Das heisst, Deine Herdenschutzhunde würden Dich nicht beschützen sondern nur Deine Tiere?
Das Schutzverhalten von HSH ist etwas sehr Differenziertes.
Die sind dafür da, im Team aus mehreren Hunden, mit der Herde und dem "Hirten" zu agieren.
Würde ein Braunbär meine Rinder angreifen und sich dabei einen der Hunde packen, würden sie sich gegenseitig unterstützen.
Würde der Braunbär mir seine Rachenmandeln zeigen, würden sie mich unterstützen.
Das ist aber etwas anderes als das typische Schutzverhalten den Rindern gegenüber.
Bei uns lebt Balu mit in der Familie und ich denke, er wird und soll auch immer aufpassen. Das das für Fremde nicht ungefährlich ist, das weiss ich.
Meine HSH sind übrigens auch eng am Menschen.
Durch die unmittelbare Zusammenarbeit im Herdenschutz weit mehr als das als reiner Familienhund der Fall ist.
Er hört, allerdings nicht aufs Wort und er lässt sich meistens abrufen, wobei er oft noch eine Ehrenrunde um mich dreht.
Aufs erste Komando funktionieren nur Sachen die ihm Spass machen.
Das sehe ich sehr, sehr kritisch.
Warum?
Weil Balu jetzt grad noch in einem Alter ist, in dem das alles noch recht problemlos fluppen sollte.
Ein ganz häufiger Werdegang bei HSH in Privathand ist der, dass die Halter sich lange Zeit fragen, was andere HH nur immer mit dem HSH-Getue haben, der Hund ist doch lieb und hört ganz gut und dass er ein wenig wacht und aufpasst, ist doch was Feines.
Bis der Kerle dann von einem Moment zum nächsten erwachsen wird und das Schutzverhalten sich explosionsartig von Level 1 wie bisher beim Junghund auf Level 3500 wiederfindet. Dann einen Hund zu haben, der bis dato nur larifari "gehört" hat, ist eine Katastrophe.
Das typische Abgabealter von HSH ins Tierheim wegen nicht mehr handlebarer Probleme, liegt bei 2 Jahren. Und dann sind sie noch lange nicht ganz erwachsen.
Diese Abschirmungs-Ehrenrunde um Dich rum ist ein ganz drastisches Warn-Signal, dass Ihr grad in eine falsche Richtung abbiegt.
Nimm das bitte unbedingt ernst!
Aber diese Sturheit, damit kann ich leben. Dominanzverhalten zeigt er mir gegenüber keines.
Meine Hunde sind z. B. überhaupt nicht stur.
Aber sie sind absolute Fremdsprachen-Künstler - sonst könnten sie nicht mit so vollkommen anders gestrickten Tierarten wie Schafen oder Rindern als soziale Gruppe zusammenleben.
Jedes nicht sofortige Befolgen eines eigentlich sitzenden Abrufs, ist die klare Aussage des Hundes, dass er Dich nicht für voll nimmt.
Das geht auch ganz subtil - z. B. indem der Hund zwar kommt, wenn man ihn ruft, aber dabei trödelt er extrem, kommt nur schlurfenden, schleppenden Schrittes, muss unterwegs noch hier und da schnuppern und markiert noch 3 Meter von Dir entfernt an einem Grasbüschel.
Ich will nicht abstreiten, dass Balu noch viel bessere Lebensbedingungen bräuchte. Aber er hat eine Aufgabe, Auslauf, Freigang und ist nicht alleine.
Ich glaub nicht, dass hier irgendjemand das in Frage stellt.
Was noch fehlt, ist das grundlegende Verständnis, wie diese Hunde ticken. Dann kann man sie besser lesen und lenken.
Ich glaube, Balu würde nur innerhalb unserer 4 Wände jemanden ernsthaft angreifen, wenn derjenige Fremd ist und nicht zurück weicht oder uns tatsächlich jemand bedrohlich gegenüber tritt.
Als Schützling des Hundes stünde man dann ohnmächtig und hilflos daneben und müsste dabei zusehen, wie 60 kg Hund völlig ausser Kontrolle sind und ernsthaften Schaden anrichten. Das kann niemand wollen. Wirklich nicht.
Hier ist vor 2 Jahren mal ein Feriengast-Kind an den Zaun gerannt gekommen, gestolpert und durch den E-Zaun in den Rinderauslauf gefallen. Die Hunde haben die neugierigen Rinder vom Kind weggedrückt (nicht lassie-mäßig, sondern schlicht, um die Rinder aus einer seltsamen Situation rauszuhalten) und das Kind in Ruhe gelassen.
Ähnlich haben sie sich einem völlig vertüddelten alten Hund gegenüber verhalten, der aus Versehen unterm E-Zaun durchgeschlüpft ist. Dem haben sie sich nur in den Weg gestellt und ihn wieder ziehen lassen. Der hatte nichtmal Kangalspucke am Fell.
So hochdifferenziert können HSH agieren, Situationen bewerten und adäquat damit umgehen, wenn sie während der Junghund-Entwicklung immer wieder feedback vom Halter bekommen haben, was "gefährlich" ist und was nicht.
Die müssen nicht, nur weil einem nachts beim letzten Spaziergang wer begegnet gleich in den Verteidigungsmodus fallen. Andere Leuts DÜRFEN da draussen genauso rumlaufen, wie wir auch.
Da waren wir bei einem befreundeten Schäfer zu Besuch - HSH sollten vom Halter abgenickten Fremden gegenüber neutral bis freundlich sein:
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Das ist einer meiner Rüden, als ein BR-Team bei uns gefilmt hat:
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Meine Hunde müssten sich nicht von Fremden streicheln lassen - sie haben jederzeit die gelernte Option auf Abstand zu bleiben. Aber Besucher, die ich abnicke, werden absolut neutral behandelt. Auch völlig Fremde, wie z. B. Wanderer, die auf ein Gespräch an den Zaun kommen.
Mal fabuliert: hätte dieser Kamera-Mann plötzlich ein Messer gezückt und wäre schreiend auf die Rinder losgelaufen, hätten die Hunde darauf selbstverständlich reagiert. Aber nicht mit einem Angriff. Sie wären ihm ständig vor die Füße gerannt, um ihn zu stoppen, sie hätten ihn als nächstes vermutlich angesprungen und umgeworfen, wäre er dann auf allen Vieren weiter Richtung Rinder, hätten sie ihn z. B. am Handgelenk oder an der Hose gepackt und festgehalten. Sie hätten zwölfendrölfzig unblutige Wege gefunden, den Mann von einem Angriff auf die Rinder abzuhalten. Um von reinen VERTEIDIGERN angegriffen zu werden, muss man sich schon richtig ins Zeugs legen.
So funktionieren saubere HSH - ein HSH, der irgendwo in der Schwebe ist, weil ihm nicht klar ist, wen oder was er eigentlich schützen soll, dem seine Genetik aber vorgibt, genau das tun zu müssen, ist ein höchstgradig verwirrter Hund, der nicht so recht weiß, wohin mit seinen Anlagen. Ihm das zu zeigen, ihm zu zeigen, wie weit seine Handlungskompetenzen gesteckt sind, dafür bist Du als Halter da.