transformation Papier zu Kopf ist abgeschlossen.

    Mehr braucht es für mich streng genommen nicht...auch wenn ich mir schön gestaltete Regale/Bibliotheken gerne anschaue.

    Und ihr so? ?

    Kaum zwei Tage Weihnachtsbäume verkauft, schon so viel verpasst.

    Mir wäre jetzt nicht aufgefallen, dass hier großartig Genre-Grabenkämpfe oder Abwertung literarisch "leichterer" Kost stattfindet.

    MEn wird eben das überlesen, wozu man nichts beizutragen hat.

    Während der toten Punkte im Verlauf der Verkaufstage habe ich "Hiob" von Joseph Roth fast durchbekommen.

    Momentan habe ich irgendwie nen Lauf, wieder ein großes, absolut lesenswertes Buch.

    Wenn ich es durch habe, schreibe ich vielleicht noch näheres dazu.

    Habe "Das große Heft" von Agota Kristof abgeschlossen.

    Es folgen diesem Buch noch zwei Teile ("Der Beweis" und "Die dritte Lüge"), die ich mir definitiv kaufen werde.

    Das Buch handelt von einem Zwillingspaar (zwei Jungs), das von ihrer Mutter aufgrund der Kriegswirren bei der Großmutter untergebracht wird.

    Die Kapitel sind extrem kurz (maximal zwei Seiten), die Sprache ist lakonisch, karg und brutal.

    Es wird in der 1. Person Plural erzählt, aus Sicht der Zwillinge, was von Seite zu Seite verstörender wirkt und dem Leser am Schluss des Buches nochmal einen ordentlichen Kinnhaken beschert.

    Das Zwillingspaar ist eine seltsame Einheit, es erfindet für sich ein völlig eigenes moralisches Wertesystem, was in aller Härte und aller Konsequenz durchgesetzt wird.

    Das Buch folgt ausschließlich der Logik dieses Systems - anscheinend die Antwort der beiden Jungen auf die Kriegsrealität, der sie ausgesetzt sind.

    Dieser ganz besondere Schreibstil macht das Buch zu einem wirklich harten Brocken.

    Ich fand es aber sehr lesenswert und eine echte Bereicherung.